Werbung

Wandern mit ville Wasser und Jrün

Die nd-Frühjahrstour startet am 15. April am U-Bahnhof Haselhorst

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 3 Min.

Een bisken älter als Berlin/ mit ville Wasser, ville Jrün/ und überall so viel Lokale/ mit draußen Schwoof und/ drinnen Tanz im Saale./ Da fahr’n wa alle jetzt mal hin/ Det jibts in Spandau bei Berlin«, lautet die erste Strophe der 2007 von Otto Ruthenberg gedichteten und komponierten Hymne des Bezirks Spandau. In der zweiten Strophe heißt es dann: »Wollt ihr dem trüben Alltag mal entfliehn/ dann jeht nach Spandau bei Berlin.«

Die nd-Leser und ihre Verwandten und Bekannten haben am 15. April eine schöne Gelegenheit dazu. Dann startet von 9 bis 11 Uhr am U-Bahnhof Haselhorst die 99. nd-Wanderung. Zur Auswahl stehen zwei Strecken - sie sind sieben beziehungsweise 14 Kilometer lang. Die Start- und Wanderkarten gibt es wie immer kostenlos. Ziel ist der Kulturbiergarten Jungfernheide am Heckerdamm 274.

In Ruthenbergs Hymne findet sich auch die Formulierung »Jeschichte satt«. Die Geschichte des Bezirks, der inzwischen rund 241 000 Einwohner zählt, beginnt mit einem slawischen Burgwall im frühen 8. Jahrhundert und setzt sich fort mit der Zitadelle, die zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten von Spandau gehört und wegen der dort veranstalteten Ausstellungen, Feste und Konzerte auch zu den beliebtesten Anlaufpunkten.

Im Schutze dieser Festung habe der der preußische Staat seit Beginn des 19. Jahrhunderts in Spandau die Rüstungsindustrie ausgebaut, wozu bereits König Friedrich Wilhelm I. mit der 1722 errichteten Gewehrfabrik den Grundstock gelegt habe, schreibt Joachim Pohl in der 1998 aufgelegten Broschüre »Spandau von den Anfängen bis heute«. 1918, kurz vor dem Ende des Ersten Weltkriegs, zählten die Spandauer Rüstungsbetriebe zusammen 70 000 Beschäftigte. In Erfüllung des Versailler Vertrag von 1919 musste die Rüstungsproduktion aufgegeben werden. »Statt Waffen und Munition wurden nun Fahrzeugkarosserien, Landwirtschaftsmaschinen, Motorräder und vieles mehr hergestellt«, schildert Pohl. Doch die Umstellung auf zivile Güter funktionierte keineswegs reibungslos. »Als die Heereswerkstätten im März 1919 ihre Pforten schließen mussten, wurden 44 000 Menschen auf einen Schlag arbeitslos.« Stärker als andere Berliner Bezirke habe Spandau in der Weimarer Republik unter der Arbeitslosigkeit zu leiden gehabt. Die sich aus der Umstellung der Rüstungsindustrie ergebenden Strukturprobleme seien nie wirklich gelöst worden. »So kann es nicht verwundern«, meint Pohl, »dass die NSDAP früh in Spandau Fuß fasste und bereits 1925 bei den Bezirksverordnetenwahlen kandidierte, während sie in den übrigen Bezirken noch nicht in Erscheinung trat. Goebbels konnte später mit einigem Recht behaupten, die NSDAP habe Berlin von Spandau aus erobert. Schließlich erzielte die Partei bei den Wahlen der Jahre 1932 und 1933 Berliner Spitzenwerte.«

Einmal an der Macht, benötigten die Faschisten Waffen für ihre Eroberungskriege. Die Rüstungsindustrie kehrte nach Spandau zurück. Als die Männer als Soldaten an den Fronten den Zweiten Weltkriegs kämpften, mussten andere die Arbeit erledigten - unter unmenschlichen Bedingungen; Zwangsarbeiter, die in mehr als 40 Lagern untergebracht waren, und außerdem 2000 KZ-Häftlinge.

Es gab auch Gegenwehr. So lernte der jüdische Musiker Heinz Joachim bei der Arbeit im Siemens-Elektromotorenwerk in Spandau Herbert Baum kennen und schloss sich dessen Widerstandsgruppe an. Joachim beschaffte dann einen Apparat zur Vervielfältigung von Flugblättern und beteiligte sich am 18. Mai 1942 am Brandanschlag auf die berüchtigte Propagandaausstellung »Das Sowjetparadies«. Gemeinsam mit Herbert Baum wurde Heinz Joachim vier Tage nach dem Anschlag an seiner Arbeitsstelle verhaftet und exakt drei Monate nach dem Anschlag ermordet.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln