Jesus aus dem Silicon Valley

Der Technologie-Apologet Elon Musk will die Welt verändern.

  • Von Lee Wiegand
  • Lesedauer: 4 Min.

Am Ostersonntag ist der Preis für Tesla-Aktien um acht Prozent gefallen. Zuvor hatte Elon Musk, Chef des US-Autoherstellers, auf Twitter verkündet, das Unternehmen müsse Konkurs anmelden. Das war ein Aprilscherz, den womöglich manche Anleger nicht verstanden und ihre Anteile abgestoßen haben.

Für seine Scherze ist Elon Musk bekannt. Er gilt als exzentrischer Visionär des Silicon-Valley-Kapitalismus und ist aktueller Posterboy der Generation Y, also von Menschen im Alter zwischen 20 und 35 Jahren. Dass er einmal diesen Status erreichen würde, war zwar nicht absehbar, aber sein Talent für innovatives Denken zeigte sich früh. Musk, der am 28. Juni 1971 in Pretoria geboren wurde, lebte nach der Scheidung seiner Eltern, einem kanadischen Model und einem südafrikanischen Maschinenbauingenieur, bei seinem Vater an unterschiedlichen Orten in Südafrika. Im Alter von zehn Jahren entwickelte er erstes Interesse an Computern, bereits zwei Jahre später verkaufte er für 500 US-Dollar ein selbst entwickeltes Videospiel.

Mit 16 Jahren wanderte er nach Nordamerika aus, um sich dem Wehrdienst des Apartheidregimes zu entziehen und studierte zunächst in Kanada, anschließend an der University of Pennsylvania, die er mit einem Bachelorabschluss in Volkswirtschaftslehre und Physik verließ. Zwischen ihn und den Doktortitel drängte sich dann 1995 der Dotcom-Hype: Bereits nach zwei Tagen verließ er die renommierte Stanford University, um sein erstes Unternehmen Zip2 zu gründen.

Zip2, das Fimenverzeichnisse an Medienunternehmen verkaufte, konnte er bereits 1999 für 307 Millionen US-Dollar veräußern, wovon ihm selbst 22 Millionen als Kapital für seine zukünftigen Projekte zur Verfügung standen. Das Geld investierte er sofort in die Entwicklung eines Onlinebezahlsystems namens X.com, welches bereits kurze Zeit später in PayPal aufging und wiederum nur drei Jahre später für 1,5 Milliarden US-Dollar weiter verkauft wurde. Musk hatte nun genug Kapital, um spektakuläre Projekte zu finanzieren, die ihm den Ruf eines technischen Visionärs einbrachten.

So widmete er sich als nächstes der kommerziellen Raumfahrt und gründete SpaceX. Er versprach nicht nur eine günstige Reise in den Kosmos für jedermann, sondern verkündete auch das Ziel einer Marskolonisation bis zum Jahr 2050. Erst danach stieg er in ein vergleichsweise bodenständiges Geschäft ein und finanzierte den Ausbau des Elektroautoherstellers Tesla. Dieses Unternehmen macht zwar trotz Milliarden an Umsätzen hohe Verluste, das scheint Musk in Anbetracht seines ohnehin schon riesigen Vermögens aber egal zu sein. Er gibt sich als Visionär, als Mann, der Veränderung will und sie selbst in die Wege leitet.

Tatsächlich hat Tesla die Autobranche verändert und der alteingesessenen Autoindustrie einen Schrecken eingejagt. Er ist dafür mitverantwortlich, dass sich das Thema Elektromobilität nicht länger ignorieren lässt. In der Raumfahrt gelang SpaceX ein Achtungserfolg mit wiederverwendbaren Raketen.

Neu im Musk-Imperium ist das Unternehmen Hyperloop, das die sterbende nordamerikanische Eisenbahn durch Futurama’eske Transportröhren ersetzen will. Durch die Röhren sollen Menschen mit 1125 Kilometern pro Stunde wie Rohrpost um die Erde geschickt werden.

Stellvertretend für die Technikapologeten des Silicon-Valley-Kapitalismus tritt der 47-jährige Musk mit seinen Vorstellungen und seiner fast schon aggressiven Innovationspolitik an die leere Stelle, die der US-amerikanische Staat durch seinen stetigen Rückzug aus Forschung und Entwicklung hinterlassen hat. SpaceX wäre ohne die sinkende Finanzierung der NASA genauso undenkbar wie Hyperloop, das vom Niedergang des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs profitiert. Ähnlich ist es bei Tesla: Die alten US-amerikanischen Autokonzerne haben auch deswegen keine Elektro-Fahrzeuge entwickelt, weil die Politik nur unzureichende Umweltvorschriften gemacht hat.

Musk ist, gerade aus einem linken Blickwinkel, sicherlich kein Engel. Seit Jahren klagen Mitarbeiter von Tesla über schlechte Arbeitsbedingungen, sein interner Führungsstil wird von manchen als tyrannisch bezeichnet. Wer in seinen Augen den Fortschritt behindert, der fliegt. Und wer überhaupt am Fortschritt teilhaben will, der muss sich häufig etlichen Bewerbungsverhören durch Musk persönlich unterziehen. Trotz der umweltfreundlichen E-Autos von Tesla steht Musk wegen des SpaceX-Programms bei Umweltschützern in der Kritik.

Aber Musks Versprechen, Science Fiction Wirklichkeit werden zu lassen, beflügelt in Zeiten eines kulturellen und gesellschaftlichen Stillstands die Fantasie vieler Menschen, vor allem in den jüngeren Generationen, die sich eine Alternative zum Status quo wünschen. Dafür scheinen viele bereit zu sein, über die Kritik hinwegzusehen.

Womöglich gibt es dabei große Schnittmengen mit den jungen Menschen, die sich im vergangenen US-Wahlkampf von den Versprechen des linken Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders’ angesprochen fühlten und sich nichts mehr wünschen als eine Veränderung.

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