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Geschichtsstunde beim Kaffeekränzchen

Unterwegs in Südjütland, der Region zwischen Nord- und Ostsee

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Ich verkaufe Erlebnisse«, fasst Marianne Weimer ihre Arbeit auf der kleinen südjütländischen Insel Årø kurz und bündig zusammen und serviert sofort eines im einstigen Pferdestall von »Brummers Gaard« auf einer Schiefertafel. Nichts weniger als »die Landschaft in einer Wurst« tischt sie auf, die sie als Signatur ihrer Wahlheimat erfunden hat. Das Fleisch dazu liefern die Galloways, die nur wenige hundert Meter weiter friedlich vor sich hin grasen. Für Binnenländer recht ungewöhnliches Grünzeug ist nicht nur mitverarbeitet, sondern umrahmt auch den Imbiss: frittierte Algen, Strandkohl und -senf sowie ein vollmundiges Pesto, das tatsächlich alle Aromen der kleinen und doch so abwechslungsreichen Region zwischen Nord- und Ostsee zu vereinen scheint. Zarte lila Blüten komplettieren das Arrangement.

Diese Kostproben sind der erste Schritt zum nächsten Erlebnis, das direkt am Strand wartet. »Ich lehre Leute die wilden Pflanzen zu erkennen, zu sammeln und für die Küche zu verarbeiten.« Also noch mit dem Geschmack Jütlands auf der Zunge rein in ein Golfmobil, zufällig das, in dem sich die dänische Königin Margrethe II. jüngst von der Schönheit ihres südlichsten Landstriches überzeugte, und ab über die Insel. Sie misst gerade mal 566 Hektar und knapp 22 Kilometer Küstenlänge, gehört zur Kommune Hadersleben und ist mit einer kurzen Fährfahrt durch den Kleinen Belt ab Årøsund erreichbar. Um die 200 Einwohner besiedeln das Eiland mit seinen schmalen Straßen, Steinwällen, alten Familiengehöften und Feldern.

Wenngleich alles auf der Insel gut zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar ist, ist die Fahrt im Golfmobil wie Sightseeing im Zeitraffer. Ein Erlebnis eben. Es geht vorbei an den wiederkäuenden Galloways, dem Campingplatz und der ersten japanischen Parkgolfanlage Europas mit neun Löchern. Hofläden mit den köstlichen Inselprodukten sind zu sehen und schließlich die zum Naturschutzgebiet erklärte Landzunge Årø Kalv einschließlich der Lagune Store Korsø. Deren großen Vogelvielfalt zieht Fotografen und Naturliebhaber magisch an.

Selbst wenn eine Strandsafari im Mai am einträglichsten für ein abwechslungsreiches Menü ist, findet sich auch in fast allen anderen Monaten Gesundes und Schmackhaftes: Der Strandsenf mit seinen kleinen lila Blüten ist nicht einfach nur ansehnliche Dekoration für das Gericht, sondern auch sehr aromatisch. Der Strandkohl hingegen bildet eine großartige Grundlage für einen Salat mit Nüssen und Tomaten. Mit Öl und Zitronensaft verwandelt er sich zu herzhaftem Pesto. Der Seetang schmeckt nicht nur frittiert gut, sondern wird vom Winzer um die Ecke sogar zu Wein verflüssigt, der sich ausgesprochen gut als Aperitif macht. Neben dem eher ungewöhnlichen Seetangwein hegt und pflegt der Winzer vor allem mehrere Sorten weiße und rote Trauben, die an 5600 Rebstöcken wachsen, und er verarbeitet Äpfel von 1200 Bäumen.

Als Sven-Oge Hansen 2004 die ersten 125 Rebstöcke setzte, wurde er für seine Absicht, ausgerechnet so weit nördlich Wein produzieren zu wollen, von vielen belächelt. Aber das war ihm egal, denn drei Jahre später wurde der Direktor einer EDV-Firma pensioniert und wollte gern was Neues ausprobieren. Doch dann entwickelte seine Idee eine nicht vorhergesehene Eigendynamik. Also erweiterte er 2007 seine Anbaufläche und konnte schon so viel keltern, dass sein Eigenbedarf und der der Familie gedeckt und die ersten Flaschen als originelles Souvenir an Touristen verkauft werden konnten. Die Königin soll bei ihrem Inselbesuch - geplagt von Schmerzen - einen ordentlichen Schluck vom Seetangwein mit seinen gesunden Bestandteilen genommen haben. Danach sei es ihr besser gegangen, wird erzählt. Sie fand das Getränk »höchst interessant«, nahm zwei Flaschen mit und sagte dem Winzer, dass sie daraus Gelee kochen wolle. Dank der mitreisenden Journalisten wurde daraufhin das kleine Årø Weingut auf einen Schlag zu einer landesweiten Berühmtheit.

Vor zwei Jahren schlug der Insulaner Jakob Lei dem inzwischen in Sachen Wein versierten Sven-Oge Hansen vor, gemeinsam Cider zu produzieren, weil die Årø-Äpfel dank des einzigartigen Klimas nicht nur besonders schmackhaft, sondern auch ausgesprochen ertragreich sind. Winzer Hansen indes hatte eine bessere Idee: »Kauf mir einfach alles ab, und ich helfe dir, bis du selbst ein Experte bist.« Der junge Ingenieur für Landwirtschaftsmaschinen tat es, erweiterte den Weinberg um dreitausend Rebstöcke und baute ein neues Produktionsgebäude mit Verkaufsraum und Restaurant, nur neunhundert Meter vom Fähranleger entfernt. Von der dazugehörigen Terrasse kann man beim Wein einen entspannten Blick auf den Kleinen Belt werfen. Auf einen Händler können die beiden Weinbesessenen verzichten: Die Touristen trinken bei Weingutbesichtigungen und Probierrunden alles aus.

Es gibt Kuchen! Und zwar 21 Sorten. Vom schlichten Butterbrötchen über Kalten Hund bis zu sahnestrotzenden Torten nach überlieferten Rezepten. Dieses süße Fest lässt sich keiner entgehen, wenn zum Beispiel das Gut Hohenwarte in Højer monatlich zur traditionellen jütländischen Kaffeetafel lädt. Die Bewohner der Nachbargemeinden und ihre Feriengäste genauso wenig wie Familien aus Kopenhagen. Anmelden empfiehlt sich, denn die 125 Plätze sind immer schnell vergeben.

Nach einem herzlichen Willkommen eröffnet Hausherrin Vivi Paulsen das Büfett und lässt große Kaffeekannen herumreichen. Doch in die Vorfreude auf all die Köstlichkeiten mischt sich auch so etwas wie Andacht. Denn die jütländische Kaffeetafel ist kein x-beliebiges Kaffeekränzchen, sondern eine Institution mit Wurzeln im dänischen Freiheitskampf, geeignet, das von Deutschland und Dänemark immer abwechselnd einverleibte Grenzvölkchen zu charakterisieren: Nach dem Krieg von 1864 fiel Südjütland zum Unmut der Bewohner unter deutsche Herrschaft. Aus Protest trafen sie sich in Versammlungshäusern und sangen - nunmehr verbotene - dänische Lieder. Doch weil die deutschen Behörden den Versammlungshäusern keine Schankgenehmigung erteilten, konnten die Treffen nicht mit dem traditionellen Kaffeepunsch beschlossen werden. So trafen sich die Dänen eben zum Kaffeekränzchen. Weil die Versammlungshäuser aber zu wenig Platz boten, um für so viele Menschen zu backen, brachte man den Kuchen kurzerhand mit: Kringel, Krapfen, Napf- und Blechkuchen, Torten und Kekse. Unter den Hausfrauen entbrannte schon bald ein Wettstreit um den köstlichsten und obendrein optisch schönsten Kuchen. Das ist bis heute an sieben Standorten, wo die südjütländische Kaffeetafel noch zelebriert wird, so geblieben.

Auch die Frauen aus Hohenwarten werden nicht müde, mit immer neuen Platten voll unwiderstehlichem Gebäck die kalorienreiche Geschichtsstunde mit Erfolg und Sahne zu krönen. Die (eigentlich) vorgeschriebene Reihenfolge des Genusses - vom Weichen zum Harten, vom Fetten und Feuchten zum Trockenen - wiederzugeben, führt hier etwas zu weit. Geschlemmt wird, bis wirklich nichts mehr rein geht und die Kuchenesser für jedes verdauungsfördernde Kontrastprogramm dankbar sind.

Das naheliegendste ist unmittelbar auf dem Hohenwartener Hof mit seinem Abenteuerspielplatz, dem Streichelzoo und auf dem Rücken der Ponys und Pferde zu finden. Oder fünfzig Meter weiter auf und an der Vidau beim Angeln oder Rudern. Einen kleinen Spaziergang entfernt erwartet die Gesättigten ein eher schweißtreibender, gleichwohl ersehnter Ausgleich, wenn sie den alten Turm und/oder die Mühle von Højer besteigen. Wenn das Wetter mitspielt, reicht der Blick auf der einen Seite bis nach Sylt und in östlicher Richtung weit über das, was Südjütland noch so alles zu bieten hat. Und das ist beglückend viel.

Infos

www.visitsonderjylland.de

In Südjütland leben etwa 15 000 dänische Staatsbürger, die sich der deutschen Minderheit zugehörig fühlen. Für sie heißt die Region Nordschleswig, weil sie einst den nördlichen Teil des Herzogtums Schleswig ausmachte.

Das Schutzgebiet Årø Kalv ist vom 15. Juli bis 1. März frei zugänglich.

Die Fähre nach Årø legt ganzjährig jede Stunde von Årøsund ab. Im Hafen der Insel finden auch Segler beste Bedingungen vor.

Touristische Infos zu Dänemark:
www.visitdenmark.de

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