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Ein begehbares Musikstück und ein Fugen-Ballett

Thüringen: Das Bachhaus in Eisenach würdigt den vor 333 Jahren geborenen Sohn der Stadt auf besondere Weise

  • Von Doris Weilandt, Eisenach
  • Lesedauer: 3 Min.

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Es ist dunkel. Wie groß der Raum ist, lässt sich nicht erfassen. Nach wenigen tastenden Schritten verwandelt sich das Unerfassbare plötzlich in das Innere einer gotischen Kirche. An der Orgel beginnt Oliver Stechbart mit dem Adagio, Bach-Werke-Verzeichnis 564. Der Fokus der Kamera richtet sich auf seine Hände und die Manuale, auf die Füße und die Pedale - sie sind beim Spielen gleichermaßen wichtig. Der gewaltige Klang erfasst die Umstehenden, die fasziniert in der Divi-Blasii-Kirche von Mühlhausen der Musik lauschen. In dieser Kirche führte Johann Sebastian Bach (1685-1750) erstmals konzertante Vokalmusik auf, darunter »Gott ist mein König«.

»Das begehbare Musikstück«, so lautet der Name des wandlungsfähigen Raumes mit der 180-Grad-Leinwand im Bachhaus zu Eisenach im Osten Thüringens. Er bildet den Kern des preisgekrönten Neubaus, den Architekt Berthold Penkhues als modernes Museum neben dem historischen Fachwerkhaus schuf. Darin finden sich neben Bachs Orgelmusik weitere Werke aus dem Schaffen des in Eisenach geborenen Komponisten, wie die Ballettinszenierung zur »Kunst der Fuge«.

Die Fuge. Das Kompositionsprinzip ist älter als Bach, doch mit keinem Namen wird sie mehr verbunden. Dazu bietet das Eisenacher Museum zahlreiche Hörbeispiele und eine einfache Erklärung: »Sie ist ein künstlerisches Stück, bei der eine Stimme der anderen nacheilt.« In »Kunst der Fuge« hat Bach dazu vierzehn Variationen geschaffen, die letzte kurz vor seinem Tod - über seinen Namen. Neben der Fuge werden viele Begriffe der Barockmusik erklärt, die das Verständnis erweitern, beispielsweise das von Bach gern benutzte Parodieverfahren, der Generalbass und der Kontrapunkt.

Der Meister war mit den Werken vieler Kollegen vertraut und kannte sich in der Geschichte der Komposition aus. Nach seinem Prinzip »es müsse alles möglich zu machen sein«, brach er bestehende Grenzen durch Improvisationen auf und konnte durch seine außergewöhnliche Spieltechnik meisterliche Qualität erreichen. Von seinem umfassenden Wirken als virtuoser Neuschöpfer, als musikalischer Prediger, der als »fünfter Evangelist« bezeichnet wurde, und als Lehrer ist im Eisenacher Bachhaus schwingenden Kabinen zu hören. Musik durchdringt jeden Raum - als Notenblatt, Instrument, gesungenes Lied oder polyphone Komposition.

Das Eisenacher Bachhaus ist das älteste Museum, das Johann Sebastian Bach gewidmet ist. Es versucht, dessen außergewöhnliche Leistung allgemein verständlich zu machen. Dies beginnt mit einer Vorführung historischer Tasteninstrumente im Musiksaal des Hauses. Das von Bach zum Komponieren bevorzugte Instrument war das Clavichord. Das Tasteninstrument erlaubt sensible Gestaltungsmöglichkeiten und hat die angenehme Eigenschaft, sehr leise zu sein.

Auf einem Spinett von Johann Heinrich Silbermann erklingt ein Satz aus den Goldberg-Variationen. Bach bezeichnete das Werk schlicht als »Clavier-Übung«. Der Titel der hochgeschätzten Musik geht auf seinen Biografen Johann Nikolaus Forkel zurück. Forkel urteilte auch über die Qualität von Silbermann: »Seine musikalischen Instrumente sind in der musikalischen Welt allzu bekannt, als daß es nötig wäre, (…) etwas zum Lobe derselben zu sagen.« In Bachs Nachlassverzeichnis sind 19 Instrumente aufgeführt, die er sein eigen nannte: mehrere Cembali, Klaviere, Spinett, aber auch Violinen, Bratschen und eine Gambe, die er alle selbst spielen konnte.

Die »Componirstube« des Museums vermittelt einen Endruck von Bachs Arbeitswelt. Am Clavichord probierte er einzelne Passagen, um sie danach zu Papier zu bringen. Dabei umgab ihn eine umfangreiche Bibliothek mit theoretischen Werken und Bibeln. Diese Hilfsmittel unterstützen sein großes musikalisches Können und Vorstellungsvermögen. Aus jeder Kantate spricht nicht nur der große Musiker, sondern auch ein sehr einfühlsamer Mensch.

Zurück in den dunklen Raum. Darin öffnet sich jetzt der bemalte Himmel einer kleinen Dorfkirche - und es erklingt Orgelmusik.

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