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  • Kultur
  • Muslimischer Antisemitismus

Nicht religiös motiviert

Studie zu muslimischem Antisemitismus zeigt viel Unwissen und dass nicht der Koran, sondern Politik der Grund für muslimischen Antisemitismus ist

  • Von Harald Loch
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die Ermordung einer 85-jährigen Holocaust-Überlebenden in Paris wie auch die Nachrichten aus Schulen über das Mobbing jüdischer Kinder und Jugendlicher durch Mitschüler mit einem muslimischen Migrationshintergrund nicht nur in Berlin fordern Antworten auf die Frage nach einem muslimischen Antisemitismus. David Ranan, 1946 in Tel Aviv geborener Sohn einer deutsch-jüdischen Familie, ist dem Problem auf der Spur. Er hat 70 Interviews mit muslimischen Studenten, Intellektuellen und Oberschülern geführt, um Klarheit in eine diffuse Diskussion zu bringen. Er misstraut allen quantitativen Untersuchungen einschlägiger Organisationen und argumentiert schlüssig gegen die zu kurz und oftmals suggestiv formulierten Fragenkataloge, aus denen sich eigentlich nur gleichsam »bestellte« Antworten ableiten lassen.

Ranan war für seine muslimischen Interviewpartner gewiss ein verständnisvoller Fragesteller, weil er selbst ein Skeptiker der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern ist. Ob der Wahrheitsgehalt der Antworten, die er erhielt, durch dieses gewisse Verständnis gestiegen ist? Die Ergebnisse seiner Befragungen, die er selbst keineswegs »repräsentativ« sondern »bezeichnend« nennt, lassen sich zu zwei markanten Befunden zusammenfassen. Der als Fellow am Institut für Antisemitismusforschung der TU Berlin tätige, in London und Berlin lebende Autor stellt fest, dass nahezu keine antisemitischen Haltungen seiner Gesprächspartner auf den Koran oder überhaupt religiös gegründet waren, obwohl von muslimischen Predigern gelegentlich auch einige gegen Juden gerichtete Hass-Stellen im Koran verwendet werden. Vielmehr seien die antisemitischen Stellungnahmen der Interviewten fast immer auf den Israel-Palästina-Konflikt zurückzuführen. Dazu komme die Kritik an der Unterstützung Israels vor allem durch US­amerikanische Juden, die Washingtoner Administrationen und durch westliche Verbündete der USA. Die militärischen Niederlagen der arabisch-muslimischen Gegner Israels seit 1948 werden vielfach als Schmach empfundenen.

Der zweite, ebenso überraschende Befund der Befragungen war, dass die meisten der Interviewten nur ungenaue Vorstellungen von den historischen und aktuellen Hintergründen der Situation in Israel und den Palästinensergebieten haben. Sie informieren sich einseitig aus antiisraelischen Quellen und geben diese ungeprüft weiter, selbst wenn jene völlig unplausibel sind. Die eigentliche Bedeutung des Begriffs »Zionismus« ist den meisten völlig unklar. Das erschreckend mangelhafte Wissen über die Zusammenhänge erstaunt umso mehr, als Ranan ja eher gebildete Interviewpartner ausgesucht hatte, um möglichst intelligente Antworten zu bekommen. Wie mögen erst die Antworten weniger gebildeter Muslime ausfallen?

Ranan konstatiert abschließend: »Oft beruhen Vorurteile, Misstrauen und Hass auf der mangelhaften und inkorrekten Kenntnis einer Sachlage.« Der Autor warnt vor dem Glauben, »dass es nur unabänderlichen Judenhass unter Muslimen gäbe«.

David Ranan: Muslimischer Antisemitismus. Eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland? J.H.W. Dietz, 222 S., geb., 19,90 €.

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