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Riesen auf tönernen Füßen

Donald Trump könnte im Handelsstreit ebenso verlieren wie Xi Jinping

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.

Der Handelskonflikt zwischen den USA und China spitzt sich weiter zu. Nachdem US-Präsident Donald Trump mit weiteren Zöllen gedroht hatte, kündigte Peking »umfassende Gegenmaßnahmen« an. Am Freitag schaltete China die Welthandelsorganisation WTO ein. Bereits zu Beginn der Woche hatte Washington angekündigt, auf 1300 chinesische Waren im Wert von 50 Milliarden Dollar zusätzliche Zölle von 25 Prozent zu erheben. Im Mai soll darüber entschieden werden. Peking droht, auf 106 amerikanische Produkte mit gleichem Wert zusätzliche Zölle zu erheben. Betroffen wären davon besonders Produkte wie Autos, Soja oder Mais, die in Regionen hergestellt werden, in denen Trump besonders viele Wähler hat.

Der US-Präsident sitzt ohnehin im Glashaus. Zwar wächst das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stärker, seit er angekündigt hatte, die Unternehmenssteuern zu senken. Doch Analysten weisen auf Schwachstellen hin. Eine davon ist das Loch in Trumps Haushalt. So dürfte die Neuverschuldung in diesem Jahr erneut deutlich außerhalb des Maastricht-Kriteriums liegen, wie es für Euroländer gilt; und die Staatsverschuldung mit 108 Prozent des BIP könnte durch sinkende Steuereinnahmen bald in griechische Dimensionen vorstoßen. Ein »Handelskrieg« würde den Staatshauhalt zusätzlich belasten.

Der Untergang der »alten« Industrien hat aus einem Export-König einen Import-Bettelmann gemacht. Trotz »America First« vergrößerte sich 2017 das Handelsdefizit. Die USA haben im vergangenen Jahr im Warenhandel (ohne Dienstleistungen) ein gigantisches Minus von 566 Milliarden Dollar eingefahren. Dies entspricht fast drei Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung. Der Großteil des Defizits mit 375 Milliarden geht auf Chinas Konto. Gefolgt von der Europäischen Union mit 151 Milliarden. Für 2018 erwarten Bankanalysten sogar einen noch größeren Fehlbetrag in der US-Handels- und Leistungsbilanz als im vergangenen Jahr.

Vor diesem Hintergrund kann ein Zollstreit mit China die US-Exportindustrie knallhart treffen: Die Volksrepublik ist nach Kanada und Mexiko der wichtigste Abnehmer amerikanischer Produkte. Betroffen sind auch deutsche Autobauer. 2017 lieferten vor allem BMW und Daimler aus den Vereinigten Staaten rund 300 000 hochpreisige Fahrzeuge nach China.

Auch auf der anderen Seite ihrer Handelsbilanz ist die US-Wirtschaft störanfällig. Apple, Boeing oder Procter & Gamble hängen in einer internationalen Wertschöpfungskette, die bis nach China reicht. Viele »amerikanische« Produkte wie Smartphones oder Halbfertigwaren wie Flugzeugteile werden in der Volksrepublik produziert. So ist China mit mehr als 20 Prozent Anteil der mit Abstand wichtigste Lieferant der US-Amerikaner.

Seit einem halben Jahrhundert schleppen die USA ein Handelsdefizit mit sich herum, das finanziert werden muss. Während die Staatsschulden bereits auf über 20 Billionen US-Dollar angestiegen sind, für die auch die Bürger geradestehen müssen, ist die private Verschuldung nach Angaben der Federal Reserve Bank im letzten Quartal 2017 auf mehr als 13 Billionen geklettert, eine Rekordsumme. Seit fünf Jahren steigen die privaten Schulden wieder.

Mehr als sechs Billionen Dollar dieser Schulden finanziert das Ausland. Amerikas größte »Bank« ist seit dem Sommer ausgerechnet - China! 1,2 Billionen Dollar der US-Miesen haben chinesische Gläubiger beigesteuert. Ohne den Rivalen kann »Kamikaze«-Trump seine Schulden eigentlich nicht finanzieren.

»Europa zählt da vor allem als Hilfstruppe bei potenziellen Handelskonflikten«, schreiben Commerzbank-Experten in einer neuen Studie. Dies erkläre, warum Trump den Europäern Erleichterungen bei den Zöllen in Aussicht gestellt hat, wenn sie mit ihm eine gemeinsame Front gegen China aufmachen.

Aber auch die Volksrepublik ist weit verwundbarer, als sie oft im Westen wahrgenommen wird. Zehn Jahre nachdem die amerikanische Regierung den Versicherer AIG auf dem Höhepunkt der Weltfinanzkrise mit einer gewaltigen Kapitalspritze gerettet hat, hilft auch Chinas Regierung nun einem heimischen Assekuranz-Riesen. Der international tätige Finanzkonzern Anbang erhält umgerechnet zehn Milliarden Dollar.

Auch Präsident Xi Jinping sitzt im Glashaus. Er weiß um den technologischen Rückstand seines Landes und benötigt Know-how aus den USA und Europa. Die Notenbank kämpft gegen eine Immobilienblase, und die teils maroden Staatsunternehmen sind hoch verschuldet. Das soziale Gefälle, die Kluft zwischen Stadt und Land sowie der demografische Wandel - Stichwort »Überalterung« - stellen das bisherige Wachstumsmodell infrage. China arbeitet am Umbruch: Der Binnenmarkt wird wichtiger, und in neuen Hochtechnologie-Industrien strebt China an die globale Spitze. Xis Seidenstraßen-Initiative birgt obendrein noch mehr Unwägbarkeiten und Risiken als Abschlüsse.

Wegen der gegenseitigen Abhängigkeiten, die China, USA und Europa verbinden, halten viele Beobachter alles für einen gewagten »Bluff«. Sollten doch einige Scheiben zu Bruch gehen, könnten davon Schwellenländer vor allem in Asien profitieren, ist die US-Investmentgesellschaft Legg Mason überzeugt. Ein Handelskrieg würde die »Gravitationsachse des Welthandels« weiter zugunsten der Schwellenländer verschieben.

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