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Wie die Malerei in die Fotografie kam

Satte Farben, weißer Rahmen: Eine Ausstellung in Hamburg widmet sich der Geschichte und Ästhetik des Polaroidfotos

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Der Gedanke, dass Ästhetik den technischen Möglichkeiten ihrer Zeit folgt, scheint fast banal. Umso erstaunlicher ist es dann, wenn man sich einer konkreten, sich ganz auf ästhetische Erfahrung konzentrierenden Technik widmet. Möglicherweise sogar einer, die man für eine längst vergangene modische Laune halten könnte - etwa die Sofortbildkameras des US-amerikanischen Herstellers Polaroid.

Geschichte und Einfluss dieser Fototechnik lassen sich derzeit in einer umfangreichen Ausstellung des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe nachverfolgen. Die Schau handelt sowohl von der Entwicklung einer fotografischen Technik als auch dem Erscheinungsbild eines weltweit agierenden Unternehmens. Nicht zuletzt geht es also um Image und Produktdesign. Man bekommt Prototypen der Kamera aus Holz, ältere und professionelle Modelle zu sehen. Man lernt, dass sich die Geschichte der Polaroid keinesfalls auf das handliche Modell SX.70 von 1973 beschränkt, also jenes bekannte Verbrauchermodell. Vor allem aber werden Bilder gezeigt - scheinbar alltägliche, experimentelle und künstlerische.

Polaroid unterstützte die Arbeit zahlreicher Künstlerinnen und Künstler und stattete sie großzügig mit Kameras und jeder Menge selbstentwickelndem Filmmaterial aus. Das Unternehmen profitierte von der Zusammenarbeit in mehrfacher Weise. Zentral mag sein, dass derart eine kreative Elite ganz nebenbei und kostenarm ästhetische Paradigmen entwickelte und obendrein das Unternehmen Polaroid mit Feedback zu seinen Produkten versorgte.

Polaroid-Bilder sind besonders - sie haben satte Farben und ein spezielles Format, nahezu quadratisch, eingefasst in einen weißen Rahmen. Wichtiger jedoch muss die Erfahrung des schnellen Bildes gewesen sein: einer größeren Autonomie des Fotografen und der gewachsenen Nähe von Ereignis und Bild. Der französische Modefotograf Guy Bourdin hat dies 1978 in seiner Serie »Charles Jourdan« anschaulich gemacht, indem er eine Frau auf der Straße nebst dem Bild von ihr auf der Straße fotografierte.

Die Affinität von Künstlern der Pop Art zu Polaroid ist nicht überraschend. Für Andy Warhols Konsum- und Modebilder war das schnelle Bild natürlich ideal: zwischen kurzem Ruhm und der Gefahr eines atomaren Krieges. Bei Richard Hamilton, der für die Übermalungen seiner Selbstporträts bekannt ist, erfüllt das Polaroid eine ganz andere Funktion - während das belichtete Negativ sich selbsttätig entwickelt, kann man durch Wärme und Druck auf das Ergebnis Einfluss nehmen. So kommt die Malerei in die Fotografie.

Dankenswerterweise zeigt die Hamburger Schau auch weniger populäre, experimentelle Positionen. Der Spanier Pere Formiguera oder der Italiener Franco Fontana wären hier zu nennen. Ihre Fotos scheinen sich kaum noch auf die äußere Welt zu beziehen, auch wenn sie entfernt an Architektur oder Landschaft erinnern. Farben und Formen sind hier abstrakt angeordnet, als handele es sich hier ganz um Malerei.

Eine der interessantesten Subgeschichten der Ausstellung spielt in der DDR. Dort gab es im regulären Handel keine Polaroidkameras, sie waren jedoch kein reines Westphänomen. Modezeitschriften wie »Sibylle« oder die Staatssicherheit verwendeten durchaus Sofortbildkameras aus dem Hause Polaroid. Mitte der 1970er Jahre besorgte sich der Ostberliner Fotograf Arno Fischer bei einem Besuch in Hamburg eine solche Kamera und Filmkassetten. Gemeinsam mit seiner späteren Frau, der Fotografin Sibylle Bergemann, experimentierte er in der Abgeschiedenheit der eigenen Datscha. Er fotografierte farbige Blätter und Blüten im Garten, sie inszenierte Porzellanfiguren.

Interessant ist die Reichweite der Polaroidästhetik in die Jetztzeit. Dabei ist zu vernachlässigen, dass ein polnisches Startup-Unternehmen eine digitale Neuauflage der Kamera auf den Markt gebracht hat und dafür die Sängerin Lady Gaga als Werbefigur gewinnen konnte. Ihre Aktualität zeigt sich etwa bei der bildbasierten Onlineplattform Instagram. Nicht nur, dass die dort veröffentlichten Bilder sich, was Format und Farbfilter betrifft, am alten Polaroid orientieren - viel wichtiger erscheint hier die Gleichzeitigkeit von wirklichem Geschehen und medialer Repräsentation. Es könnte schließlich etwas dazwischen kommen, ein Absturz oder gar ein Krieg.

Die Ausstellung »The Polaroid Project« ist bis zum 17. Juni im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg zu sehen.

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