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  • Nach dem Aus für Chris Dercon an der Volksbühne

Klaus Lederer: Eigentlich eine Tragödie

Berlins Kultursenator im Gespräch über Chris Dercons Abgang an der Volksbühne und die Folgen

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Gute alte Zeit: Sophie Rois und Martin Wuttke in »Faust«, der letzten großen Volksbühnen-Produktion in der Amtszeit des Intendanten Frank Castorf. Die Inszenierung ist zum Berliner Theatertreffen eingeladen und wird im Mai zu sehen sein – nicht in der Volksbühne, sondern im Haus der Berliner Festspiele.⋌
Gute alte Zeit: Sophie Rois und Martin Wuttke in »Faust«, der letzten großen Volksbühnen-Produktion in der Amtszeit des Intendanten Frank Castorf. Die Inszenierung ist zum Berliner Theatertreffen eingeladen und wird im Mai zu sehen sein – nicht in der Volksbühne, sondern im Haus der Berliner Festspiele.⋌

Als Sie Kultursenator geworden sind, waren Sie selbst skeptisch gegenüber der Berufung von Chris Dercon. Als es die Proteste gegen seine Intendanz gab, sind Sie zwischen die Fronten geraten. Sieht es für Sie, für den Berliner Senat, jetzt besser aus, nachdem Dercon selbst seinen Rückzug erklärt hat?

Die ganze Geschichte ist eigentlich eine Tragödie. Die Tatsache, dass ich von Anfang an skeptisch war, was das Konzept betrifft, ändert nichts daran, dass ich von Beginn meiner Amtszeit an gesagt habe, dass ich bestehende Verträge einhalten werde. Weil jeder, der in ein solches Amt berufen wird, die Möglichkeit haben muss, sein Konzept auch umzusetzen. Umgekehrt habe ich natürlich dasselbe erwartet.

Vergangenen Montag waren wir dann in eine Situation geraten, in der wir gemeinsam festgestellt haben, dass das Konzept nicht aufgeht. Und wenn wir nicht umsteuern und auf neuer konzeptioneller Grundlage die Arbeit organisieren, die Gefahr droht, dass die Volksbühne dauerhaft nicht mehr spielfähig ist. Das erfüllt mich nicht mit Freude. Und das waren für uns in der Kulturverwaltung und gewiss auch für Chris Dercon keine leichten Tage. Es bleibt aber die einzig richtige Entscheidung, dann miteinander zu sagen: Wir organisieren jetzt einen Neuanfang.

Warum ist das Konzept von Chris Dercon nicht aufgegangen? Wo lagen die Probleme?

Sicherlich gibt es eine Vielzahl von Gründen. Unterm Strich ist es aber so, dass Probleme vor allem dadurch entstanden sind, dass die geplanten Gastspiele und Koproduktionen erhebliche Kosten verursacht haben, während die Resonanz des Publikums deutlich unter den Erwartungen blieb. Nun gibt es immer mal die Situation, dass ein Theaterstück floppt oder ein künstlerisches Konzept nicht sofort zum Tragen kommt.

Wenn aber absehbar ist, dass man bei einer Fortsetzung im Herbst die Hälfte des Monats dichtmachen muss, wenn eine Produktion verschoben werden muss, damit man den finanziellen Rahmen einhält, ist die Situation deutlich schwieriger. Wenn dann auch noch Zusagen in Bezug auf die Bindung von Künstlern nicht mehr so stehen wie am Anfang und auch kein Ansatz da ist, wie man dem entgegensteuern kann, können wir kulturpolitisch nicht länger sagen: »Wir lassen das laufen.« Denn es besteht die Gefahr, dass der Theaterbetrieb irreparablen Schaden nimmt.

Die Kulturverwaltung hat also ein Machtwort gesprochen?

Da wir die ganze Zeit im Gespräch mit dem Personalrat und den Gewerken im Haus waren und regelmäßig die Zahlen aus der Volksbühne bekamen, hatten wir schon seit längerer Zeit die Notwendigkeit, genauer hinzuschauen. Wir erwarteten gerade die März-Zahlen, als Chris Dercon von sich aus zu uns kam und die schwierige Situation ungeschönt darlegte. Wir waren also kurzfristig gefragt, mit dieser Situation umzugehen. Besonders wichtig war mir, nachdem wir gemeinsam die Beendigung der Intendanz beschlossen haben, zunächst den Beschäftigten gegenüberzutreten.

Ich bin sehr froh, dass wir mit Klaus Dörr einen erfahrenen Theatermann gewonnen haben, kommissarisch die Intendanz zu übernehmen. Jetzt kommt es darauf an, nicht überstürzt die nächste Person aus dem Hut zu zaubern, sondern alles zu unternehmen, um neben den fortlaufenden vertraglichen Verpflichtungen und geplanten Produktionen weitere repertoirefähige Produktionen ans Haus zu holen.

Klaus Dörr hat von einem Prozess von anderthalb bis zwei Jahren gesprochen, bis eine neue Intendanz kommen wird. Trotzdem fragen sich natürlich viele zu Recht, wie es jetzt weitergehen soll.

Klar ist für mich nur: Ensemble- und Repertoirebetrieb sollen an der Volksbühne zukünftig wieder im Mittelpunkt stehen, aber auch, dass wir keine Rolle rückwärts machen werden. Es wäre falsch, jetzt unter Druck ein »Namedropping« zu betreiben oder das erstbeste Angebot anzunehmen. Wir werden das Gespräch mit den Beschäftigten suchen und mit ihnen und anderen Akteuren im künstlerischen Raum dieser Stadt diskutieren: Was bedeutet die Volksbühne perspektivisch im Jahr 2018? Und in diesem Zusammenhang werden wir dann auch über ein Verfahren der Personalsuche reden. Für alles andere ist es noch viel zu früh.

Wäre es nicht auch mal Zeit für eine Intendantin?

Für mich ist natürlich wichtig, dass sich die Vielfalt der Gesellschaft in dem Haus widerspiegelt: auf der Bühne, hinter der Bühne und im Publikum. Dass ich jetzt keine Priorisierung treffe für die Auswahl einer Intendantin oder eines Intendanten, liegt in der Logik dessen, was ich geschildert habe.

Man kann nicht sagen: »Wir nehmen uns Zeit und suchen auch den Diskurs«, aber eigentlich schon vorgeben, wie der Diskurs zu enden hat. Doch es gibt natürlich zu Recht die gesellschaftliche Forderung, dass Theater insgesamt auch weiblicher werden, dass auch in Führungspositionen Frauen eine stärkere Rolle spielen müssen. All das haben wir natürlich im Hinterkopf. Dennoch, glaube ich, ist es jetzt wichtig, sich ein geeignetes Verfahren zu suchen und dieses auch durchzuführen. Dann wird es auch zu einem guten Ergebnis kommen, das diesem Haus gerecht wird.

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