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Morgenröther Mikrokosmos

Sigmund Jähns Geburtsort zeigt eine neue Raumfahrtausstellung

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: ca. 5.0 Min.

Seit Sigmund Jähn aus Morgenröthe-Rautenkranz 1978 als erster Deutscher ins All flog, gilt der Ort als eine Art Sternenstädtchen im Vogtland. Eine neue Raumfahrtausstellung soll dem Ruf noch besser gerecht werden.

Vom Rand der Sonne bis zur Erde sind es nur fünf Kaffeebohnen. Fünfmal einen Fuß vor den anderen gesetzt, und man kann den Planeten in die Hand nehmen. Um zu Pluto zu gelangen, sind 73 Schritte notwendig. Sie führen vorbei an Jupiter, den zwei Erwachsene kaum umarmen können, und über holperige Streifen anthrazitfarbener Gesteinsbrocken. Von der Sonne aus ist Pluto, der vom Planeten zum Zwergplaneten degradiert wurde, kaum zu erkennen: Als Murmel vom Durchmesser eines Daumennagels steht er am äußersten Rand des Sonnensystems, gleich vor den Garagen.
Raumschiffe gibt es nicht in der maßstabsgetreuen Nachbildung des Sonnensystems, mit der die Besucher der neuen Raumfahrtausstellung in Morgenröthe-Rautenkranz vor der Tür des hellblauen Gebäudes empfangen werden. Sie würden allzu leicht übersehen. Die Gefährte, mit denen Menschen seit 50 Jahren den Kosmos erobern, werden erst in der Ausstellung gezeigt, dort aber in Hülle und Fülle. Ob Modelle von Wostok-Raketen, dem Mondmobil Lunochod, Space Shuttle oder Apollo: Morgenröthe-Rautenkranz hat sie alle.

Wohnzimmer im Gastank
In technischer Hinsicht stellen die Raumfahrzeuge großartige Errungenschaften dar; wirklich groß sind sie nicht. In der Ausstellungshalle steht ein weißer Zylinder, der wie ein Gastank aussieht, bei dem es sich aber um das Trainingsmodul der sowjetischen Raumstation MIR handelt, an dem europäische Raumfahrer ausgebildet wurden. Die Besucher können in deren Rolle schlüpfen - müssen aber den Kopf einziehen. Das »Wohnzimmer« der Raumstation ist von bescheidener Größe, das Badezimmer winzig. In den Weiten des Alls, so lernt man in Morgenröthe-Rautenkranz, muss der Mensch mit wenig Platz auskommen.
Dass man solche Erfahrungen in der kleinen Vogtlandgemeinde machen kann, ist deren gutem Ruf in der Welt der Raumfahrt geschuldet. Für das MIR-Trainingsmodul gab es viele Bewerber; gelandet ist das wertvolle Stück in dem 860 Einwohner zählenden Ort. Der hätte es kaum zu Berühmtheit gebracht, wäre hier nicht 1937 der Mann geboren worden, der 41 Jahre später als erster Deutscher ins All flog. Nachdem Sigmund Jähn von seiner neuntägigen Mission an Bord der Raumstation Salut 6 zurückgekehrt war, wurde im Bahnhof von Morgenröthe-Rautenkranz eine Ausstellung zum »ersten Kosmosflug UdSSR-DDR« eingerichtet. Das vogtländische Örtchen wurde eine Art deutsches Sternenstädtchen.
Um Raumfahrt sei es in der Ausstellung indes nur am Rande gegangen, sagt Konrad Stahl. Er ist Bürgermeister von Morgenröthe-Rautenkranz und begeisterter Kosmosfan, wie sein Büro zeigt: Auf dem Tisch liegen nicht Akten über Abwasser, sondern die aktuelle Ausgabe von »Planet Aerospace«. Solche Enthusiasten wurden in der Ausstellung kaum angesprochen. Sie kreiste nicht um die Erkundung des Weltraums, sondern um den sozialistischen Bruderbund und Waffenbrüderschaft. »Marx und Lenin wurden quasi als Begründer der Raumfahrt dargestellt«, sagt Stahl: »Das konnte man nicht mehr zeigen.«
Freilich: Die Vorarbeiten für die neue Ausstellung, die jetzt in Sichtweite des Bahnhofs in einem Neubau zu sehen ist, waren fast so kompliziert wie die Vorbereitung einer Mondmission. Zwar verfügt der Verein, der seit 1992 die Ausstellung betreibt und 220 Mitglieder in der ganzen Welt zählt, über beste Kontakte zum Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt wie zu vielen Kosmo- und Astronauten; sie sind regelmäßige Gäste bei den Raumfahrttagen, die Experten und interessierte Laien zusammenführen und im Juni zum zehnten Mal stattfinden.
Trotzdem brauchte es zehn Jahre, um ein umsetzbares Konzept für eine neue Ausstellung zu erarbeiten und vor allem Geld dafür zu sammeln. 2,1 Millionen Euro stecken in dem Projekt, 1,5 Millionen betrugen allein die Baukosten. Die EU, der Landkreis und der Kulturraum Vogtland förderten, dazu gab es viele Spenden. Dass die Summe aufgetrieben werden konnte, verdanke man aber nicht zuletzt Kosmonauten wie dem Tschechen Vladimir Remek, der heute EU-Abgeordneter ist, und vor allem Sigmund Jähn, der viele Türen geöffnet habe und den Stahl schlicht einen »Pfundskerl« nennt.
Allen Mühen zum Trotz ist die Ausstellung jetzt fertig - zu 90 Prozent jedenfalls. Offiziell eingeweiht wird sie bei den Raumfahrttagen im Juni, zugänglich ist sie schon jetzt. Man brauche die Einnahmen, sagt Stahl: Der Verein muss 70 Prozent der Betriebskosten in Höhe von jährlich 250 000 Euro aufbringen. In den ersten Tagen war der Zuspruch enorm: 10 000 Besucher sind seit Ende März in die Ausstellung gekommen, in der die an spektakulären Erfolgen, aber auch an Tragödien reiche Geschichte der Raumfahrt anhand von 1000 Objekten erläutert wird. Die gute Resonanz freut nicht nur die Betreiber, sondern auch auch Wirte und Pensionsbesitzer in der Umgebung: »Wir leben schließlich vom Tourismus«, so Stahl.

Das meiste bleibt ja oben
Auf weiteren Zustrom kann man in der kleinen Vogtlandgemeinde daher nur hoffen. Ein Besuch lohnt sich, wirbt der Bürgermeister; schließlich sei das Konzept »einmalig«. Informiert werde über erste Schritte ins All ebenso wie über den Nutzen der Raumfahrt, und es wird keine Nation ins Zentrum gerückt: »Wir stellen die Eroberung des Weltraums als Leistung der gesamten Menschheit dar.«
Die Vielzahl der ausgestellten Objekte verblüfft um so mehr, als Exponate eher knapp sind: »Das meiste«, grinst Stahl, »bleibt ja oben.« Trotzdem gibt es neben Nachbildungen der Raumanzüge von Juri Gagarin und John Glenn auch den Original-Skaphander von einem Weltraum-Spaziergang oder einen Gipsabguss vom »letzten Fußabdruck eines Menschen auf dem Mond«. Gezeigt werden Nachbildungen von Raketen, die ihr Konstrukteur Sergej Koroljow »Träume in Formeln« nannte, ebenso wie technische Geräte und Kuriosa: ein Wimpel von Morgenröthe-Rautenkranz, der 1992 in der MIR abgestempelt wurde, oder eine Plüschfigur von Hein Blöd, der beim gleichen Flug mit ins All durfte. Fast jeder Raumfahrer lasse bei einem Besuch etwas für die Ausstellung zurück, sagt Stahl.
Dessen Lieblingsobjekt ist nur so groß ist wie eine Briefmarke: ein winziges Stück eines Sonnensegels, das bei der Apollo-15-Mission auf dem Mond aufgestellt wurde. Nur ein Ausstellungsstück wäre Stahl wohl noch lieber: die Landekapsel von Sojus 29, in der Jähn und sein Kommandant Wladimir Bykowski am 3. September 1978 zur Erde zurückkehrten. Ob diese in Jähns Geburtsort zu sehen sein wird, ist offen: Weil die Kapsel später der NVA überlassen wurde, erhebt das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden Besitzansprüche. Vielleicht gibt es aber doch noch eine Einigung. Genug Platz hat man in der neuen Ausstellungshalle in Morgenröthe-Rautenkranz jedenfalls gelassen.

Morgenröthe-Rautenkranz, Am Bahnhof 4. Täglich 10-17 Uhr, Eintritt 5/3 Euro.
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