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»Der Mensch muss durchscheinen«

Irving Penn: Ästhetik und Humanität eines Jahrhundertfotografen im Amerika-Haus

  • Von Robert Meyer
  • Lesedauer: 3 Min.

Ist sie es? Stünde der Name nicht unter dem Bild, bedürfte es wohl eines zweiten Blickes, um Marlene Dietrich zu erkennen. Denn das fotografische Porträt der berühmten Schauspielerin und Sängerin zeigt die Diva des 20. Jahrhunderts nicht in einer typischen Pose von großen Stars, sondern lichtet eine Frau ab, die ihren Kopf nach hinten zur Kamera hin dreht und dabei einen selbstbewussten fragenden und leicht skeptischen Blick aufsetzt. Ein stilvolles elegantes Schwarz-Weiß-Foto, auf Ästhetik getrimmt zwar, aber einfach bar jedweder Werbeeffekte. Was in den Bildfokus gerückt wird, ist der Mensch, das Individuum - die Person, die das Bild einzufangen versucht. »Der Mensch muss durchscheinen«, soll der Jahrhundertfotograf Irving Penn einmal gesagt haben - eine Zielsetzung, die der berühmte Fotograf erfüllte, stets gekonnt und elegant. Im Amerika-Haus, von der Pressefrau Trang Vu Thuy betont, »wir sind keine typische Galerie«, können in abgedunkelten Räumen an die 240 Aufnahmen, meist Schwarz-Weiß-Bilder, angesehen werden. Darunter auch Studien von Lisa Fonssagrives-Penn, gefragtestes Fotomodell jener Zeit - und Penns Gattin und Muse.

Penn kam aus der Modefotografie, besonders in den 40er und 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts machte er viele Titelbilder für das bis heute bekannte Modemagazin »Vogue«. Wohl eine Zeit, in der Penn seine Bildsprache fand: Funktion und Ästhetik, so der Eindruck, verschmelzen dabei zu einem Stil, dessen schlichte und zugleich eindrucksvolle Eleganz sich als ein wundervolles Mittel erwies, um Menschen zu porträtieren. Zum Methodenkanon des Fotografen gehörte auch die Position im Raum: Gerne stellte er seine menschlichen »Objekte« vor kahle Wände und kahle Zimmerecken mit einem ausgesprochen spitzen Winkel, was etwas von einer strengen minimalistischen Raum- und Bildgeometrie hat - und was Bilder von einer geradezu sagenhaften Schönheit hervorbrachte.

An Prominenten seiner Zeit hatte Penn keinen Mangel, ob Alfred Hitchcock, Peter Ustinov, T. S. Eliot, Elsa Schiaparelli, Spancer Tracy, so gut wie alle kamen offenbar, um sich vom Meister ablichten zu lassen. Darunter auch der französische Dichterfürst Jean Cocteau, dessen fotografisches Porträt faszinieren kann. Schick, gestriegelt, absolut modisch angezogen, das kann einem beim ersten Anschauen durch den Kopf gehen, was aber nicht zu einer letzten und schlussfolgernden Beurteilung werden darf. Cocteau sitzt mit einer Zigarette in der Hand und übereinandergeschlagenen Beinen direkt vor einer kahlen Wand auf einem Stuhl, dessen Rückenlehne nicht zur Wand hin, sondern in den Raum hinein ausgerichtet ist. Kein Anlehnen, keine bequeme Sitzhaltung, was wohl einen Beitrag leistet zur faszinierenden Gesamthaltung des Schriftstellers. Vor allem der Blick des Franzosen ist nicht so leicht zu entschlüsseln. Ein wenig streng und konsequent wirkt der Gesichtsausdruck, zugleich aber könnte man auch Humor darin finden und etwas verdeckt Spitzbübisches zu entdecken meinen.

Auch der weibliche Akt war für Irving Penn eine Quelle der Inspiration. »Seine erste Aufnahme in diesem Genre machte er 1947. Zwei Jahre später hatte er immer noch den großen Wunsch, ›echte Frauen in echten Situationen‹ zu fotografieren, wandte sich dem Thema erneut zu und verarbeitete es zu einer umfassenden Serie.«

Bis 1. Juli, täglich 11 bis 20 Uhr, Amerika-Haus, Hardenbergstraße 22-24, Charlottenburg

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