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Elend innen wie außen

Luk Percevals »Zola-Marathon« am Thalia-Theater Hamburg

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: 7 Min.

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Es ist doch schrecklich, so im Dunkeln zu leben, lasst die Sonne herein!» Dieser Ausruf klingt wie ein Aufbruchsignal. Es ist die Zeit der industriellen Revolution, in der anfangs alles immer schneller und besser zu werden scheint, weil die Maschinen immer größer und stärker werden. Es ist gleichzeitig die Periode des Zweiten Kaiserreichs, der Restauration zwischen 1852 und 1870.

Die Stimme kommt aus dem Bauch von Paris. Diesen beschreibt Émile Zola ab Mitte des 19. Jahrhunderts in seinem zwanzigbändigen Roman-Zyklus der Familie Rougon-Macquart. Luk Perceval, bis zu dieser Spielzeit Leitender Regisseur am Hamburger Thalia-Theater und einer der wichtigsten europäischen Theatermacher, hat diesen Zyklus in drei Jahren zu drei Theaterabenden verdichtet. Aufgeführt wurden «Liebe», «Geld», «Hunger» von 2015 bis 2017 bei der Ruhrtriennale in der Gießhalle in Duisburg.

Ein passender Ort, nach dem Ende der Industriegesellschaft von denen zu erzählen, die bereits während ihres Siegeszuges in Dreck und Elend vegetierten. Denn das versprochene Licht leuchte immer nur an ihnen vorbei, für sie war immer Dunkel. So jedenfalls Zolas Befund nach Abschluss seines Romanwerks über die Menschen im Kapitalismus der freien Konkurrenz. Sie bleiben dazu verdammt, ganz unten in jenem Nibelheim auszuharren, wo das Geld gemacht wird: in der brutalen Konfrontation von Mensch und Maschine.

Nun stehen die drei Teile auch im Spielplan des Hamburger Thalia-Theaters, aber als das Gesamtwerk, das sie bilden, werden sie hintereinander - in acht Stunden! - nur einige Male als «Zola-Marathon» gezeigt. Perceval knüpft dabei an «Schlachten» an, jenen Shakespeare-Marathon vor fünfzehn Jahren, der legendär wurde. Wie Frank Castorf weiß auch Perceval: Theater braucht seine Zeit, um Geschichten so zu erzählen, dass sie sich ins Gedächtnis einbrennen.

Der «Zola»-Marathon will wie eine beharrlich ums eigene Herkommen kreisende Runde alter Menschen sein, die redend das Gestern ins Heute zu holen versuchen, am besten bei Stromausfall und Schneeverwehung: Man hat alle Zeit der Welt, um sich Geschichten zu erzählen. Nein, alle Zeit hat man nicht, denn es sind die mit dem eigenen Leben verknüpften Geschichten. Wenn einer der Beteiligten stirbt, endet nicht nur ein Kapitel, auch ein Erzählstrang, der von weit her bis in die Gegenwart verläuft, wird gekappt.

Darum hat Luk Perceval dem Unternehmen auch den Titel «Trilogie meiner Familie» gegeben, das sich verändernde Bildnis von Menschen innerhalb dessen, was man «moderne Zeiten» nennt. Aber der Mensch bleibt - um mit Günther Anders zu sprechen - «antiquiert». Die Grundkoordinaten seines Daseins zwischen Geburt und Tod ändern sich nicht.

Im Zusammenprall von Mensch und Maschine zerbricht mancher, der zu langsam oder zu schwach ist, ihn überrollt diese Technik - von der Lokomotive bis zum Internet. Wer geht unter, wer triumphiert in diesem sich rapide verändernden Milieu? Eine Frage, die nicht von gestern ist, sondern sich immer neu stellt.

Zola bleibt ein wichtiger Zeuge für die Anfänge des Kapitalismus. Dabei begann es auch für ihn verheißungsvoll, wie er rückblickend schreibt: «Welch ein Enthusiasmus und welch eine Hoffnung waren die unseren. Alles wissen, alles können, alles erobern. Mit Hilfe der Wahrheit eine bessere und glücklichere Menschheit erbauen.» Aber die große Ideen erweisen sich bald als untauglich dafür, den Alltag der einfachen Menschen gerechter zu machen. Was verwendbar ist an neuen Erkenntnissen, das nehmen sich die, die mit fremden Träumen handeln, der unverkäufliche Rest bleibt denen, die ohnehin nichts haben.

Kapitalismus ist weder Segen noch Fluch, scheint bloß ein sich ständig erneuerndes Herrschaftsverhältnis zu sein zwischen jenen, die sich selbst verkaufen müssen (so lange sie noch einen zählbaren Wert auf dem Markt haben) und denen, die mit fremder Arbeitskraft (Lebensinhalten!) handeln, als wäre es irgend eine x-beliebige Ware. Reich wird man nur mit letzterem, an ersterem aber geht mancher kaputt.

So sehen wir hier in «Liebe», dem ersten Teil des langen Zola-Abends, Menschen im Dunkeln wie Würmer herum kriechen, mit all ihren Hoffnungen auf das wachsende Licht, das doch um sie keinen Bogen machen wird. Oder doch? Da ist Gervaise (Gabriela Maria Schmeide), die eine Wäscherei eröffnet - aber das Elend holt sie wieder ein. Alkohol, Prostitution, Gewalt - das macht jedes solidarische Umgehen miteinander unmöglich. Die Familie als «kleinste Zelle» der Gesellschaft wird zu ihrem Spiegel: All die Brutalitäten von draußen dringen auch nach drinnen. Die Familie Rougon-Macquard: eine Hölle, der man nicht entkommt.

Aber da ist doch auch Doktor Pascal (Stephan Bissmeier), der Forschungen zum Wohle der Menschheit anstellt. Aber er kann seiner im Haus lebenden Nichte Clotilde (Marie Jung) nicht widerstehen. All seine großen Ideen - sie verpuffen angesichts seiner Obsession für das junge Mädchen, er verarmt und verkommt wie alle anderen in der Familie.

Die Bühne von Annette Kurz: ein großes hölzernes Wellental. Mancher versucht heraufzukommen, aber rutscht über kurz oder lang wieder herunter. Ein dichtes Netz von schicksalhaften Abhängigkeiten und Verstrickungen breitet sich aus. Im zweiten Teil «Geld» - immer mit den gleichen zwölf Schauspielern - begegnen wir der Tochter von Gervaise, Nana. Sie verkörpert den neuen Geist der Zeit. Sie ist in Paris so etwas wie prominent. Eine Prostituierte, die sich an den reichen und mächtigen Männern für ihre soziale Stigmatisierung rächt und gleichzeitig von einem Zuhälter geprügelt wird. Die reichen Freier kaufen für sie Theaterstücke, in denen sie dann - völlig unbegabt - die Hauptrolle spielt.

Aufmerksamkeit ist die neue Währung - bereits hier. Der Machtkreisel beginnt sich immer schneller zu drehen: Man demütigt andere zum Ausgleich für erfahrene Demütigung, herrscht in einem Sinn-Vakuum. Die Stadt wird zum Moloch, in dem jede echte menschliche Regung verkommt. Maja Schöne als Nana ist eine explosive Mischung: ebenso zierlich wie Furcht einflößend, eine Verlorene, die jeden Gewinn mitnimmt. Grandios, wie präzise sie diesen permanenten Kraftbeweis am Rande der Gesellschaft führt: ein Opfer, das sich in die Täterschaft zu flüchten versucht.

Überhaupt, was für ein furios-spielstarkes Ensemble hat Perceval da geformt! Barbara Nüsse taumelt in «Geld» als todtraurig-getriebener Graf Muffat in Frack und Zylinder der Kokotte Nana hinterher - immer weiter weg von sich selbst. Patrycia Ziolkowska spielt souverän mit Intensitätsgraden von Nähe und Distanz. Als Verkäuferin Denise im neuen Superkaufhaus «Maison des dames» ist sie eine ebenso unsichere Frau wie unbeirrbare Sozialistin, die die Avancen des Spekulanten Saccard mit Ausführungen über die Befreiung der Arbeit zu kontern weiß.

Sebastian Rudolph ist auf eindringliche Weise dieser Saccard, ein Scheusal mit Zockerseele, der auf temporäre Erlösung drängt, wobei er jede Krise mit neuer Expansion von nicht vorhandenem Kapital beantwortet: Vortäuschen ist die neue Klugheit der Geschäftigen! Die Urzelle des virtuellen Kapitalismus. An Stelle von Arbeit und Handel mit Waren tritt die bloße Spekulation - im Sog dieser Scheinwirtschaft explodieren Niedertracht und Korruption.

Im dritten Teil «Hunger» schließlich tauchen wir aus dem billigen Kaufhausglanz ab in die Unterwelt der Bergwerke, wo nicht gearbeitet, sondern bis über die Erschöpfungsgrenzen hinaus geschuftet wird. Nicht E.T.A. Hoffmanns Romantik beginnt hier unten zu leuchten, sondern Bergarbeiterelend lastet lichtlos. Luk Perceval über die Aktualität dieses sich auf «Germinal» beziehenden Teils: «Mich interessiert eben nicht nur, wie der Kapitalismus funktioniert, mich interessiert: Wie funktioniert der Mensch?» Es geht um Angst, die unfrei macht, um die Schuldzusammenhänge der Generationen.

Hier begegnen wir den beiden Söhnen der Wäscherin Gervaise. Etienne (wiederum intensiv Sebastian Rudolph, hier als frenetisch agitierender Empörer) fordert den Streik, während sein Bruder Jacques (der großartige Rafael Stachowiak, aasig und doch verquer-beseelt, ein Peter-Lorre-Typ) unter der Last der Degeneration seiner Familie zusammenbricht. In Zola steckt eben auch ein zeittypischer Biologist, der Jacques zum Mörder werden lässt. Welch ein epischer Spannungsbogen, welch genuine Dramatik - zuletzt eine heilsam-beglückende Überforderung für das Publikum!

Letztmalig in der laufenden Spielzeit am 21. Mai ab 16 Uhr

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