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Rettet den Ochsenfrosch!

Zu seinem Siebzigsten hat Joschka Fischer einen Hilfeschrei veröffentlicht

  • Von Christian Y. Schmidt
  • Lesedauer: 7 Min.

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Joschka Fischer: Rettet den Ochsenfrosch!

Im Laufe seines Lebens ist Joschka Fischer in vielen Rollen aufgetreten. In seiner Jugend war er ein unangenehmer Macho, der sich als Revolutionär verkleidet hatte. Bei den Grünen mutierte er zum machtbesessenen Strippenzieher. Als bombardierender Außenminister war er tatsächlich einmal der gefährliche Mann, der er wohl immer sein wollte. Er war dünn, dann fett, dann wieder dünn, bis er wieder dick wurde. Im Ruhestand verwandelte er sich schnell in eine nur noch traurige Gestalt, die eine muffige Villa im Grunewald bezog und sich von Großkonzernen aushalten ließ. Die unterschiedlichen Facetten von Fischers Persönlichkeit wurden wohl am besten in der »Titanic«-Bildergeschichte »Die roten Strolche« auf den Punkt gebracht, in dem der damalige große Zampano der Grünen als Ochsenfrosch firmierte. In diesem Tier vereinigt sind Aufgeblasenheit, Verfressenheit und Machtgier; in Europa steht das fette Vieh auf der »Liste der unerwünschten Arten«, weil es andere Frösche verdrängt. Es sieht zudem komisch aus und wirkt zugleich auch immer etwas tragisch. Im Comic kam das in dem Slogan zum Ausdruck: »Wählt Joschka Ochsenfrosch, bevor er platzt.«

Inzwischen ist Fischers politischer Machtwille erlahmt, so dass sich in seinem Leben die anderen Ochsenfroschcharakterzüge in den Vordergrund drängen. Das komische Element beispielsweise. Kaum vorstellbar, dass niemand grinst, wenn er in einem Interview, das der »Tagesspiegel« im März verbreitete, davon liest, dass Fischer zu einer Gruppe ehemaliger Außenminister gehört, die von Madeleine Albright ab und an zu einer Kaffeefahrt zusammengetrommelt wird, aber nur, wenn sie vorher jemanden gefunden hat, der das bezahlt. Ob dort denn dann die Stimmung wie auf einem Klassentreffen sei, wollte daraufhin der Interviewer wissen. »Nein«, antwortete Fischer brav, »Madeleine ist sehr ambitioniert. Da werden die aktuellen Krisen diskutiert. Im Grunde ist es der Versuch, die Erfahrungen von ehemaligen Außenministern zusammenzubringen.« »Im Grunde«, »Versuch«, das klingt schwer danach, dass es angesichts des fortgeschrittenen Alters der Versammelten - »Wir heißen Madeleine’s Ex-Mins« (Fischer) - nicht mehr so recht klappen will, zum Leidwesen der Heimleiterin.

Auch das Aufblasen in Ochsenfroschmanier hat Fischer nicht verlernt. Das beweist er schön in seinem neuesten Buch. Es heißt »Der Abstieg des Westens«, könnte aber genauso gut »Der Abstieg Joschkas Fischers« heißen, doch dazu gleich. Erst einmal muss man feststellen, dass an Fischers großer These auf den ersten Blick alles richtig erscheint: Der Westen steigt ökonomisch und politisch global ab, während China aufsteigt, und in Deutschland hat das noch keiner so recht begriffen. Um diese karge bis wenig originelle Behauptung - echte Experten veröffentlichen dazu schon bereits seit etwa zehn Jahren - zu belegen, dürften eigentlich ein paar Seiten respektive ein halbstündiger Vortrag reichen. Fischer aber macht daraus ein ganzes Hardcover-Buch von 234 Seiten.

Das gelingt allerdings nur, indem er die angeblich so »schonungslose Analyse« (Umschlagtext) mit seitenlangen Länderabrissen vollstopft, die allgemein Bekanntes referieren und sich lesen, als seien sie direkt aus dem historischen Lexikon (oder bei Heinrich August Winkler) abgeschrieben. Die Passagen dagegen, bei denen man den Eindruck hat, dass sie Fischers eigenem Kopf entsprungen sind, quellen von leeren Sprechblasen und offenbarem Nonsens über. »Wir sind alle gewissermaßen Zeugen einer Zeitenwende aus der Innensicht, die sich noch über einen längeren Zeitraum erstrecken wird.« »Die Welt von morgen ist in der Gegenwart im Entstehen begriffen...« »Nicht nur das 19. Jahrhundert, sondern auch das 20. Jahrhundert ist vorbei, endgültig zur Geschichte geworden.« Selbst bei den Adjektiven werden Buchstaben geschunden und dazu noch superlativ aufgepimpt: Alles ist »hochdynamisch«, »hochexplosiv«, »hoch vernetzt« oder auf »höchstem Entwicklungsniveau«, und der Elysée-Vertrag ist nicht nur »hochbetagt«, sondern - im selben Satz - auch »in die Jahre gekommen«.

Offenbar ist Joschka Fischer auf seine alten Tagen hoch entschlossen, das Stilblütenerbe des ehemaligen »Zeit«-Chefredakteurs Theo Sommer anzutreten. Mit diesem teilt er sich auch den Hang zur abgedroschenen Metapher. Im Text finden sich die obligatorischen Damoklesschwerter, Büchsen der Pandora und das berühmte Hemd, das »auch im 21. Jahrhundert« »droht«, »näher als die Jacke zu sein«. Und natürlich muss man dort, wo jemand etwas zu beweisen hat, »Hic Rhodus, hic salta« schreiben. Das steht so im großen Buch der Feuerzangenbowlen-Publizistik in Stein gemeißelt.

So weit scheint auf den ersten Blick auch bei Joschka Fischer alles seinen gewohnten Elder-Statesmen-Gang zu gehen: Erst Politik machen, danach als Berater für irgendwas ordentlich absahnen, schließlich schlecht formulierte Bücher schreiben, in denen man erklärt, dass die aktiven Politiker keinen Schimmer haben. Doch dann finden sich im Buch auch immer wieder Passagen, die mehr über Fischers Verfassung preiszugeben scheinen, als er uns im »Tagesspiegel«-Interview verraten will. Dort heißt es schlicht über seinen Alltag: »Mein Tag sieht so aus, dass ich morgens aufstehe, mittags esse und abends ins Bett gehe.« Im Buch dagegen lesen wir gleich mehrmals von Entitäten, die »gegen die westliche Tür« »hämmern«, wobei es einmal »andere Weltteile« sind, die Lärm machen, ein anderes Mal ist es »die garstige Zukunft«. Kann es sein, dass es sich hier gar nicht um eine - extrem schiefe - Metapher handelt, sondern um das Gehämmer an der Grunewald-Villa-Tür, das Fischer Tag für Tag hört und das in seinen Text eingeflossen ist? Ein Hinweis darauf könnte sein, dass in »Der Abstieg des Westens« ebenso oft von Leuten (»alten Menschen«, S. 37, »Europäer«, S. 50) die Rede ist, »die, außer ihrer Ruhe, sonst nichts mehr wollen«. Meint Fischer mit diesen alten Europäern am Ende doch nur sich?

Dann wäre »Der Abschied des Westens« eben nicht nur ein Blähbuch, sondern auch ein verklausulierter Hilfeschrei eines alten Menschen, der von so lauten Geräuschen (oder Halluzinationen?) belästigt wird, dass er keinen klaren Gedanken mehr fassen kann. Darauf deuten nämlich die zahlreichen im Buch verteilten Redundanzen hin. Oft scheint Fischer nicht mehr zu wissen, was er noch eine oder zwei Seiten zuvor geschrieben hat. Nur ein paar Beispiele: »Informationsglobalisierung schafft nicht nur eine neue Form von Teilhabe...«, schreibt er auf Seite 67, »Informationsrevolution bringt völlig neue Möglichkeiten des Zugangs und der Teilhabe..« auf Seite 68. »Eine bisher idealistische Kategorie wie ›Menschheitsfrage‹ [ist] zu härtester Realität geworden« steht auf Seite 76; »›Menschheitsfragen‹ [sind] zu harten ›Menschheitsinteressen‹ mutiert« auf Seite 78. Bisweilen ist Fischer offenbar nicht einmal klar, was er im Satz zuvor geschrieben hat, sonst müsste er es im nächsten nicht wiederholen, wie auf Seite 28: »Die Konsequenz einer solchen Entwicklung (…): erhöhte Instabilität und Unberechenbarkeit. Stabilität und Berechenbarkeit (...) werden verloren gehen.«

Das liest sich nun tatsächlich alles so, als habe einer die Kontrolle über seine Gedanken verloren. Vollends bestätigt wird dieser Eindruck, wenn man zur zentralen Aussage des Buches zurückkehrt und verfolgt, wie Fischer im Verlaufe des Buchs vergisst, was er uns eigentlich sagen wollte. Heißt es anfangs noch dem Buchtitel folgend, »dass China bereit ist, seine globale Führungsrolle in dieser (Welt)ordnung anzunehmen... Das Jahrhundert Chinas und damit Asiens zieht herauf«, erklärt der Autor wenig später, »dass es im 21. Jahrhundert tatsächlich nicht zu einer Wachablösung, sondern zu einem Duopol [USA-China] kommen könnte«, um dann noch später plötzlich wieder festzustellen: »Die USA werden noch auf Jahre hinaus mit weitem Abstand die stärkste globale Macht bleiben«. Tock, tock, tock, Joschka. Ist da oben noch jemand zu Hause? Vielleicht kümmert sich ja doch mal einer um den Mann, und schaut bei ihm im Grunewald vorbei. Bevor wir irgendwann einen lauten Knall aus dem Westen Berlins hören und in der Zeitung lesen müssen: »Joschka Ochsenfrosch ist aufgrund von Überblähung und Gedankenverwirrnis geplatzt.«

Joschka Fischer: Der Abstieg des Westens. Europa in der neuen Weltordnung des 21. Jahrhunderts. Kiepenheuer& Witsch, 233 S., 20 €.

(Im »nd« vom 12.4. erschien aus Anlass des 70. Geburtstages des ehemaligen Spontis und Außenministers bereits ein Porträt von Joschka Fischer.)

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