Reflexionen vor Publikum

Bei »Journalism on Stage« traten im SO 36 Medienschaffende auf eine Bühne, um ihre Arbeit zu erklären

Die Agentur Policult findet, es wird »Zeit, dass Medien und Publikum einen Schritt aufeinander zugehen!« Die von ihr bemühte »ausgewachsene Vertrauenskrise« sehen Fachleute zwar nicht unbedingt als gegeben an. Policults neues Veranstaltungsformat »Journalism on Stage« (Journalismus auf der Bühne) hat aber trotzdem seinen Reiz. Dabei treten Journalist auf, um zu erklären, wie sie eine bestimmte Veröffentlichung erarbeitet haben und was sie sich dabei gedacht haben. Der Dialog mit dem Publikum ist essenzieller Bestandteil des Konzepts.

Seit 2017 hat es erst drei dieser Veranstaltungen gegeben. So berichtete Daniel Erk, wie er für »Zeit Campus« Martin Sellner besuchte, den Anführer der »Identitären Bewegung« Österreichs. Das war ein klassischer Fall für Reflexionen über journalistisches Vorgehen, denn Erk war von Beginn an klar, dass diese relativ kleine Gruppe vom Medienrummel lebt und sich deshalb stets inszenieren will. Anders gelagert hingegen war die Recherche, die Adrian Arab vorstellte. Der »Welt«-Volontär erstaunte damit, dass er seine Redaktion dazu gebracht hatte, ihm eine Recherchereise zum Präsidentschaftswahlkampf in Liberia zu finanzieren, obwohl er von ganz Afrika erst mal keine Ahnung gehabt hatte. Seine Erfahrungen mit Verkehrschaos, kulturell bedingtem Zeit-Nichtmanagement und der Beliebtheit des ehemaligen Tyrannen und Massenmörders Charles Taylor dürften ein gutes Beispiel für die Schwierigkeiten sein, die sich bei einer Reportage in anderen Kulturen ergeben.

Bei »Journalism on Stage« werden aber auch Foto- und Videoarbeiten vorgestellt. Ein Vortrag dauert dabei normalerweise rund 20 Minuten. Bei den direkt anschließenden, zum Teil langen Fragerunden zeigt sich mitunter, dass im ziemlich jungen Publikum so einiger journalistischer Nachwuchs sitzt.

Bei der dritten Ausgabe von »Journalism on Stage« am Dienstag im Berlin-Kreuzberger Konzertsaal SO36 stellte der Fotograf und Filmer Valery Melnikov seine mit einem ersten Preis bei »World Press Photo« ausgezeichnete Arbeit aus dem ukrainischen Bürgerkrieg vor. Policult hatte vorher schon angemerkt, dass Melnikov für die Agentur »Sputnik« arbeitet, die vom russischen Staat finanziert wird. Deswegen war die Fragerunde nach dem Vortrag auch »zum Teil kontrovers«, wie Policult-Inhaber Gregor Büning gegenüber »nd« anmerkt.

Policult organisiert seit Jahren in vielen Städten »Science Slams«, bei denen Menschen aus der Wissenschaft mit möglichst unterhaltsamen Kurzvorträgen zu ihrer Forschung auf die Bühne treten. Für »Journalism on Stage« sind noch Geldgeber nötig, denn das Konzept trägt sich laut Büning nicht selbst. Neuer Kooperationspartner ist nun der Deutsche Fachjournalistenverband. Er unterstütze finanziell und als Medienpartner, sagt Büning. Der Agenturchef war im März im belorussischen Minsk und stieß dort ebenfalls auf Interesse an seinem neuen Konzept, erzählt er. Eine Bank und zwei Kultureinrichtungen könnten ihm eine dortige Veranstaltung ermöglichen, bei der auch Deutsche auf der Bühne stehen.

Büning will auch weiterhin Medienschaffende aus dem Ausland nach Deutschland holen. Weitere Veranstaltungsorte werden gesucht. In die engere Wahl kommen München, das Rheinland und Hamburg. Aus Münster gebe es bereits ein Angebot, auch dort einmal »Journalism on Stage« zu veranstalten, erzählt Büning. Ein weiterer Termin in Berlin ist für den Oktober geplant.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung