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  • Nutzung sozialer Medien

Internet statt Fernseher

Eine Studie zeigt: Die Nutzung sozialer Medien führt bei Kindern nicht zwangsläufig zu schlechteren schulischen Leistungen.

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Neue Technologien haben es in Deutschland traditionell schwer, Eingang in den Schulunterricht zu finden. Das galt einst für den Taschenrechner, heute gilt es für Computer und Internet, vor deren schädlichen Einflüssen auf Heranwachsende manche Wissenschaftler und Pädagogen in markigen Worten warnen.

Als die ehemalige Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) im Jahr 2016 erklärte, deutschen Schulen bis 2021 fünf Milliarden Euro für Computer und WLAN zur Verfügung stellen zu wollen, sprach der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer von einem Skandal. Solche Investitionen würden nur zur Verdummung der Schüler beitragen und eine Bildungskatastrophe heraufbeschwören. »Menschen downloaden nicht, sondern sie beschäftigen sich mit etwas«, erklärte Spitzer. Dabei verarbeite ihr Gehirn Informationen, indem es neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen knüpfe. So funktioniere Lernen. »Wenn ich Informationsverarbeitung aber nicht im Gehirn, sondern im Computer betreibe, hat das Gehirn nichts gelernt.«

Auch Josef Kraus, der ehemalige Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, sieht die Digitalisierung des Klassenzimmers mit Skepsis. Computer verleiteten Schüler nur dazu, sich »Häppchen-Informationen und Häppchen-Wissen anzueignen«. Außerdem bleibe infolge der Digitalisierung des Unterrichts der zwischenmenschliche Dialog auf der Strecke. Belastbare Belege für solcherart »Verdummungstheorien« gibt es nicht, auch wenn namentlich Spitzer immer wieder das Gegenteil behauptet und einem seiner Bücher sogar den Titel »Digitale Demenz« gab.

Seit Längerem stehen insbesondere die sozialen Medien in Verdacht, Schülerinnen und Schüler von der Bewältigung ihrer Bildungsaufgaben abzulenken. Die Nutzung von Social Media ist deshalb an manchen Schulen nicht gern gesehen. Es gebe regelrechte Horrorszenarien über die mutmaßlich fatalen Auswirkungen von sozialen Netzwerken auf die Leistungen der Schüler, sagt Markus Appel, Psychologe und Inhaber des Lehrstuhls für Medienkommunikation an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Gemeinsam mit seiner Doktorandin Caroline Marker und dem Bamberger Psychologen Tino Gnambs hat er untersucht, ob Kinder und Jugendliche tatsächlich schlechtere Leistungen in der Schule zeigen, wenn sie intensiv Facebook, Snapchat oder Instagram nutzen. »Es gibt zu dieser Frage zahlreiche widersprüchliche Einzelstudien, so dass eine sachgerechte Einordnung aller Ergebnisse bislang schwierig war«, betont Marker. »Manche Studien beschreiben negative Auswirkungen von sozialen Medien, andere berichten über einen positiven Einfluss, wieder andere stellen gar keine Zusammenhänge fest.«

Die Forscher haben deshalb eine sogenannte Meta-Analyse durchgeführt, und zwar anhand von 59 Studien aus wissenschaftlichen Datenbanken, die sich mit dem Zusammenhang von Social-Media-Nutzung und Schulleistungen beschäftigen. Anschließend werteten sie die Daten der Studien aus, in die weltweit etwa 30 000 junge Menschen zwischen 13 und 22 Jahren einbezogen waren.

Über ihre Ergebnisse berichten Appel, Marker und Gnambs in der Fachzeitschrift »Educational Psychology Review«. Danach erbringen Schüler, die sich mittels Social Media regelmäßig über schulbezogene Themen austauschen, im Schnitt etwas bessere schulische Leistungen als Schüler, die das nicht tun. Anders liegen die Dinge bei Schülern, die soziale Medien nutzen, während sie gleichzeitig lernen oder Hausaufgaben machen. Bei ihnen sind die Schulnoten leicht verschlechtert. »Diese Form des Multitaskings scheint also eher ablenkend zu wirken«, folgern die Forscher. Auch Schüler, die sich sehr oft in soziale Netzwerke einloggen und dort vor allem Nachrichten und Fotos posten, haben etwas schlechtere Schulleistungen.

Das erstaunlichste Ergebnis der Mega-Analyse ist, dass Schüler, die häufig auf Facebook & Co. unterwegs sind, trotzdem nicht das Lernen vernachlässigen. Es gebe keinen Beleg, dass soziale Medien den Schülern wertvolle Zeit bei der Vorbereitung auf den Unterricht raubten, meint Appel. Möglicherweise beanspruchen Jugendliche die neuen Medien in jenen Stunden, in denen frühere Generationen vorm Fernseher saßen. Damit hätte die Jugend von heute sogar einen kleinen Vorteil. »Über den Fernseher konnte man sich nicht über Schulaufgaben austauschen«, kommentieren die Wissenschaftler.

Bliebe noch die Frage nach der Richtung der Beeinflussung zu stellen: Führt die »falsche« Nutzung von sozialen Netzwerken bei Schülern zu schlechteren Leistungen, oder neigen Schüler mit schlechteren Leistungen dazu, sich auf Facebook und anderen Plattformen zu tummeln? »Diese Frage können wir nicht beantworten. Beide Ursache-Wirkungs-Richtungen sind möglich, aber nicht stark ausgeprägt«, sagt Appel und ergänzt, dass soziale Medien für junge Menschen prinzipiell weder gut noch schlecht seien. Es komme vielmehr darauf an, was man mit solchen Medien mache. Sie zu verteufeln, wäre deshalb ebenso unangebracht wie zu behaupten, dass ihrer Nutzung gar keine Risiken innewohnten.

Denn es gibt nicht wenige Jugendliche, die sich derart in soziale Netzwerke vertiefen, dass sie vieles um sich herum kaum noch wahrnehmen. Laut einer Untersuchung der Krankenkasse DAK betrifft dies hierzulande etwa 2,6 Prozent der 12- bis 17-Jährigen. In absoluten Zahlen sind das rund 100 000 Kinder und Jugendliche, denen jegliche Kontrolle im Umgang mit den neuen Medien abhanden gekommen ist. Sie können nicht aufhören zu posten, selbst wenn sie wissen, dass sie sich deswegen Ärger mit ihren Eltern einhandeln. Und sie reagieren gereizt, wenn man sie in ihrer Lieblingsbeschäftigung behindert.

Aber auch hier bleibt viel Raum für Deutungen. »Natürlich kann es sein, dass sich depressiv veranlagte Kinder und Jugendliche häufiger in die virtuelle Welt zurückziehen und deshalb ein Suchtverhalten entwickeln« sagt Rainer Thomasius, Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen. »In jedem Fall verstärken sich die beiden Faktoren, so dass eine ernste gesundheitliche Gefahr droht.« Man mag darüber streiten, ob es zweckmäßig ist, in solchen Fällen von einer Sucht zu sprechen. Unbestreitbar ist jedoch, dass Kinder im Umgang mit sozialen Medien mitunter den Kontakt zur Realität verlieren. In der DAK-Studie gaben 17 Prozent der Befragten an, sich mit Freunden ausschließlich oder meist über soziale Netzwerke zu verständigen. Kritiker der neuen Medien mögen diese Zahl für alarmierend halten. Gleichwohl taugt sie nicht, um allgemein einen restriktiven Umgang mit sozialen Netzwerken zu rechtfertigen. Denn für die große Mehrheit der Jugendlichen, so darf man aus der Studie folgern, bergen digitale Medien keine einschneidenden Gefahren für ihre Persönlichkeitsentwicklung.

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