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  • Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung

Konkurrenz belebt den Tod

Auf der ILA wird um millionenschwere Aufträge der Bundeswehr gebuhlt

  • Von René Heilig
  • Lesedauer: 5 Min.

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Die Politik kommt in Geschwaderstärke - hieß es vorab. Man munkelte gar, die innovativste Kanzlerin, die Deutschland je hatte, würde den französischen Präsidenten über die ILA führen. Schließlich ist Frankreich »special guest« der diesjährigen Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung im Berliner Umland. Doch dann war nur noch die Rede davon, dass die Kanzlerin ihren Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) aufbietet. Und natürlich Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU). Die hat sich einen speziellen Gag einfallen lassen. Sie wird mit ihrer französischen Kollegin Florence Parly einschweben. Nicht per Fallschirm, sie werden mit einem Militärtransporter A400M landen, was ein ungleich höheres Prickeln verspricht. Immerhin ist bei diesen seit Jahren auf der ILA angepriesenen Airbus-Super-Fliegern nicht klar, ob einer funktioniert.

Nach einem Vorabbesuch der ILA ist man unschlüssig, ob man den - wie alle zwei Jahre vor der Eröffnung gesungenen - Messelobeshymnen zurecht gelauscht hat. Ein Briefkopf, in dem die ILA als »Innovation and Leadership in Aerospace« angepriesen wird, ist schnell gedruckt. Das zuletzt nicht nur wegen der Bauruine namens BER in unmittelbarer Nachbarschaft gesunkene Fachinteresse ist schwer zurückzugewinnen.

Nach der sogenannten Wende ist die älteste Luftfahrtschau nach Berlin zurückgezogen, um eine West-Ost-Brücke aufzubauen. Davon ist angesichts der politischen Realitäten in der Welt und gerade in Europa kein Hauch mehr zu verspüren. Geschäfte in Richtung Asien und arabische Welt werden ohnehin an anderen Orten der Welt abgeschlossen.

Falls die ILA nun trotzdem noch einmal durchstartet, dann ist das womöglich dem Brexit geschuldet. Der Ausstieg Großbritanniens aus der EU könnte dafür sorgen, dass die ILA der bislang wichtigeren Konkurrenzmesse im britischen Farnborough eines voraus hat: den unmittelbaren Zugang zum EU-Markt. Das jedenfalls hoffen die Macher von der Messe Berlin und vom Bundesverband der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie.

In der EU gibt es im Luft- und Raumfahrtbereich nur zwei Überflieger: Frankreich und Deutschland. Schon seit einiger Zeit ist zu bemerken, wie deren Partnerschaft die gegenseitige Konkurrenz beflügelt. Beide Staaten, seit Jahrzehnten unter anderem beim Airbus-Programm vereint, haben im vergangenen Sommer auf höchster Ebene den Ausbau ihrer militärischen Kooperation bekräftigt. Es geht unter anderem um eine eigene Drohne. Und um ein neues Kampfflugzeug, das zu Beginn der 2040er Jahre einsatzbereit sein soll. Weitere europäische Länder werden zur Mitarbeit animiert.

Allein die Entwicklungskosten werden von Experten auf rund 80 Milliarden Euro geschätzt. Wer den Jet bauen wird, ist bislang unklar. Als aussichtsreiche Kandidaten gelten Dassault und Airbus. In Branchenkreisen wird darüber spekuliert, dass Dassault die Federführung übernehmen könnte. Näheres wollen jedoch die beiden Verteidigungsministerinnen auf der ILA mit ihrer Unterschrift besiegeln.

Mehr noch als der »Eurofighter« ist der »Tornado« in die Jahre gekommen. In der deutschen Luftwaffe wird laut ein Nachfolgetyp verlangt. 2025 soll der fliegen. Wo auch immer in der Welt. Da Deutschland im Nuklearzirkel der NATO weiter mitmischen will, muss das Flugzeug - wie bislang der »Tornado« - US-Atomwaffen tragen und werfen können. Ihm sei egal, welches Flugzeug die Politik auswählt, Hauptsache es ist die F-35 von Lockheed-Martin, meinte der scheidende Luftwaffeninspekteur Generalleutnant Karl Müllner bereits mehrfach. Natürlich tarnt er seine Vorauswahl besser als die US-Amerikaner ihre F-35 auf der ILA. Der Tarnkappen-Wundervogel steht direkt am Eingang, dort, wo gegenüber traditionell und auch in diesem Jahr der »Eurofighter« thront. Folgt man dem Messegemunkel, dann wird es wohl einen Folgeauftrag für das »Eurofighter«-Konsortium geben. Damit das Know-how in Europa bleibt. Zudem würde der Kauf der F-35 vermutlich die hochfliegenden Träume vom deutsch-französischen Kampfjet platzen lassen.

Lockheed hat aber noch ein zweites Eisen im Feuer. Die Bundeswehr braucht dringend einen neuen schweren Transporthubschrauber, um die CH-53-G-Oldtimer zu ersetzen. Wie es der Zufall will, hat der Lockheed ein Folgemodell zu verkaufen. Der CH-53K soll auf der ILA seine internationale Premiere feiern. Doch auch in Schönefeld muss er sich den Himmel teilen mit der Boeing-Konkurrenz. Der CH-47 »Chinook« fliegt auf den Projektionswänden bereits mit Bundeswehr-Hoheitsabzeichen. Beide US-Anbieter locken damit, dass einzelne Helikopterkomponenten in Deutschland gebaut werden könnten.

Wem das noch nicht genug Aufrüstung ist, der kann sich im Bereich der militärischen Drohnen umschauen. Und dabei wieder in allerlei Konkurrenzstrudel geraten. Demnächst wird die erste 25-Millionen-Vorlage in die Parlamentsausschüsse kommen, um damit den amtlichen Beschaffungsbeginn für die israelische HERON-TP-Drohne zu markieren. Im schwarz-roten Koalitionsvertrag heißt es: »Wir werden im Rahmen der Europäischen Verteidigungsunion die Entwicklung der Euro-Drohne weiterführen. Als Übergangslösung wird die Drohne HERON TP geleast.« Über die Beschaffung wird der Bundestag gesondert entscheiden. Das ist ein Zugeständnis der Union an den Koalitionspartner SPD und eine reine Formsache, denn dass Bundeswehr-Piloten damit Bomben werfen und Raketen abschießen werden, ist klar.

Noch aber gibt es einen erbitterten Gegner des Israel-Geschäftes. Das US-Konkurrenzunternehmen General Atomics hofft weiter, diese HERON-Beschaffung zu Gunsten ihres Angebots kippen zu können. Zwar ist man damit schon einmal vor Gericht gescheitert, doch gerade aus der Urteilsbegründung lässt sich offenbar neue Angriffslust extrahieren.

Während andere also auf der ILA das »große Geld« einsammeln, machen die Veranstalter sicher auch bei der diesjährigen Messe wieder Miese. Wie es mit der ILA weitergeht, ist unsicher. Bis 2020 ist der Standort vertraglich gesichert. Auch wenn es unglaublich klingt: Irgendwann will der BER wohl doch ein Airport mit richtigem Flugbetrieb werden. Ob dann noch Platz ist für die ILA? Was bei der Singapore Air Show, die unmittelbar am dortigen Changi-Airport stattfindet, möglich ist, kann für Berlin eine unlösbare Aufgabe sein.

Während der rot-rot-grüne Hauptstadtsenat sich wie immer in schwierigen Fällen erst einmal um Gespräche mit allen Seiten bemüht, steht die rot-rote Landesregierung Brandenburgs felsenfest zur ILA. Dumm nur, dass weder Berlin noch Brandenburg und schon gar nicht der Bund Eigentümer des ILA-Geländes sind.

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