Größte Black Lives Matter Facebook-Seite ist ein Betrug

Rund 100.000 US-Dollar haben Betreiber von Propaganda-Seite eingenommen

  • Von Moritz Wichmann
  • Lesedauer: 5 Min.

Sie gab vor die Black Lives Matter-Bewegung zu repräsentieren, hatte fast 700.000 Follower und sie war nicht echt. Über ein Jahr lang war die Facebook-Seite »Black Lives Matter 1« online. Sie sammelte Spenden von rund 100.000 US-Dollar. Ein Teil davon ging offenbar an einen weißen Mann aus Australien. Das zeigt eine CNN-Recherche. Trotz Hinweisen an Facebook wurde die Seite lange nicht abgeschaltet – der Fall zeigt damit erneut die Probleme mit Fake News, undurchsichtigen politischen Anzeigen und der Facebook-Strategie »Wachstum um jeden Preis«.

Im Herbst 2016 ging die Facebook-Seite online. »Wir wollen gegen Rassismus und Polizeigewalt vorgehen, indem wir lokale und internationale Nachrichten zum Thema verbreiten, die in den Mainstream-Medien nicht vorkommen«, schrieben die Macher der Seite. Doch es ging nicht nur um die Verbreitung von Nachrichten über Hassverbrechen und Diskriminierung.

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Auf der Seite gab es auch T-Shirts und eine Black Lives Matter-Kaffeetasse für 25 US-Dollar zu kaufen. In Spendenaufrufen wurden Nutzer zudem aufgefordert für die Arbeit der Seite zu spenden, über Internetbezahldienste wie PayPal, Patreon und Donorbox. Damit wolle man unter anderem Facebook-Anzeigen bezahlen, um den skandalösesten Nachrichten zum Rassismus im Lande mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Schon vor einigen Monaten waren Black Lives Matter-Aktivisten misstrauisch geworden. Die offizielle Facebook Page der Bewegung hatte mit etwa 300.000 Online-Anhängern nur halb so viele Follower, doch die Macher der viel größeren Seite blieben im Dunkeln. Man habe Facebook schon vor Monaten über den Verdacht informiert dass die Black Lives Matter Seite ein Betrug sei, sagt Patrise Cullors, Mitgründerin der Bewegung CNN. Konsequenzen gab es offenbar keine.

Rechte Nachrichten auf einer schwarzen Seite?

Letzten Dezember dann wurde der Blogger Jeremy Massler auf die Seite aufmerksam. Er bemerkte: Die virale Seite verbreite nicht nur Nachrichtenartikel etablierter Medien, sondern auch solche von rechten Nachrichtenseiten und Falschinformationen, etwa einen Meme zu einem geheimen weißen Gruß. Vermeintliche schwarze Aktivisten, die auf rechte Seiten verlinken? Das erschien Massler unlogisch. Außerdem verdächtig: Wer auf der Facebook-Page auf einen der Posts klickte, wurde auf eine Seite zu einer Newsletter-Registrierung (blacklivesmatter.media) sowie auf Werbung weitergeleitet und erst danach zur Quelle des Artikels.

Massler recherchierte zu den Betreibern. Die dazwischengeschaltete Seite war auf Ian M. zugelassen, ein Mann aus Australien. Kessler kontaktierte ihn, mit mehreren Fragen etwa, wie viel Geld bereits gesammelt worden sei. Kurz danach verschwanden Spendenaufrufe von der Homepage. M. antwortete zwar, wich aber aus, erklärte sich mit Mitbetreibern absprechen zu müssen. Das Urteil des Bloggers schon damals: »Black Lives Matter1 ist wahrscheinlich ein Betrug«. Und er wunderte sich, dass die Mainstreammedien die Seite im derzeitigen »politischen Klima« und der Auseinandersetzung um Fake News nicht unter die Lupe genommen hätten.

Ausweichende Antworten und untätige Mainstream-Medien

Dabei hätte doch CNN selbst im Herbst 2017 aufgedeckt, dass einer der 470 mutmaßlich aus Russland gesteuerten Facebook-Accounts, die das Internetunternehmen den Behörden gemeldet hatte, die Seite »Blacktivist« gewesen sei. Auch diese falsche Facebook-Seite habe damals mit 360.000 Likes mehr Zustimmung generiert, als der offizielle Account der Bewegung.

Doch die so angesprochen CNN-Journalisten recherchierten zu Ian M., wenn auch erst später. Der Mann der offenbar mehrere Domains zum Thema registriert hat, erklärte, er habe die Seite nur gekauft und dann weiterverkauft, er sei nicht der Betreiber der Seite. Wenige Stunden später war »Black Lives Matter1« deaktiviert.

Ein Gewerkschafter auf Abwegen?

M. ist Vize-Vorsitzender der westaustralischen Sektion der Gewerkschaft »National Union of Workers«, laut australischen Medien wurde er vor sieben Jahren Mitglied. Er habe zunächst in Brisbane als Organizer gearbeitet und sei dann nach Westaustralien gezogen. Die Gewerkschaft suspendierte ihr Mitglied als Reaktion auf die Enthüllungen und kündigte an den Fall untersuchen zu wollen.

Gleichzeitig wandten sich die CNN-Journalisten an Facebook. Zuerst habe das soziale Netzwerk erklärt, die Seite würde nicht gegen die Nutzungsbedingungen verstoßen. Erst nach einer Woche und mehreren Telefonanrufen und E-Mails habe Facebook die Seite und ein anonymes Profil eines Administrators suspendiert, schreiben die CNN-Journalisten.

100.000 US-Dollar Schaden

Das Facebook auf Hinweise aus der Bewegung und zunächst auch auf die von CNN nicht reagierte, passt zum laxen Umgang der Plattform mit Inhalten, Nutzern und Nutzerdaten und der Strategie »Wachstum um jeden Preis«. Schließlich profitierte das soziale Netzwerk von dem »Onlineverkehr« in der Gruppe und den Anzeigen der Moderatoren. Schon im Fall Cambridge Analytica hatte Facebook nicht allzu genau überprüft, was mit auf der Plattform erhobenen Daten geschah und ob missbräuchlich verwendete Profildaten tatsächlich gelöscht wurden.

Die Online-Bezahldienste Patreon und Paypal suspendierten die Accounts von »Black Lives Matter 1« nach der CNN-Anfrage. Donorbox teilte mit man habe den Account der Seite bereits vor Monaten gesperrt. Unklar ist, wieviel Geld genau mit der Seite gesammelt wurde. 100.000 US-Dollar seien es gewesen, zumindest ein Teil davon sei auf australische Konten geflossen, erklärten nicht namentlich genannte Mitarbeiter der Online-Bezahlfirmen gegenüber CNN.

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