Werbung
  • Politik
  • Polizeiaufgabengesetz in Bayern

Alle Macht der Polizei?

Das Bündnis »noPAG - Nein! zum neuen Polizeiaufgabengesetz Bayern« will mit einer Großdemonstration gegen das CSU-Gesetzesvorhaben protestieren

  • Von Rudolf Stumberger, München
  • Lesedauer: 3 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Nach dem neuen Psychiatriegesetz bekommt die bayerische Staatsregierung auch beim neuen Polizeiaufgabengesetz heftige Gegenwehr zu spüren. Bei einer Pressekonferenz am Freitag kündigte in München ein Bündnis von mehr als 40 Organisationen unter dem Motto »noPAG - Nein! zum neuen Polizeiaufgabengesetz Bayern« entschiedenen Widerstand an. »Das ist der größte Eingriff in die Bürgerrechte seit 1945«, so Hartmut Wächtler, Sachverständiger des Landtages. Für den 10. Mai hat das Bündnis eine Großdemonstration in München angekündigt.

Bei dem neuen Gesetzesvorhaben der CSU geht es nicht um schon begangene Straftaten, sondern um mögliche. Um eine »drohende Gefahr« abzuwenden, sollen der Polizei umfangreiche neue, »vorbeugende« Maßnahmen zur Verfügung stehen. Die Liste reicht dabei von Wohnungsbetretungen, Zugriff auf Bankkonten, Postüberwachung, Einsatz von verdeckten Ermittlern und Drohnen, Überwachung der Telekommunikation und Online-Durchsuchungen bis zu Aufenthaltsgeboten und Verboten. Diese Maßnahmen können von der Polizei nicht nur bei drohendem Mord oder Totschlag, sondern auch bei kleineren Delikten wie drohender Sachbeschädigung oder Diebstahl angewandt werden.

Problematisch an dem neuen Polizeiaufgabengesetz sei der unklare Begriff der »drohenden Gefahr«, so Rechtsanwalt Wächtler. Dieser Begriff sei von der CSU neu in das Rechtssystem eingeführt worden. Man habe dazu keinerlei juristische Erfahrung. Letztlich werde mit diesem Begriff die Verdachtsschwelle herabgesetzt, die bisher durch den Begriff der »konkreten Gefahr« gegeben war. Höchst problematisch sei auch, dass für gravierende Maßnahmen wie dem Aufenthaltsgebot oder dem Kontozugriff keine richterliche Genehmigung notwendig sei. Außerdem werde die richterliche Kontrolle durch schwammige Begriffe erschwert, erklärte Wächtler. Was solle man sich zum Beispiel genau unter »bedeutsamen Gütern« oder »erheblichen Eigentumspositionen« vorstellen? Da gebe es doch große Interpretationsunterschiede.

Das Bündnis kritisierte auch, dass Verdächtige quasi unbegrenzt in Haft gehalten werden können, wenn nur der Richter alle drei Monate die Festsetzung erneuert. Und der Bürger habe - anders wie beim Strafrecht - im Polizeiaufgabengesetz schlechte Karten, was Widerspruch gegen Maßnahmen wie Überwachung angeht. Weder gebe es einen Pflichtverteidiger, noch könne man wie beim Strafrecht in die letzte Instanz auch außerhalb Bayerns gehen. Denn das neue Gesetz richtet sich hier nach dem sogenannten Familienverfahrensgesetz, was aber einen völlig anderen Entstehungshintergrund habe, erläuterte Wächtler.

Diese schweren Grundrechtseingriffe richten sich nicht nur gegen tatsächliche oder vermeintliche Terroristen, so das Bündnis. Sie könnten auch gegen alle Menschen, soziale Bewegungen, Proteste oder Streiks gerichtet werden. Zusammen mit den bereits im Jahr 2017 beschlossenen Änderungen am Polizeiaufgabengesetz werde die Bayerische Polizei damit zu einer Überwachungsbehörde. Gegen diese Eingriffe in die Grundrechte klagten bereits mehrere Organisationen vor dem Bayerischen Verfassungsgerichtshof. Auch die Übertragung geheimdienstlicher Aufgaben und Befugnisse auf die Polizei widerspreche dem sogenannten Trennungsgebot zwischen Geheimdienst und Polizei.

Andere Bundesländer würden bereits ähnliche Polizeigesetze nach dem Vorbild Bayerns planen. »Deshalb müssen wir in Bayern ein lautes und wahrnehmbares Zeichen gegen den Überwachungsstaat und eine allmächtige Polizei setzen. Wir, das sind ein breites Bündnis aus Personen und Organisationen, die NEIN! sagen zu einem Polizeiaufgabengesetz, das Bayern nicht sicherer macht, sondern nur undemokratischer und unsicherer«, so das Bündnis in einem Anruf.

Unterstützt wird dieser Text unter anderem von SPD, Linkspartei, ÖDP, FDP, Piratenpartei, Grünen, ver.di, der Kreisjugendring München Stadt, Löwen-Fans gegen Rechts und das Münchner Bündnis gegen Krieg und Rassismus. Auf der Pressekonferenz kündigten mehrere Politiker, darunter die bayerische SPD-Chefin Natascha Kohnen, an, gegen das neue Polizeiaufgabengesetz klagen zu wollen. Kommentar Seite 4

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen