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Mythos Leistungselite

Bildungsrauschen

Der Ursprung des Wortes Elite liegt im Lateinischen »eligere«, das »aussuchen, auswählen« bedeutet. Das Adjektiv »elitär« tauchte laut der Webseite etymonline.com um 1852 auf. Glaubt man Wikipedia wurden mit »Elite« im 17. Jahrhundert zunächst lediglich »hochwertige und teure Waren« bezeichnet, insbesondere Stoffe, die als »Elitegarn« gehandelt wurden.

Mit der Französischen Revolution avancierten Bürger, die anders als Adel und Klerus ihren Lebensunterhalt selbst bestritten, zur Elite. Dieser zunächst allen Bürgern zugewiesene Begriff wurde mit der Industrialisierung Ausdruck einer nun herrschenden Schicht, die sich von der Masse abgrenzt. Doch anders als die Aristokratie braucht das kapitalistische System den freien Markt und mithin den freien Bürger, so dass heute die Ideologie des Neoliberalismus das Streben nach Elite als Volkssport verkaufen kann. Dass dies perfide ist, zeigt der Unterbegriff Bildungselite, der in Deutschland das Aufbrechen des Bildungsprivilegs des Bildungsbürgertums verspricht.

Die Verwendung des Begriffs Elite in allen möglichen Zusammenhängen trug ironischerweise zur Verallgemeinerung elitären Verhaltens bei, was wiederum Abgrenzungsbemühungen des Bürgertums hervorrief. Der Inflation des Elitären wurde der Wettbewerbsvorteil entgegengesetzt. Das kulturelle Kapital (Bourdieu) wird in Geld verwandelt, indem private Bildungseinrichtungen aufgesucht werden, die Sprösslinge auf dem aktuellen Stand neuer Technologien gehalten oder ihnen exklusive Auslandsreisen ermöglicht werden.

Bereits 2002 beschrieb der Soziologe Michael Hartmann in seinem Buch »Der Mythos von den Leistungseliten« diese Fortsetzung der Bildungsselektion mit anderen Mitteln (linksnet.de). In einem Interview mit dem »Standard« (derstandard.at) betonte er 2015, dass es zwar auf Leistung ankomme, die Voraussetzungen, diese zu erbringen, aber von der sozialen Herkunft abhängig seien, die zudem bei der Selektion berücksichtigt werde, ohne dass dies Lehrer oder Professoren explizit ausdrücken. »Kinder aus Akademikerfamilien haben es nicht nur leichter, die geforderten Leistungen zu erbringen, sondern diese werden von Lehrkräften auch besser bewertet als die von Kindern aus anderen Familien.« Für Hartmann ist der Begriff der Leistungselite eine Chimäre, denn Elite- und Machtpositionen zeichnen sich, abgesehen beim Sport, durch eine »Mischung verschiedener Kriterien« aus. In Politik und Wirtschaft gelte zudem das Prinzip der Ähnlichkeit. Es kommen die zum Zuge, die »einander erkennen und sagen: Ich bin der Richtige, und jemand, der mir so ähnlich ist, ist dann auch der Richtige.« Um einer Chancengleichheit näher zu kommen, brauche es eine »möglichst späte« Differenzierung bei der Schulwahl und eine Sensibilisierung der Lehrkräfte für soziale Differenzen.

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