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Ein kleiner Gründerboom

Neue Genossenschaften gibt es vor allem im Westen

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 2 Min.

Genossenschaften erleben in Deutschland gerade einen Aufschwung. Allein zwischen den Jahren 2007 und 2015 gab es bundesweit fast 2000 Neugründungen. Das geht aus einer Studie des Leibniz-Instituts für Länderkunde (IFL) hervor, in der deshalb von einer »Renaissance« die Rede ist. Die 2006 erfolgte Novelle des Genossenschaftsgesetzes sei dafür nur ein Grund, schreiben die Autoren Stefan Haunstein und Marleen Thürling. Sie sehen den »Gründungsboom« auch als indirekte Folge der Finanzkrise. Es gebe Grund zu der Annahme, dass aufgrund des Crashs vieler Banken die »soziale Verantwortung bei der Gestaltung wirtschaftlicher Prozesse zunehmend Bedeutung erfahren« habe.

Dass Unternehmen in Form einer Genossenschaft organisiert werden, hat in Deutschland eine lange Tradition. Im Jahr 1849 veranlasste der Sozialreformer Hermann Schulze-Delitzsch, der neben Friedrich Wilhelm Raiffeisen zu den Begründern des Genossenschaftswesens gehört, in seiner nordsächsischen Heimatstadt die Gründung einer Assoziation von Schuhmachern. Der Zusammenschluss sollte es ihnen ermöglichen, Material preiswerter einzukaufen. Noch heute gilt die Förderung des »Erwerbs oder der Wirtschaft« ihrer Mitglieder als Hauptzweck dieser Unternehmensform. Grundprinzipien der Genossenschaften sind Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung.

Die Unternehmensform ist in vielen Branchen präsent. Landwirte gründeten Genossenschaften, um Produkte zu vermarkten; viele große Molkereien sind Genossenschaften. Auch im Handwerk, bei Banken und in der Wohnungswirtschaft ist das Modell verbreitet. Allerdings galt es in der Bundesrepublik lange Zeit als Auslaufmodell. Seit den 1950er Jahren war die Zahl der Genossenschaften durch Auflösung und Fusionen stark zurückgegangen.

Seit der Novelle 2006 sind aber auch Genossenschaften zulässig, mit denen - wie es im Gesetz heißt - »soziale oder kulturelle Belange« gefördert werden können, bei denen es also nicht um den Eigennutz der Mitglieder, sondern um einen Nutzen für die Gemeinschaft geht. Viele der seither neu gegründeten Genossenschaften betreiben Dorfläden und kümmern sich um den Erhalt kultureller oder sozialer Einrichtungen. Sie springen, wie es in dem IFL-Papier heißt, vielfach dort in die Bresche, wo »Staat und Markt keine geeigneten Angebote (mehr) bereitstellen«.

Der Gründungsboom ist freilich nicht flächendeckend zu beobachten. Die Forscher beobachten ein deutliches Nordost-Südwest-Gefälle: In Bayern und Baden-Württemberg, aber auch in Ballungsregionen an Rhein und Ruhr entstehen neue Genossenschaften in großer Zahl. In Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt gebe es dagegen nur vereinzelt Neugründungen. Damit lokale Bedürfnisse tatsächlich in die Gründung einer Genossenschaft münden, braucht es nach Ansicht der IFL-Forscher gute Netzwerke, institutionelle Unterstützung und vor allem »das Wirken von Schlüsselakteuren«.

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