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Hang zum Gewichtigen

Der ehemalige Außenminister Joschka Fischer hat Geburtstag und sich zu dieser Gelegenheit ein Buch geschenkt

  • Von Uwe Kalbe
  • Lesedauer: 7 Min.

Wenn sich Joschka Fischer die inzwischen seltene Ehre zu einem Berliner Pressetermin gibt, dann scheint die Zeit stehengeblieben. Dann knistert wieder die Luft, drängen sich die in die Jahre gekommenen Journalisten, suchen Blickkontakt und hoffen darauf, mit dem Altmeister für einen Moment die Klingen zu kreuzen wie einst. Zu Buchvorstellungen lässt Fischer sich noch ab und an herab. Und derzeit ist es das eigene Buch, das beworben werden will. Medienfuchs Fischer hatte immer Gespür für die eigene Vermarktung. Das Paar Turnschuhe, das er zur Empörung pietistischer Konservativer 1986 bei seiner Vereidigung als erster grüner Umweltminister Hessens trug, hatte er angeblich extra für diesen Anlass gekauft und zog es demnach danach nie wieder an. Aktuell gilt sein Trachten einem erfolgreich verkauften »Abstieg des Westens«. Schicksalsschwer wählte Fischer den Buchtitel. Und clever wählte er für die Analyse einer am Abgrund stehenden Welt einen anderen historischen Moment. Fischer wird 70 Jahre alt. An diesem Donnerstag.

Schon immer zog Fischer die Platzhirsche des Berliner Journalismus an. Als der Bundesaußenminister im September 2005, nach der vorgezogenen Bundestagswahl aus den Höhen des rot-grünen Regierungsamtes gestürzt, seinen Rückzug aus der Fraktionsführung der Grünen im Bundestag ankündigte, war dies eine Katastrophe. Nicht für die Grünen. Sondern für sie, die Reportierer und Kolumnierer und Analysierer des Berliner Politbetriebs. Ohne Fischer verlor dieser viel von seinem Reiz, fanden sie damals, und einige meinten gar, dass die Grünen einen »historischen Moment« verpassten, als sie für ihren Geschmack zu schnell zur Tagesordnung übergingen.

Solche Einschätzungen kommen dem nahe, was Fischer selbst von sich hält. Der Mann ohne jeden beruflichen oder akademischen Abschluss, der nie eine Parteifunktion bei den Grünen hatte, aber über Jahre ihr virtueller Anführer war, der vom kapitalismuskritischen Straßenkämpfer in Frankfurt am Main zum Politprofi, zum Landes- und Bundesminister sowie Fraktionschef im Bundestag wurde, der mehrere Bücher schrieb und in den Büchern anderer Leute eine mehr oder weniger rühmliche Rolle zugewiesen bekam, kann mit Fug und Recht behaupten, die politische Landschaft mitgeprägt zu haben. Die Grünen waren ihm dabei eher Mittel als Heimat. Auf die Frage, warum er, der als Wahkampflokomotive einst Prozente wie Kilometer einfuhr, für seine Partei nun keinen Finger mehr krumm macht, antwortete er Journalisten der »Süddeutschen Zeitung« lapidar: »Ich habe viele Wahlkämpfe extensiv betrieben, ich brauche das nicht mehr.«

Joschka Fischer brauchte die Grünen eigentlich nie, außer für seinen eigenen Aufstieg. Als Außenminister fand er die Rolle, in der er sich am besten gefiel. Dabei übernahm er diese 1998 nach eigener Auskunft vor allem in dem kühlen Kalkül, die Koalition mit der SPD vor dem frühzeitigen Auseinanderbrechen zu schützen. Weil absehbar war, dass der Konflikt auf dem Balkan, der zum ersten deutschen Militäreinsatz seit 1945 führte, die Grünen aus der Koalition getrieben hätte, wenn nicht er, Fischer, den Kriegskurs des Bundeskanzlers und der NATO vertreten hätte, sondern jemand von der SPD.

Von der Außenministerei kann er bis heute nicht lassen. Auch seine Arbeit als Chef der Beraterfirma JF&C in Berlin sieht er als Fortsetzung der Außenpolitik mit anderen Mitteln, wie er einem Journalisten der »Wirtschaftswoche« einmal in den Block diktierte. Und das liegt nicht allein an seinen engen Beziehungen zur einstigen US-Außenministerin Madeleine Albright, die ihm zu dem neuen Job verholfen hat. Sondern auch daran, dass er Firmen wie BMW, RWE oder Siemens bei ihrer weltweiten Vermarktung hilft und das Gewicht von Geschäftsterminen gern mit dem des einstigen Amtes beschwert.

Fischers Kampfgewicht ist nach einigen Zwischenstationen als klapperdürrer Langläufer wieder auf ein beträchtliches Maß angestiegen. Der Mann hat sich nie um seinen Ruf geschert, immer nur um Berufung. Und um Macht. Er kann auf ein bewegtes Leben nebst vier Ehefrauen zurückblicken, mit der fünften ist er verheiratet. Klotz am Bein wurde ihm kurzzeitig allein jener Teil seiner Vergangenheit, da er in Sponti-Zeiten mit seiner Putzgruppe die Staatsmacht in Frankfurt am Main herausforderte; neben Steinen kamen damals in den 60ern auch Molotowcocktails zum Einsatz, was ihm und der rot-grünen Koalition im Bundestag dann späte, aber unangenehme Fragen der konservativen Opposition eintrug. Die Koalition wehrte die Attacken allerdings mit jener grinsenden Nonchalance ab, mit der Teile der westdeutschen Linken ihre Geschichte inzwischen betrachten - als von Jugendsünden nicht freie, aber über moralische Zweifel erhabene Zeit - sofern sie nicht mit Kontakten zur DDR und SED kontaminiert ist.

In seinem neuesten Buch kann man denn nun auch den vollständig abgeklärten und von moralischer Selbstgewissheit beseelten Fischer erleben. Auf jener Stufe gehört es zum Weltbild, dass die Grünen sich nicht an das Land, sondern das Land sich an die Grünen angepasst hätten. So legte Fischer es den feierlich gestimmten und deshalb nicht sonderlich nachdenklichen Grünen schon vor zehn Jahren, zu ihrem 25. Jahrestag dar. Norbert Lammert, damals noch Bundestagspräsident, übernahm den Part der Relativierung mit der Bemerkung, die einst systemkritischen Grünen hätten Vorzügen der Gesellschaft, wie etwa der Parteienfinanzierung, von Beginn an durchaus aufgeschlossen gegenübergestanden.

Kurioserweise lassen die Differenzen im Urteil über Vergangenes nach, sobald sich der Blickwinkel auf gegenwärtige Zeitläufe angleicht. In seinem Buch, in dem er Europa seinem eigenen Untergang entgegentaumeln sieht, wenn es im Machtgerangel der Weltzentren nicht noch die Kurve kriegt, ist Fischer nicht mehr Realo unter Grünen, sondern Kassandra unter Realos. Auch wenn er nicht müde wird, vor Nationalismen zu warnen, ist sein Urteil das eines liberalen Weltbürgers ohne jeden Anflug linker Betrachtungsweise. So betrachtet er die erste große Sünde der rot-grünen Regierung, die Beteiligung Deutschlands am NATO-Krieg 1999 in Jugoslawien, tatsächlich als Antwort auf die Lehren des »einhundertjährigen Desasters während der Epoche der europäischen Nationalstaatsbildung und ihrer großen Hegemonialkriege«. Das ist beinahe ebenso aberwitzig wie seine damalige Begründung, es gelte, ein zweites Auschwitz zu verhindern.

Die große Geste beherrscht er wie jeher meisterlich, und raunende Warnungen an die politischen Entscheider EU-Europas vor dem Verschlafen dieser oder jener Entwicklung lesen sich durchaus spannend. Fischer präsentiert das Fischersche Weltbild mit der Selbstgewissheit eines Joschka Fischer - wie gewohnt. Etwa so: »Die absehbare Entwicklung wird die fundamentale Frage nach der Zukunft der Arbeit als solcher aufwerfen, die die westliche politische Organisationsform - Rechtsstaat und Demokratie - zutiefst erschüttern wird.« Ökonomische Ursachen für die Konflikte in der Weltpolitik interessieren ihn jedoch eigentlich nicht, was mit der Rücksicht auf die Kundschaft seiner Firma zu tun haben mag. In der Folge führt das jedoch zu den üblichen westlichen Stereotypen vom unberechenbaren Russland und dem wertebasierten Westen. Allein China, dem er ein »leninistisches Modell auf digitaler Grundlage« bescheinigt, kommt ein wenig besser weg, und auch das mag mit einigen geschäftlichen Verbindungen zu tun haben, die Fischer mit seiner Firma anzubahnen hatte.

Zugleich ist Fischers Belesenheit Grund für die unterhaltsame Lektüre vieler nichtssagender Weisheiten. Und sein Hang zur großen Geste. Manches davon hat immerhin Erfahrungsgrundlagen in realer internationaler Politik. So erinnert man sich an den großen Skandal, den die CDU zu Beginn der 2000er Jahre mit der sogenannten Visa-Affäre vom Zaun brach, als unter Fischers Amtsleitung 2001 sage und schreibe 300 000 Reisevisa in der ukrainischen Hauptstadt Kiew erteilt wurden. Die CDU sah Schleuser und Schlepper am Werk, wie sie das heute noch gerne tut. Wenn man aber die ukrainische Rutschfahrt in Richtung EU-Ankopplung vor Augen hat, die danach einsetzte, könnte man dem damaligen deutschen Außenminister auch konzedieren, womöglich den Finger bereits am Auslöser einer Falltür gehabt zu haben, der die Sache ins Rutschen brachte. Die Union nahm das Thema nach der Machtübernahme der Großen Koalition im Jahr 2005 jedenfalls nicht wieder auf.

Joschka Fischer: Der Abstieg des Westens. Europa in der neuen Weltordnung des 21. Jahrhunderts. Kiepenheuer& Witsch, Köln 2018, 233 Seiten, 20 Euro

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