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Zu Fuß zum »Ende der Erde«

Eine 14,5 Jahre lange Wanderung erfüllte den Traum des Lebens

  • Von Siegfried Röthig
  • Lesedauer: 3 Min.

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Am Anfang stand ein Traum: einmal zu Fuß bis zum »Ende der Erde«. Ich hörte davon, dass es Europäische Fernwanderwege gäbe und kaufte mir ein Buch darüber. Einige Zeit später las ich in der Zeitung: Es wird ein Abschnitt des Pilgerweges nach Santiago des Compostela in Königsbrück eröffnet, das Teilstück von Görlitz nach Vacha. Ein Jahr später, es war der Dienstag nach Ostern, machte ich mich auf den Weg. Den Rucksack auf dem Rücken, den Pilgerführer in der Hand. Und so ging ich fünf Tage lang von Niesky nach Wurzen. Tagelang zu Fuß unterwegs und in zweieinhalb Stunden mit der Eisenbahn zurück in Niesky. Das war die erste Überraschung: So unterschiedlich können Geschwindigkeiten sein.

Trotz Füßen voller Blasen und Schmerzen in den Beinen, im Herbst startete ich in Wurzen. So ging ich Kilometer für Kilometer, Tag für Tag, immer eine Woche im Frühjahr und eine Woche im Herbst.

Irgendwann erreichte ich das Ufer des Bodensees. Mit einer Fähre setzte ich über und lief weiter in die Schweiz hinein. Am Morgen wusste ich noch nicht, wo ich am Abend mein müdes Haupt niederlegen würde. Aber es fand sich immer ein Platz und wenn es eine Parkbank in Luzern war. In der Regel waren die Quartiere aber viel komfortabler. Auf meinem Wege stieß ich nicht nur auf wunderschöne Kirchen und beeindruckende Landschaften, vor allem waren es die Menschen, die es mir angetan hatten. Ein kurzes Gespräch am Wege, ein paar Kilometer gemeinsam gehen, ein gemeinsames Frühstück in einer Pension. Und dazwischen viel Zeit für mich, um über mein bisheriges Leben nachzudenken und auch das, was ich mir noch vornehmen könnte.

Eines Tages erreichte ich bei Lausanne das Ufer des Genfer Sees und von da war es bis Genf nur noch wenige Tagereisen weit. Nun lag Frankreich vor mir. Rund1000 Kilometer durch ein Land, dessen Sprache ich nicht kann. Das bewegte mich schon und machte mir ein wenig Sorge. Aber »es lief« alles viel besser als erwartet. Die Gastfreundschaft unserer westlichen Nachbarn ist einfach unbeschreiblich. Ab Yenne kam meine Frau mit, und wir gingen die zweite Hälfte des Weges gemeinsam. Wieder eine neue Erfahrung. Die Wandergeschwindigkeiten mussten abgestimmt, die Tagesziele gemeinsam bestimmt werden. Ab Le Puy überließen wir dies einem Reisebüro. Und so gelangten wir eines Tages an den Fuß der Pyrenäen. Mit ihren schneebedeckten Gipfeln zeigten sie sich in ihrer ganzen Schönheit. In St. Jean Pied de Port beendeten wir unsere Große Wanderung durch Frankreich und begannen ein halbes Jahr später von hier aus unseren Weg durch Nordspanien.

»Nur« noch 790 Kilometer, dann würden wir in Santiago des Compostela sein. Auf diesem Abschnitt gilt: Keiner pilgert allein. Aus fast allen Teilen der Erde waren Menschen gekommen, um diesen Teil des Pilgerweges zu gehen. Unzählige Begegnungen gab es auf einem der bestorganisierten Wege auf der Erde. Sich zu verlaufen ist fast nicht möglich.

An einem Sonntag erreichten wir Santiago. In der Pilgermesse kullerten die Tränen und ein Gefühl der Dankbarkeit durchströmte meinen Körper. Für die letzten 90 Kilometer bis zum »Ende der Erde« (Kap Finisterre) nahmen wir den Bus. Nach wenigen Stunden hatten wir den Atlantischen Ozean vor uns und unser Ziel erreicht. 14,5 Jahre war ich unterwegs und habe meinen Traum gelebt.

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