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Der Direktor der KZ-Gedenkstätten mahnt

Günter Morsch warnt, die Naziverbrechen auf den Holocaust zu reduzieren, und er warnt vor der AfD

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 4 Min.

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Im Mai wird eine Instanz in den Ruhestand treten: Günter Morsch, Direktor der Stiftung brandenburgische Gedenkstätten. Etwa zeitgleich wird die Stiftung 25 Jahre alt. Bei einer Art Abschiedstermin am Mittwoch in der Potsdamer Staatskanzlei sparte Morsch nicht mit Dankesworten, aber auch nicht mit Mahnungen.

Ausdrücklich warnte er davor, die Naziverbrechen auf den Holocaust, also auf die Verfolgung und Vernichtung der Juden zu reduzieren. Eine solche Verengung greife unter den Besuchern um sich, und sie sei falsch. Was die Nazis ab 1933 aus einer Kulturnation machten, sei das »Armageddon der Spezies Mensch gewesen«, sagte Morsch. Es zeige, zu welch schrecklichen Verbrechen der Mensch fähig sei, und keineswegs sei eine solche Gefahr ein für alle Mal gebannt. Aus diesem Grunde warne er vor einem falschen »Erinnerungsstolz«, den nicht wenige wie eine Standarte vor sich hertragen, fügte Morsch hinzu. Es gebe das Phänomen, dass sich inzwischen auch jene stark auf dem Erreichten in der Erinnerungspolitik ausruhen, das 80 Jahre lang von Minderheiten und Betroffenen in der Bundesrepublik gegen durchaus heftige Widerstände erst erkämpft werden musste. Die vorherrschende Meinung, man habe ja alles mustergültig aufgearbeitet und könne sich nun quasi einen Schlussstrich leisten, mache den Weg frei für die Rapper Farid Bang und Kollegah, die trotz ihrer antisemitischen Texte mit dem Musikpreis »Echo« geehrt wurden.

Schließlich wandte sich Morsch energisch gegen alle Formen von Relativierung und Simplifizierung in der Geschichtsbetrachtung. Wenn der 23. August zum Gedenktag aller autoritärer Systeme ernannt werde, sei das »historischer Unsinn« und Konstrukt eine »Metatheorie«, die in der Gesellschaft keine sinnvolle Wirkung mehr entfalten könne.

Die Zahl der Besucher der Gedenkstätte Sachsenhausen sei von 170 000 im Jahr 1990 auf nunmehr 700 000 gestiegen, lobte bei dem Termin Kulturministerin Martina Münch (SPD). In Zeiten, in denen Antisemitismus beängstigend um sich greife, seien Gedenkstätten wichtig, in denen vor Augen geführt werde, was aus dumpfen Parolen entstehen könne.

Zum heutigen Prinzip der Stiftungsarbeit sei man keineswegs auf leichten Wegen gelangt, blickte Morsch zurück. Es habe auf dem einstigen Appellplatz tätliche Auseinandersetzungen zwischen früheren KZ-Häftlingen und ehemaligen Gefangenen des sowjetischen Speziallagers Sachsenhausen gegeben. Hilfreich gewesen sei das Prinzip der sachlichen Forschung, denn nur das Vorlegen unbestreitbarer Tatsachen habe die streitbaren Debatten versachlichen können.

Von der inzwischen mit politischem Einfluss ausgestatteten AfD sagte Morsch, dass ein hoher Anteil ihrer Akteure in der Jugend aktive Neonazis waren. Der Bundestag sei inzwischen Bühne für Szenarien, »wie man sie aus der Weimarer Republik kennt«. Die AfD werde sich nicht von selbst erledigen.

Am 27. Januar hatten AfD-Anhänger in Sachsenhausen einen Kranz mit der Widmung »Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft« niedergelegt. Dass in diesem Spruch auch eine Ehrung von gefallenen SS-Offizieren und Kriegsverbrechern eingeschlossen sein könnte, ließ Morsch gelten. Sollte allerdings die AfD in den Gedenkstätten Gedanken verbreiten wollen, die klar die Würde der Opfer beeinträchtigen, würde vom Hausrecht Gebrauch gemacht werden, versprach Morsch. Er empfahl dringend: »Kein Zurückweichen!«

Morsch hatte 1999 die Leitung der Stiftung übernommen, zu der auch die KZ-Gedenkstätten Sachsenhausen und Ravensbrück gehören. Während in den 1990er Jahren Brandanschläge und mutwillige Zerstörungen zu beklagen waren, sei das in den vergangenen Jahren kaum noch vorgekommen, nicht einmal Propagandadelikte unbesonnener Jugendlicher habe es gegeben, sagte Morsch. Sicherlich bestehe die Gefahr, dass mit dem zeitlichen Abstand zu den schrecklichen Ereignissen das eher unverbindliche touristische Element stärker werde. Doch mittels Aufbau und Anlage der Ausstellungen sei es immer noch gelungen, dass auch aufgeräumte Touristen sehr rasch zu ernsthaften Besuchern werden und als solche die Gedenkstätten auch wieder verlassen. Im Unterschied zu Berliner Gedenkstätten, die wie das Haus der Wannsee-Konferenz »drastische Besucherrückgänge« zu verzeichnen haben, wachse das Interesse an den brandenburgischen Gedenkstätten, erklärte Morsch. Die Ausstattung mit Geld und Personal halte leider nicht Schritt. Lediglich zehn Prozent der Besucher können durch die Ausstellungen geführt werden. Doch trage das Land Brandenburg gemessen an seinem Steueraufkommen immer noch relativ am meisten zur Entwicklung der Gedenkstätten auf seinem Territorium bei und hat »relativ am meisten in seine Gedenkkultur investiert«, lobte Morsch. Das Land sei bei der Finanzierung vorangegangen, der Bund »hinterher gehuppelt«.

Die Landtagsabgeordnete Gerrit Große (LINKE) dankte Morsch am Mittwoch für sein »leidenschaftliches Engagement als Wissenschaftler und Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen«. Seine enge Kooperation mit Zeitzeugen und Häftlingsverbänden habe Sachsenhausen zu einem »europaweit anerkannten Gedenkort für die Opfer des Naziregimes gemacht«. Die Forderungen nach mehr Geld und Personal hält Große für berechtigt.

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