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Wo kommt er nur her, dieser Hass?

»Rechts gewinnt, weil Links versagt« - Roberto J. De Lapuente kritisiert in seinem Buch die Schwachstellen der Linken

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 7 Min.

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Wir befinden uns im Jahre 1984. Ganz Großbritannien ist von Neoliberalen besetzt. Ganz Großbritannien? Nein! Tausende von der Entlassung bedrohte Bergarbeiter kämpfen gegen den gewerkschaftsfeindlichen Kurs der Regierung unter Premierministerin Margaret Thatcher. Der LGBTI-Aktivist Mark Ashton erfährt davon im Fernsehen und beschließt mit seinen Mitstreitern, sich den Werktätigen anzuschließen. Plötzlich bilden beide Lebenswelten eine Einheitsfront. Die »Gay Pride«-Demonstration verbindet die Sehnsucht nach homosexueller Emanzipation mit dem Existenzkampf der Arbeiter und vereint auch personell die klassenpolitischen mit den identitätspolitischen Linken.

Der Regisseur Matthew Warchus erzählt diese wahre Geschichte in seinem Film »Pride« (2014). Darin sieht Mark Ashton (Ben Schnetzer) aus, als interessiere er sich nur für Mode, Disko und Jungs. Doch er überzeugt seine arbeiterskeptische Politgruppe davon, dass die homosexuelle Emanzipation mit der sozialen Frage untrennbar zusammenhängt.

Und er legt sich mit den Organisatoren der »Gay Pride«-Parade an, die politische Banner verbieten und lieber einen schrillen Karneval veranstalten wollen. Die homophobe Einstellung eines Teils der Arbeiterschaft verflüchtigt sich im Zauber der direkten Begegnung. Weil die Allianz am Ende an der konservativen Übermacht scheitert, ist es kein Wohlfühlfilm geworden. Trotzdem beschwört »Pride« das Potenzial eines Bündnisses, das heute greifbarer sein müsste als damals - auch in Deutschland.

Der Neoliberalismus hat längst ein Legitimationsproblem, weil niemand mehr bestreiten kann, dass seine Ideen den Abstand zwischen Arm und Reich vergrößern. Die Akzeptanz normabweichender Lebensentwürfe ist in allen sozialen Klassen und Milieus gestiegen. Und es gibt eine Partei mit einem links von SPD und Grünen liegenden Programm. Warum um alles in der Welt vermittelt ausgerechnet diese Partei derzeit den Eindruck, die kosmopolitische und die kommunitaristische Perspektive seien unvereinbar? Und weshalb ist es mit der AfD ausgerechnet eine rechtsneoliberale Partei, die sich erfolgreich als Alternative für Besorgte, Gestrandete und Abgehängte inszenieren kann?

An einer Antwort hat sich jetzt der Journalist Roberto J. De Lapuente versucht. Der Titel seines Buches enthält jene steile These, die seit zwei Jahren der größte Streitpunkt unter deutschen Linken ist: »Rechts gewinnt, weil Links versagt.« Für den Aufstieg der AfD, so Lapuente, sind die Linken mitverantwortlich. Ein Werktitel muss auffallen und zuspitzen, also jene Komplexität reduzieren, die der Inhalt im Idealfall berücksichtigt. Lapuentes Einleitung kündigt jedenfalls an, »die Gemengelage innerhalb der Linken aufzuklären«.

Nun geht es hier um ein Buch und nicht etwa um einen Film, bei dem es verpönt wäre, das Ende zu verraten. Also sei dieser Spoiler erlaubt, denn Lapuente hat wenig Erklärendes zu sagen. Sein Text ist in weiten Teilen eher verwirrend als erhellend. Zumindest die zentrale Aussage klingt nachvollziehbar: Kern linker Politik, meint Lapuente, ist die Betonung der Friedensfrage und der sozialen Sicherheit. Das fehle derzeit auf zwei Ebenen. Zum einen haben sich SPD und Grüne durch Sozialabbau und Kriegspolitik von linken Inhalten verabschiedet. In Bezug auf die Linkspartei und die Bewegungslinke wiederum dominieren demnach linke Sektierer und »Vertreter der reinen Lehre« das öffentliche Bild. Beides habe nichts zu tun mit der Lebenswirklichkeit der Bevölkerungsmehrheit, für die Linke eigentlich Politik machen sollten.

Das ist eine klare Aussage, deren Nachweis mehr erfordern würde als meinungslastige Beschreibung. Wo Analyse, Begründung und Reportage guttäten, da liefert Lapuente leider fast nur Behauptung. Besonders schwer wiegt das bei seiner Innenansicht der Linkspartei. Lapuente bekennt, er komme mit »ostdeutschen Linken« besser klar: »Sie sind realistischer, weniger eindimensional und anmaßend. Haben Verständnis dafür, dass Menschen im Kapitalismus nicht dauerhaft die Revolution ausrufen.«

Er unterscheidet zwischen »Ossirealos und Wessifundis«, die »nur recht schwer zueinanderfinden«. Zugleich verteidigt er vordergründig Sahra Wagenknecht, rechnet sie dem »Realoflügel« zu und verfälscht ihre Position in der Flüchtlingspolitik, indem er ihr unterstellt, sie halte »ein System der Obergrenzen theoretisch für vertretbar«. Tatsächlich wendet sie sich gegen die leere Parole »Offene Grenzen für alle«, weil Kapazitäten immer begrenzt sind. Anstatt Menschen zum Verlassen ihrer Heimat zu bewegen, versucht sie, die Debatte auf eine Bekämpfung der Fluchtursachen zu lenken. Dass das Menschenrecht auf Asyl keine »Obergrenzen« kennt, bestreitet in der Linkspartei niemand.

Gleichwohl ist die früher in den Mainstreammedien als »Fundi« gebrandmarkte Wagenknecht ein Beispiel dafür, wie stark sich diese Partei gewandelt hat. Wirtschafts- und sozialpolitisch steht Wagenknecht für die Abkehr von der neoliberalen Wirtschaftsordnung. Außenpolitisch plädiert sie für militärische und rhetorische Abrüstung. Sie verknüpft die Debatte um Flucht und Migration mit der politischen Ökonomie. Trotzdem sieht sie sich ohne argumentative Grundlage als AfD-kompatible Rassistin diffamiert, auch aus den eigenen Reihen und dort vornehmlich durch jene, die bislang als »Realos« galten.

Klaus Lederer, der sich in Berlin mit neoliberalen Parteien in einer Landesregierung befindet und der dem reformorientierten »Forum Demokratischer Sozialismus« (FDS) angehört, nahm den säbelrasselnden Außenminister Heiko Maas (SPD) in Schutz, weil Diether Dehm (Linkspartei) ihn in einem für feine Abendgesellschaften untragbaren Duktus (»gut gestylter NATO-Strichjunge« ) kritisiert hat.

Dennoch gilt Lederer gemeinhin als links. Ulla Jelpke oder Tobias Pflüger, die eigentlich zum linken Parteiflügel zählen, wandten sich öffentlich von Wagenknecht ab, weil deren politischer Fokus nicht bei den akademischen Großstadtlinken liegt. Jan Korte, FDS-Mitglied und Parlamentarischer Geschäftsführer der LINKEN, hat dagegen kürzlich in einem furiosen Artikel »eine Generalüberholung linker Politik« gefordert, damit die Partei endlich wieder »Arbeiter und Arbeitslose« erreicht.

Die Differenz zwischen »Realos« und »Fundis« ergibt also keinen Sinn mehr. Anstatt das zu ergründen, muss in Lapuentes Darstellung der »linken Linken« immer wieder Jutta Ditfurth als Pappkameradin herhalten, als sei sie das Symbol für Antideutsche, Antifa und Mittelklassefeminismus. Ärgerlich wird es, wenn Lapuente für den Erhalt von Hartz IV unter entschärften Bedingungen plädiert, linke Forderungen nach einer Erneuerung der EU oder einem Ende der NATO in die Nähe der »Neuen Rechten« rückt und dem Menschen generell eine boshafte Natur unterstellt.

Lapuente arbeitet sich am linksradikalen Sumpf ab und verliert dabei die Adressaten linker Politik aus dem Blick. Die entscheidenden Fragen stellt er nicht: Wo kommt er nur her, dieser in Teilen des Landes spürbare Hass? Diese tiefe Abneigung gegen das »Andere«, das einen scheinbar bedroht? Woher kommt diese Projektion diffuser Ängste auf Homosexuelle oder »Ungläubige«, manchmal auf weiße Männer und allzu oft auf »die da unten«, derzeit am häufigsten aber auf Flüchtlinge?

Lapuente referiert seine These wortgewaltig, verschenkt aber jene Kraft, die sein Werk entfalten könnte. Er bietet keine Erklärung an, aus der sich Perspektiven für einen neuen sozialen Zusammenhalt folgern ließen. Gelingt es den Linken nicht bald, ihre Stammklientel zurückzugewinnen, dann wird der regressive Neoliberalismus seine Macht ausbauen.

Als musikalisches Motiv firmiert in dem Film »Pride« sicher nicht zufällig »Karma Chameleon« von »Culture Club« - ein Song, der zum Arbeitereinheitsfrontlied der Schwulen taugt. Boy George singt darin, wie er einmal in einem Interview sagte, von der Furcht vor Opportunismus (»I’m a man without conviction« - Ich bin ein Mann ohne Überzeugung). In Kombination mit seinem an Arbeiterlieder erinnernden Rhythmus ruft der ironische Text dazu auf, sich zu verbünden.

Die bittere Ironie der Wirklichkeit liegt darin, dass 1997 die sozialdemokratische Labour Party unter Tony Blair ausgerechnet dieses Lied wählte, um den politischen Gegner im Wahlkampf zu verspotten. Dabei war doch gerade Blair jenes Chamäleon, das bunt gesprenkelt zugunsten der »Ehe für alle« eintrat und zugleich den Sozialstaat zertrümmerte. Unter Jeremy Corbyn gelang in Großbritannien zuletzt eine Revitalisierung linker Politik. In Deutschland steht dies noch aus.

Roberto J. De Lapuente: Rechts gewinnt, weil Links versagt. Schlammschlachten, Selbstzerfleischung und rechte Propaganda. Westend-Verlag. 221 S., br., 18 €. Am Mittwoch, dem 11. April, ist der Autor im Literatursalon von nd-Redakteurin Irmtraud Gutschke zu Gast. Die Veranstaltung am Franz-Mehring-Platz 1 in Berlin-Friedrichshain beginnt um 18 Uhr. Eintritt: 5 €.

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