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Insolvenz als Hintertürchen

Folge 135 der nd-Serie »Ostkurve«: Chemnitzer FC steigt aus Liga drei ab - aber schuldenfrei

  • Von Jirka Grahl
  • Lesedauer: 4 Min.

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Seit Jahren haben die Fußballfans in Chemnitz davon geträumt, dass ihrem CFC endlich die Rückkehr in die zweite Liga glückt. So mancher ältere Zuschauer hat noch Erinnerungen an weitaus glorreichere Zeiten - als die Kicker in Himmelblau unter dem Namen FC Karl-Marx-Stadt eine feste Größe in der DDR-Oberliga waren. Meister 1967, dreimal FDGB-Pokalfinalist, Vizemeister 1990, Europacupspiele gegen Juventus Turin.

In der kommenden Spielzeit wird all dies noch ferner denn je erscheinen: Der Chemnitzer FC hat Antrag auf Insolvenz gestellt und steht damit als Absteiger in die Regionalliga Nordost fest.

Am vergangenen Wochenende zeigten die Fans in Westsachsen, dass sie sehr wohl weiterhin zum Verein halten: 5000 kamen zum quasi bedeutungslosen Spiel gegen den SV Meppen, das dann auch noch 1:2 verloren ging. Sie wollten jene Mannschaft erleben, deren Spieler nun »Insolvenzgeld-Ausfallgeld« bekommen. Eine Mannschaft, die nach der Saison auseinanderbrechen wird. Die meisten Spieler werden weiterziehen auf der Suche nach einem Arbeitgeber, vielleicht auch Julius Reinhart, der nun in Chemnitz bereits seine zweite Vereinsinsolvenz erlebt. Dies sei »frustrierend«, wie Reinhart gegenüber einem Lokalnachrichtenportal sagte. In der Kabine spiele das Sportliche seit der Insolvenznachricht überhaupt keine Rolle mehr. Ob er vielleicht in Chemnitz bleibe? Er wisse erst im Mai Genaueres.

Bis dahin hat beim Chemnitzer FC der Insolvenzverwalter das Sagen. 2,5 Millionen Euro Schulden sollen sich angehäuft haben, wie CFC-Finanzvorstand Thomas Uhlig mitteilte. »Wir wären demnächst zahlungsunfähig gewesen«, sagt Vereinspräsident Andreas Georgi - ein Mann, der seit Jahrzehnten auf der Südtribüne des Gellertstadions steht und das Amt erst im Februar übernommen hat.

Das schmucke 15 000-Zuschauer-Stadion an der Gellertstraße heißt neuerdings irgendwas mit Arena, zwischen 1950 und 1990 war es noch das »Dr.-Kurt-Fischer-Stadion« - die Fischerwiese, wie die Karl-Marx-Städter einst sagten. Für 27 Millionen Euro wurde es von 2011 bis 2016 auf Zweitligatauglichkeit getrimmt. Bei der Stadioneröffnung 2016 sollte der Aufstieg in Liga zwei geschafft sein, doch es reichte nie ganz zum großen Sprung ins Unterhaus der Deutschen Fußball Liga (DFL): Die Plätze 6 (2013), 12 (2014), 5 (2015), 6 (2016) und 8 (2017) jeweils in der vom DFB betriebenen 3. Liga waren am Ende zu wenig.

Dabei hätte die zweite Liga womöglich die Rettung vor den aktuellen Geldproblemen bedeutet: In Liga eins und zwei gibt es trotz mancherorts hoher Verschuldung nur sehr selten Insolvenzen - in den vergangenen zwei Jahrzehnten haben nur Waldhof Mannheim und der SSV Ulm vom Insolvenzrecht Gebrauch gemacht. Nach einer Untersuchung der Sportökonomen Stefan Szymanski, Daniel Weimar und Pamela Wicker steigt das Insolvenzrisiko von der dritten Liga an abwärts enorm: 110 Vereine der obersten fünf Ligen haben demnach in den vergangenen Insolvenz beantragt. Vor allem die dritte Liga ist problematisch.

Die Kluft zur zweiten Liga ist vor allem hinsichtlich des Fernsehgeldes riesig, ein Teil der dürftigen Einnahmen wird mit den Regionalligen geteilt. Während die zweite Liga Solidarzahlungen von oben erhält, geht die dritte Liga in dieser Hinsicht komplett leer aus.

Für das Finanzgebaren der Drittligisten ist dies verheerend: Um so schnell wie möglich einen Teil der Milliardenumsätze der DFL abzugreifen gehen die Vereine Risiken ein, die sie besser nicht eingehen sollten. Der DFB trägt zu dem gewagten Spiel bei. Seit 2015 bestraft er Insolvenzen in Liga drei nicht mehr mit Zwangsabstieg, sondern nur noch mit einem Abzug von neun Punkten, sobald das Insolvenzverfahren eröffnet ist.

Im Fall des Chemnitzer FC handelten die Vorstände also nur konsequent, als sie den Gang zum Insolvenzrichter antraten. Der Abstieg war sportlich schon so gut wie besiegelt, die neun Punkte Minus schmerzen also nicht. Statt mit Schulden können die Himmelblauen, wenn alles klappt, die kommende Saison mit einer schwarzen Null beginnen. Selbst ein paar der Gläubiger scheinen zum Klub zu halten: CFC-Insolvenzverwalter Klaus Siemon sagt gegenüber »nd«, er habe »eine rege Unterstützung« durch regionale Geldgeber erfahren: »Gerade langjährige Sponsoren haben sich entsprechend geäußert.«

Die Konkurrenz in der Regionalliga sieht sich durch die Schuldenfreiheit des CFC benachteiligt. Doch sie wird damit leben müssen.

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