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Dem Tod ins Gesicht sehen

DNA-Forensiker arbeitet daran, namenlosen Überresten ihre Identität zurückzugeben

  • Von Nelly Ritz und Cecilia Caminos, Buenos Aires
  • Lesedauer: 4 Min.

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Luis Fondebrider hat schon viel vom Tod gesehen. Zuletzt führte sein Beruf den Argentinier auf die Falklandinseln, gelegen rund 500 Kilometer vor der argentinischen Küste. Dort stand er auf dem einsamen Darwin-Friedhof vor unzähligen weißen Kreuzen und machte sich an seine Arbeit: 121 der Gräber mit der Inschrift »Argentinischer Soldat, den nur Gott kennt« wurden geöffnet, 90 bislang namenlose Körper wurden jetzt identifiziert.

Fondebrider ist Mitgründer und Leiter des international anerkannten forensischen Identifizierungsteams EAAF (»Equipo Argentino de Antropología Forense«). Das Team von Experten aus Medizin, Archäologie, Anthropologie, Recht, Physik und anderen Fachleuten wurde nach dem Ende der Militärdiktatur in Argentinien als Antwort auf den Hilfeschrei der Angehörigen der bis zu 30 000 »Desaparecidos« (»Vermissten«) ins Leben gerufen.

Inzwischen sind die DNA-Forensiker in rund 50 Ländern aktiv gewesen, um in Zeiten von Diktaturen, Anschlägen oder Krieg verschwundenen Personen ihre Identität zurückzugeben. »Ich hätte nie erwartet, dass das Team international so viel Erfolg haben wird«, sagt der forensische Anthropologe.

Unter den Fällen sind beispielsweise Opfer des Apartheid-Regimes in Südafrika oder die 43 bei einer Demonstration entführten mexikanischen Studenten von Ayotzinapa. »Der für mich härteste Auftrag war wohl die Untersuchung der Opfer in El Mozote«, erinnert sich Fondebrider. Bei dem Massaker in El Salvador 1981 wurden mehr als 800 Zivilisten getötet: »Viele von ihnen waren noch Kinder.«

Bei der jüngsten Mission auf den Inseln im Südatlantik fand Fondebriders Team dagegen ausschließlich Soldaten. »Jeder Auftrag hat spezielle Charakteristika«, sagt der Forensiker. Im Falklandkrieg, dessen Beginn sich am 2. April zum 36. Mal jährt, ließen damals rund 1000 Männer ihr Leben. Nach der Niederlage der Argentinier gegen die britischen Streitmächte, die ihre Kolonie gegen eine »Rückeroberung« verteidigten, bestattete der britische General Geoffrey Cardozo die gegnerischen Gefallenen auf der größten Insel des Archipels, die von den Argentiniern »Isla Soledad« (»Insel Einsamkeit«) genannt wird.

Mehr als die Hälfte der Bestatteten blieb bis zu Fondebriders Einsatz unbekannt und ohne Namen. Den Identifizierungsauftrag erhielt das Internationale Komitee vom Roten Kreuz von der britischen und argentinischen Regierung und realisierte ihn in Zusammenarbeit mit dem Team EAAF und den Familien der vermissten Gefallenen. Nicht alle Angehörigen wollten jedoch eine DNA-Probe abgeben, so dass 32 Leichen der Ruhestätte noch immer nicht identifiziert sind.

Auch der Bruder der Argentinierin María Reyes Lobos liegt auf dem Darwin-Friedhof. Inzwischen steht auf dem Kreuz sein Name geschrieben. 36 Jahre lang suchte seine Schwester vergeblich danach, 30 Jahre lang wusste sie nicht, wie er ums Leben kam. »Es wurde viel verschwiegen und versteckt«, sagt sie.

Luis Fondebrider und sein Team identifizierten die Leiche und machten es so möglich, dass die Argentinierin endlich an seinem Grab stehen und sich verabschieden kann. »Ich möchte nur noch vor Ort sein, meinen Bruder sehen und ihn beweinen können«, sagte sie. Um als Mensch heilen zu können, müsse diese Geschichte abgeschlossen werden, glaubt Reyes Lobos.

»Seit Tausenden von Jahren ist der Tod ein Teil des menschlichen Kreislaufs, wie auch die Geburt oder die Pubertät. Daher ist es wichtig für jeden, auch diesen Part vollenden zu können«, meint Fondebrider. Der Prozess der Identifizierung dauere jedoch manchmal Jahre an, fügt er hinzu. Dies bestimmten die Beschaffenheit der Überreste und die Verfügbarkeit der Daten.

»Identifizieren ist vergleichen«, erklärt Fondebrider. In Interviews mit Angehörigen, aus deren Blut- und Speichelproben oder medizinischen Dokumenten des zu Identifizierenden sammle man Daten »ante mortem« (»vor dem Tod«). Diese vergleiche man schließlich mit Daten »post mortem« (»nach dem Tod«), die aus einer Analyse der Überreste hervorgingen. »Eine wichtige Rolle spielen die Medizin, die Anthropologie, die Odontologie und die Genetik«, sagt der Forensiker.

Den gesamten, komplexen Prozess über arbeite man mit den Angehörigen zusammen. »Wir erklären ihnen die Techniken, aber hören ihnen auch zu und sprechen mit ihnen über ihre Zweifel und über das, was sie erwarten können«, betont Fondebrider. Eine Mischung aus Schmerz, Frieden und Gewissheit sei den meisten Familien am Ende anzusehen, wenn ihre Lieben identifiziert sind, sagt er. »Die Wahrheit ans Licht zu bringen und Gerechtigkeit zu erlangen sind wohl die wichtigsten Ziele dieser Arbeit«, meint der Argentinier. Luis Fondebrider hat schon viel vom Tod und den Folgen des Kriegs gesehen. Und dann haben er und sein Team Frieden gebracht - für die Vermissten und für die Angehörigen. dpa/nd

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