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Viel zu viel Zucker

Foodwatch stellt »Coca-Cola-Report« vor und fordert Maßnahmen von der Politik

  • Von Haidy Damm
  • Lesedauer: 4 Min.

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Der Ort war werbewirksam gewählt: Mit der Berliner Zentrale des Getränkeherstellers Coca-Cola im Hintergrund hat die Verbraucherorganisation Foodwatch am Mittwoch ihren »Coca-Cola-Report« vorgestellt. Der Konzern sei mitverantwortlich für die Zunahme von Fettleibigkeit und Diabetes, lautet der darin erhobene Vorwurf. Denn der Weltmarktführer von Limonaden verharmlose wissenschaftlich belegte Risiken seiner zuckerhaltigen Getränke, erklärte der Geschäftsführer von Foodwatch Deutschland, Martin Rücker.

Im Fokus des Berichtes stehe die Werbestrategie des Konzerns, der es »wie kaum ein anderer versteht, ein positives Image zu kreieren - auch und gerade bei jungen Menschen«, so Studienautor Oliver Huizinga. Dabei seien die Zuckergetränke von Coca-Cola »flüssige Krankmacher«.

Der Konzern habe sich zwar verpflichtet, nicht in Medien zu werben, die sich mehrheitlich an Kinder unter zwölf Jahren richten. Die Studie von Foodwatch zeige jedoch, dass die Zielgruppe der Kampagnen besonders Kinder und Jugendliche seien.

Beispiel: Zur Fußballweltmeisterschaft der Männer habe der Konzern eine Spezialedition seiner Coca-Cola-Dosen herausgebracht mit den Konterfeis aller deutschen Nationalspieler. »Einer der häufigsten Berufswünsche von Jungen ist Fußballprofi«, erklärt Studienautor Oliver Huizinga von Foodwatch. Für ihn richtet sich diese Werbung genauso eindeutig an Kinder und Jugendliche wie die Weihnachtstouren des Coca-Cola-Trucks. Auch die Strategie des Konzerns, auf Youtube-Kanälen mit »Influenzern«, zu arbeiten, kritisiert Huizinga. »Youtuber genießen bei ihren jungen Fans hohes Ansehen, die Videoplattform ist für Kinder und Jugendliche die wichtigste Seite im Netz.« Beiläufig werde immer wieder Cola getrunken, zudem seien neun der 20 meistabonnierten Youtuber in Deutschland bereits im konzerneigenen Youtube-Kanal »CokeTV« aufgetreten.

Weiterer Kritikpunkt in dem 100-seitigen Bericht: Coca-Cola versuche durch gezielte Lobbyarbeit Sondersteuern zu verhindern, wie sie jetzt in Großbritannien und zuvor unter anderem in Frankreich, Irland, Belgien oder Mexiko verabschiedet wurden. Foodwatch bezieht sich bei diesem Vorwurf auf im Jahr 2016 geleakte interne E-Mails von Konzernbeschäftigten, in denen der Bekämpfung dieser politischen Gesundheitsmaßnahmen höchste Priorität eingeräumt werde. Diese Versuche seien »zurückzuschlagen«, heißt es in den E-Mails.

Übergewicht und Diabetes seien aber »kein Luxusproblem, sondern schwerwiegende Erkrankungen«, so Huizinga. Schon eine Dose überzuckerte Limonade am Tag erhöhe das Risiko für die Entstehung von Übergewicht und Typ-2-Diabetes. Nach Angaben von Foodwatch zeigen 80 Prozent der unabhängig finanzierten Studien einen Zusammenhang von Übergewicht und dem Konsum von Zuckergetränken. Dagegen kämen 80 Prozent der von der Lebensmittelindustrie bezahlten Untersuchungen zu einem gegenteiligen Ergebnis.

Coca-Cola wies die Vorwürfe der Verbraucherorganisation zurück. »Übergewicht ist ein komplexes Phänomen. Einfache Antworten sind verlockend, aber sie lösen das Problem nicht. Es braucht vielmehr den Willen zu gemeinschaftlichen Lösungen«, erklärte Patrick Kammerer, Mitglied der Geschäftsleitung von Coca-Cola Deutschland am Mittwoch in Berlin. Der Konzern investiere überproportional viel in die Werbung für Getränke ohne oder mit weniger Zucker, hieß es am Mittwoch in einer Stellungnahme. Zudem werbe Coca-Cola nicht in Medien, die sich mehrheitlich an Kinder unter zwölf Jahren richten. Diese Selbstverpflichtung werde regelmäßig von unabhängigen Dritten überprüft.

Der Konzern sei offen »für einen konstruktiven, lösungsorientierten Dialog«, sagte Kammerer und kündigte gleichzeitig an: »Wir senken den Zuckergehalt in unseren Erfrischungsgetränken bis 2020 um zehn Prozent.« Der Leiter der Öffentlichkeitsarbeit von Coca-Cola stellte aber auch klar: »Man kann Übergewicht nicht wegbesteuern.« Es gehe um die gesamte Kalorienaufnahme eines Menschen und seinen Lebensstil insgesamt. »Eine solche diskriminierende Steuer erfüllt deshalb nicht ihren behaupteten Zweck.«

Auch Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) warnte vor einfach klingenden Lösungen und lehnte die Forderung einer Zuckersteuer wie ihr Vorgänger Christian Schmidt (CSU) ab: »Es klingt einfach und verlockend, eine zusätzliche Steuer für Fertigprodukte in unserem Land zu erheben.« Die Praxis tue der Theorie aber nicht immer den Gefallen. »Es mag zwar sein, dass der Zuckergehalt in manchen Produkten sinkt. Das gilt aber nicht automatisch für den Gesamtkaloriengehalt.« Im Fokus solle daher die gesamte Ernährungsweise stehen, nicht einzelne Nährstoffe. Sie setze zudem auf Ernährungsbildung über gesundes Essen.

Dass Eltern damit gegen die ausgeklügelten Marketingstrategien ankommen, kann getrost bezweifelt werden. Foodwatch setzt auf eine lange Auseinadersetzung: Das Titelbild des Berichtes zeigt nicht ohne Grund den »Malboro-Mann« mit einer Coca-Cola in der Hand. »Zuckergetränke sind die neuen Zigaretten«, sagte Huizinga. Noch verhalte sich die Ernährungsindustrie wie lange Zeit die Tabakkonzerne. »Wir müssen erkennen, dass sie Teil des Problems und nicht der Lösung sind«, so Huizinga. Deshalb fordere Foodwatch eine Reihe politischer Maßnahmen wie eine Nährwertampel und höhere Steuern auf Zuckergetränke sowie eine Abschaffung der Mehrwertsteuer auf Obst und Gemüse. Selbstverpflichtungen genügten dagegen nicht. Auch eine Ampelkennzeichnung nach Wünschen der Industrie schaffe weniger statt mehr Transparenz.

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