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Erdrückendes Erbe Hamburgs

Kongress zum Genozid an Herero und Nama im damaligen Deutsch-Südwestafrika

  • Von Folke Havekost, Hamburg
  • Lesedauer: 3 Min.

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»In Hamburg wurde das Unheil geplant, von hier wurden die Soldaten ausgeschickt«, sagte Moses Kooper im Kaisersaal des Hamburger Rathauses, den die Stadtoberen einst für Wilhelm II. errichten ließen. Am Freitag sprach dort der Chief des Nama-Volks, das neben den Herero gegen die Kolonialherrschaft in »Deutsch-Südwestafrika« rebellierte - und forderte neben einer »Entschädigung nach internationalen Standards« die Rückgabe des Totenschädels eines Genozidopfers, der sich im Medizinhistorischen Museum Hamburg befindet.

Nicht allein die makabre Trophäe im Museum erinnert an die Verwobenheit der Hansestadt mit der deutschen Kolonialpolitik. Als global orientierte Kaufmannsstadt mischte Hamburg früh in vorderster Reihe mit. 1883 verabschiedete die Handelskammer eine Denkschrift an den Reichstag mit der Forderung, in Afrika deutsche Kolonien zu errichten. Treibende Kraft war der Großreeder und Handelskammer-Präses Adolph Woermann (1847 - 1911), nach dem zwei Straßen im Stadtteil Ohlsdorf benannt sind. »Die Erschliessung dieses Absatzgebietes« sei zwar »von grösstem Werthe«, hieß es in der Denkschrift, werde allerdings »durch die die Küste bewohnenden unabhängigen Negerstämme erschwert«.

Als die europäischen Mächte die afrikanischen Gebiete auf der Kongokonferenz 1885 untereinander aufteilten, gründete der inzwischen auch in den Reichstag gewählte Reeder die Afrikanische Dampfschiffs-Actiengesellschaft Woermann-Linie. Ab 1904 transportierte sie deutsche Truppen in das heutige Namibia, um den dortigen Aufstand der Herero und Nama niederzuschlagen. Dem »Vernichtungsbefehl« von Generalleutnant Lothar von Trotha fielen etwa 70 000 Menschen zum Opfer. Im Kaisersaal des Hamburger Rathauses blickten die Gäste damals wie heute empor zu Arthur Fitgers Deckengemälde »Triumph der deutschen Flagge«, auf dem Germania das schwarz-weiß-rote Banner übers Meer flattern lässt.

»Allein über die Deckenverzierung und ihren Zusammenhang mit der Kolonialgeschichte könnte man anderthalb Stunden reden«, taxierte Kultursenator Carsten Brosda, der die 18 Herero und Nama »in Anerkennung der moralisch-politischen Verantwortung für die historischen Ereignisse« empfing. Seit 2014 gibt es an Hamburgs Universität die von der Wissenschaftsbehörde finanzierte Forschungsstelle »Hamburgs (post-)koloniales Erbe«, die laut SPD-Politiker Brosda die »akademische Basis für eine Diskussion in der ganzen Stadt« bilden soll. Der Kongress an diesem Wochenende wird diese Diskussion zwei Jahre nach seiner Premiere in Berlin vorantreiben. »Unser Ziel ist es, die andere Perspektive aufzuzeigen und diejenigen zu Wort kommen zu lassen, auf deren Kosten der Reichtum der Stadt aufbaut«, erklärten Meryem Choukri und Tom Gläser vom Organisationskomitee Quo vadis Hamburg. »Mit seinem erdrückenden Erbe steht Hamburg noch ganz am Anfang der Aufarbeitung.«

Ebenso soll der Kongress die Forderung nach einer Entschädigung durch die Bundesrepublik unterstreichen. Zwar erkennt die Bundesregierung die Ereignisse seit 2015 als Völkermord an, weigert sich aber, die Opfergruppen in die schleppend verlaufenden Gespräche mit Namibias Regierung einzubeziehen. 2017 reichten die Verbände daher in New York eine Sammelklage gegen die Bundesrepublik ein. »Man sagt uns, dass wir keine unmittelbaren Opfer seien, aber wir fühlen den Schmerz«, kritisierte Esther Muinjangue von der Herero-Genozidstiftung OGF: »Wir werden als radikale und irrationale Gruppe bezeichnet, aber wir fordern nur einen Platz am Verhandlungstisch, um für uns selbst zu sprechen.« Senator Brosda machte diesbezüglich etwas Hoffnung. Die Bundesregierung habe im jüngsten Koalitionsvertrag erstmals festgeschrieben, dass die Leitlinien für Erinnerungskultur auch für die deutsche Kolonialgeschichte gelten sollten: »Es gibt noch eine Menge offener Fragen. Hamburg erkennt seine Verantwortung an und drängt die Bundesregierung, die Zusammenarbeit beider Länder zu intensivieren.«

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