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Mit kommunistischen Grüßen

Die Freundschaft zwischen Wolfgang Harich und Georg Lukács - ein Briefwechsel

  • Von Hermann Klenner
  • Lesedauer: 7 Min.

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In mehr als hundert bisher weitestgehend unbekannten Briefen, Denkschriften, Gutachten, Stellungnahmen sowie anderen Interna werden in dem hier vorzustellenden voluminösen Werk über die Freundschaft zwischen Wolfgang Harich und Georg Lukács Einblicke von ganz besonderer Güte in die Entwicklungen - und Fehlentwicklungen - des philosophischen Denkens in der gewesenen DDR geboten. Das zeigt sich am eindrucksvollsten einerseits im Beziehungsgeflecht zwischen den sich als Marxisten je eigener Art empfindenden Georg Lukács (1885 - 1871) und Ernst Bloch (1885 - 1977) und eben Wolfgang Harich (1923 - 1995). Andererseits zeigt es sich im Wechselverhältnis dieses Dreigestirns, das sich - im Gegensatz zur DDR-Obrigkeit - der Weiterentwicklungsbedürftigkeit des Marxismus bewusst war.

Zum Einerseits: Im September 1949 hatte der 26-jährige Harich in der »Täglichen Rundschau«, dem offiziellen Organ der sowjetischen Besatzungsmacht, über einen Berliner Goethe-Vortrag des 64-jährigen Lukács mehr kritisch als anerkennend berichtet, was Bloch veranlasste, empört an den ihm seit Jahrzehnten gut bekannten und nun Kritisierten nach Budapest zu schreiben: dem »Playboy und Lausejungen« Harich müsse das Handwerk gelegt werden. Jahre später wird Bloch verstimmt kundtun, dass - wie Ulbricht aus Moskau - Harich aus Budapest ferngelenkt werde. Und zum 90. Geburtstag von Bloch telegrafierte Harich diesem »in Verehrung und Liebe«, dass in der Hölle, Abteilung für Kommunisten, Brecht, Eisler und Lukács vorwurfsvoll auf ihn warten würden.

Zum Andererseits gehören drei Tiefpunkte: das de facto Publikationsverbot nach 1956 für Lukács als Mitglied der Akademie der Künste, ferner die Zwangsemeritierung Blochs 1957, ebenfalls DDR-Akademiemitglied und Nationalpreisträger, sowie die Verurteilung Harichs im März des gleichen Jahres durch das Oberste Gericht der DDR wegen der (angeblichen) Bildung einer konspirativ-staatsfeindlichen Gruppe gemäß Artikel 6 der DDR-Verfassung zu zehn Jahren Zuchthaus, von denen er acht lange Jahre absaß, bevor er im Dezember 1964 vorzeitig entlassen wurde.

Um es vorwegzunehmen: Seine Charakterstärke ließ den von den eigenen Genossen am härtesten malträtierten Harich weder zerbrechen noch zu einem Überläufer werden. In einem längeren, maschinenschriftlich überlieferten, mit »kommunistischen Grüßen« endenden Schreiben vom 10. März 1987 an den Generalsekretär der Partei und Staatsratsvorsitzenden erwähnte Harich beiläufig, dass er seinen zeitweiligen Aufenthalt in Österreich und der BRD von 1979 bis 1981 ausschließlich dazu genutzt habe, bei den dortigen Grünen und Alternativen »Vorurteile gegen die DDR abbauen und ihre Bereitschaft zu aktiver Teilnahme am Friedenskampf stärken zu helfen«. Niemand hat das bisher bestritten.

Und das galt, eher verschärft noch, auch für die Zeit, da das Oberste Gericht der DDR das eigene Zuchthausurteil gegen Harich von ehemals endlich kassiert (März 1990) und der Staat selbst sein ruhmloses Ende gefunden hatte. Jener Staat, mit dem der Ostberliner Philosoph sich vierzig Jahre zuvor - in einem längeren Beschwerdebrief an den Vorsteher eines Westberliner Polizeireviers - identifiziert hatte: »Ich mache kein Hehl daraus, dass ich von Herzen wünsche, dass sich die gesellschaftlichen Neuerungen der DDR in ganz Deutschland durchsetzen.«

Und nach der großen Kehre? Um der offiziellen antikommunistischen Verfälschung der deutschen Zeitgeschichte entgegenzutreten, war es kein anderer als Wolfgang Harich, der 1992 eine Alternative Enquete-Kommission initiierte. Hatte ihm in früheren Jahren die DDR als Ausgangsbasis gegolten, von der aus eine Wiedervereinigung ins Feld zu setzen sei, so sollte diese Kommission mit ihren 28 Arbeitsgruppen letztlich zu einer »Aussöhnung der Deutschen« beitragen. Vor einem bundesdeutschen Gericht gegen die ihn 1956 verurteilenden DDR-Richter als Zeuge auszusagen, weigerte sich Harich; das brachte ihm in den frühen Morgenstunden eines weniger schönen Tages im Jahr 1993 gemäß Paragraf 51 der StPO eine polizeiliche Zwangsvorführung sowie die Zahlung eines Ordnungsgeldes von 800 DM (bei seiner damaligen Strafrente von 1340 DM) ein - was an seiner Aussageverweigerung selbstredend nichts änderte.

Und natürlich kämpfte er, wie vor 1990, so auch danach, für die Anerkennung von Lukács, mit dem er bis 1956 Dutzende Briefe gewechselt hatte, auch wenn die beiden sich nicht mehr wie zuvor mehrfach persönlich begegnen sollten. In seinem letzten (im vorliegenden Band nicht enthaltenen) Brief an Erich Honecker vom 29. Februar 1988 schrieb Harich, dass er getreu seiner »marxistisch-leninistischen Überzeugungen unbeirrbar an den Errungenschaften von Georg Lukács festhalte, was mir, gekoppelt mit meiner fachlichen Überlegenheit den Hass windiger Modefans, blasierter Ästhetizisten und Morgenluft witternder Reaktionäre zuzieht«.

Er wollte den bedeutendsten ungarisch-jüdischen Philosophen auf die gleiche Stufe gestellt wissen wie Rosa Luxemburg - und gleich nach Lenin eingeordnet. Eine Doppelbegabung außergewöhnlichen Ausmaßes war Lukács allemal. Als Politiker: seit 1918 Mitglied der Kommunistischen Partei Ungarns; 1931 KPD-Mitglied in Berlin; 1933 - 1944 Emigrant in Moskau; 1949 Mitglied des Weltfriedensrates; 1956 ZK-Mitglied der KPU und Volksbildungsminister in Budapest. Und als Philosoph: 1923 erschien seine »Geschichte und Klassenbewusstsein«; 1938 wurde er Mitglied der deutschen Sektion des sowjetischen Schriftstellerverbandes in Moskau; 1948 kam »Der junge Hegel und die Probleme der kapitalistischen Gesellschaft« heraus.

Mit einer Verbissenheit ohnegleichen kämpfte Harich von 1951 bis 1992 (unterbrochen nur durch seine acht Jahre »Bautzen«) in Gutachten ohne Ende sowie einer ganzen Reihe sehr langer Briefe, unter anderem an Fred Oelßner, Kurt Hager und Honecker, für die Veröffentlichung der Monografien und Artikel von Lukács. Ihn hat er als seinen Lehrer und Verbündeten für bedeutender gehalten als alles andere, was in der DDR an Philosophischem geboten wurde. In dieser, so Harich 1952 in einem Brief an Lukács, gebe es auf dem Gebiet der Philosophie »außer dem dunkel aphoristischen Bloch fast nur noch märkischen Sand, der entweder von sektiererischen Genossen oder von halbwegs loyal gestimmten bürgerlichen Professoren minderer Güte produziert« werde. Aus einer brieflich geäußerten Meinung von 1970, dass der Marxismus »voraussichtlich das Denken des 21. Jahrhunderts total beherrschen werde«, und seiner Wertschätzung von Lukács als »seit Lenins Tod weltweit größten Philosophen« ergab sich für Harich zwingend, die Werke des Ungarn ernst zu nehmen, wozu er denn auch immer wieder beharrlich in seinen Briefen die jeweilige Obrigkeit aufforderte. Doch die Verhältnisse waren nicht so.

Das galt insbesondere für die beiden bedeutendsten philosophiehistorischen Werke von Lukács. Im »Jungen Hegel« hatte dieser nämlich - gegen die damals angeblich als von Stalin höchstselbst stammenden Primitivismen gerichtet - nachgewiesen, dass »die Hegelsche Eule der Minerva niemals ein Aasvogel der Reaktion« gewesen sei, sondern das europäische Aufklärungsdenken auf den direkten Weg zu Marx vorangebracht habe. Und dass Harich sich in seinem Feldzug gegen die seiner Meinung nach »schleichende Nietzsche-Renaissance« in der DDR vom einschlägigen Kapitel aus dem von Lukács in der »Zerstörung der Vernunft« geschilderten Weg Deutschlands zu Hitler auf dem Gebiete der Philosophie inspirieren ließ, ist nachvollziehbar. Schließlich hieß es bei Nietzsche: »Wen hasse ich unter dem Gesindel von Heute am besten? Das Sozialisten-Gesindel.«

Da ein Gutteil der hier publizierten Briefe von deren Autoren nicht zur Veröffentlichung vorgesehen war, ist in ihnen viel Privates zu finden. Was ihre Lektüre zusätzlich reizvoll, zuweilen auch vergnüglich macht: Wenn etwa Harich einem einflussreichen Briefadressaten ein »Schäm Dich in Grund und Boden!« zumutet oder von Bloch behauptet wird, er habe Brecht einen Floh ins Ohr gesetzt. Sodann wird gegen eine »Schweinerei ersten Ranges« gewettert und an anderer Stelle beklagt, dass deutsche Philosophen »leider manchmal Geburts- und Todestage« haben.

Die Publikation der Freundschaftsdokumente zwischen Wolfgang Harich und Georg Lukács sowie weiterer Materialien ist dem Forscherfleiß von Andreas Heyer zu verdanken. Unterstützt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, aber auch von Anne Harich (die vor einigen Jahren ein Verstand und Gefühl außergewöhnlich berührendes Buch über ihren verstorbenen Mann publiziert hatte), verschrieb er sich der Aufgabe, Harichs wissenschaftlichen Nachlass herauszugeben und jeden Band mit einer umfangreichen Einleitung und Bilddokumenten zu versehen. Dass er die katastrophalen Arbeitsbedingungen in dem sich in der Berliner Staatsbibliothek am Potsdamer Platz befindenden Archiv des Aufbau-Verlags nicht unerwähnt lässt, soll hier nicht verschwiegen werden.

Und erst recht nicht sei verschwiegen, dass inzwischen auf Antrag der rechtsradikalen, antisemitischen Jobbik-Partei der Budapester Stadtrat, dem »Hungary-first«-Chauvinismus des Orbán-Regimes gemäß, beschlossen hat, das 1985 aufgestellte Lukács-Denkmal zu entsorgen und durch eine Statue des Heiligen Stephan zu ersetzen. Das 1972 gegründete und in der Wohnung des Verstorbenen eingerichtete Lukács-Archiv ist schon nicht mehr benutzbar, die sachkundigen Mitarbeiter sind degradiert und dezimiert worden. Sind damit in Ungarn auch die Gedanken von dem für Harich bedeutendsten Philosophen seit Lenin entsorgt?

Wolfgang Harich/Georg Lukács. Dokumente einer Freundschaft Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs, Bd. 9. Hg. v. Andreas Heyer. Tectum-Verlag, 515 S., geb., 39,90 €.

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