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Ein eminent politisches Programm

Das Deutsche Symphonieorchester spielte unter Robin Ticciati Werke von Harris, Schönberg und Sibelius

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Auch dieses Programm widerlegt den Vorwurf, die Konzertmacher würden immer nur dieselbe ältere Musik reproduzieren. Hier wurde die 3. Sinfonie des US-Amerikaners Roy Harris (1898 - 1979) mit Arnold Schönbergs Konzert für Klavier und Orchester op. 42 und Jean Sibelius’ 7. Sinfonie zusammengespannt. Robin Ticciati, Brite und seit Beginn der Saison neuer Chefdirigent des Deutschen Symphonieorchester (DSO), steht dieser Tradition sehr nahe.

Die drei Werke entstanden während der 20er und 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts, als Neoklassizismus und Neuromantik im Aufwind waren und die Moderne zusehen musste, wo sie unterkommen oder vor dem Zugriff des faschistischen Barbarentums sich verstecken konnte. Noch darüber stand augenscheinlich das neue Genre der Filmmusik, dem nichts zu teuer war, sich des gesamten musikalischen 19. Jahrhunderts zu bemächtigen und seinen Zwecken dienstbar zu machen. Alle drei, Harris, Schönberg und Sibelius, strebten kompositorisch erfolglos dagegen an. Aber sie blieben in der Welt, während der Filmmusikzauber von einst heute nur noch belächelt werden kann.

Es war die Zeit immenser Reproduktionsaktivität. Was sich aufzeichnen ließ, wurde aufgezeichnet und vervielfältigt. Die Tempelmusik der Großstädte erzitterte, als die ersten Tonapparaturen in die Häuser einzogen und die Musik der Schubert und Bruckner entheiligten. Das Reproduktionsgebaren erfasste auch die Orchester und Chöre und ließ sie im Schwall der Ereignisse vielfach zu Instrumenten bloßer Abspiegelung degradieren. Schönberg versuchte auch hier zu kontern, indem er 1930 eine »Begleitmusik zu einer Lichtspielszene« komponierte, die keinen Film auf Zelluloid hat, sondern jenen den Grundcharakter der Zeit treffenden Ausdruck von »Angst« und »Katastrophe« auf ihrem Schild trägt.

Das gebotene Ticciati-Programm ist ein eminent politisches. An zweiter Stelle stand Schönbergs Klavierkonzert. Es kommt äußerst selten in Berlin. Ein besserer Solist als Pierre-Laurent Aimard hätte sich kaum finden lassen. Unerhört energisch und hochdifferenziert, hörbar affiziert von der expressiven Fiber der Komposition, ging der Franzose zu Werke.

Schönberg schrieb das Konzert 1942, nachdem er lange geschwiegen oder nur Bearbeitungen barocker Musik als nützlich empfunden hatte. Er schwieg, um sich danach umso vehementer auszusprechen vor einer Welt rassistischen Grauens und den Feuern der Schlachtfelder. Etwa zur gleichen Zeit entstanden die »Ode an Napoleon«, ein beißendes Spottstück auf Hitler, und das großartige Streichtrio. Eine Trilogie, in deren Verläufen das ganze Entsetzen der Zeit eingesenkt erscheint und, technisch gesehen - anders als in den davorliegenden streng dodekaphonischen Arbeiten -, auch freitonale Elemente als konstruktive Formeln einbegreift.

Dass Orchester und Sänger Musik reproduzieren, gehört zu ihrer Natur, seit es die Notenschrift gibt. Sie erfinden nichts selber, aber sie erwecken Partituren zu neuem Leben. Wenn heute hochqualifizierte Orchester Klassiker wie Mozart, Beethoven, Mahler, Schönberg, Bartók, Schostakowitsch, Lutosławski, Eisler, Boulez - alle sind mausetot - musizieren, ist das eine hohe kulturelle und eminent zeitgenössische Aufgabe. Das Deutsche Symphonieorchester leistet hierzu seinen unverzichtbaren Beitrag. Alle gute Musik der letzten 600 Jahre ist nötig, aufgeführt zu werden, denn ihre humane Conditio ist das Einzige, was dem kapitalistischen Elend und dem kulturellen Ekel der Zeit entgegnen kann.

Roy Harris ist hierzulande so gut wie unbekannt. Schön, dass jetzt seine 3. Sinfonie von 1938/39 zu hören war. Sie beginnt mit Celli- und Bratscheneinsätzen ganz harmlos, aber schon bald steht der die Leier zum Drehen bringende Grundrhythmus im Verfall. Die Bläsergruppen melden sich, die Trompeten stoßen Signale aus, die beiden Tuben brummen ihr Begleitlied. Immer mehr Bewegung bricht in die Vorgänge. Jazzidiome fehlen nicht. Der Schluss offeriert mit Pauken und Blech eine geballte Moll-Akkordik.

Leonard Bernstein hat diese Musik 1948 erstmals in Deutschland dirigiert, obwohl er sich geschworen hatte, diesem Land jeglichen Dienst zu verweigern.

Dass die Wirkung von Konzertmusik - gemessen an der Allgewalt jener das Bewusstsein zukleisternden Amüsier- und Pop-Musik mit ihren Rechtsauslegern - beschränkt ist, weiß jeder Hund. Aber wann war entwickelte Kunst je dazu da und geeignet, Massen anzusprechen? Beethoven beschwor seinerzeit den »Konzertsaal der Menschheit« und beschwerte sich gleichzeitig, die Wiener würden viel lieber Würstl essen als seine Musik hören. In anderen Zeiten als den heutigen kannte allerdings fast jedes Kind in der Welt, betroffen oder nicht betroffen von Kriegen und sonstigem menschengemachten Unglück, Picassos Friedenstaube. Gewiss mehr ein Symbol als differenzierte Kunst.

Am Schluss reproduzierte das DSO hochinspiriert die 7. Sinfonie von Jean Sibelius. Unerhört abwechslungsreich das Werk, raffiniert instrumentiert. Folkloristisches hat darin kaum eine Chance. Als »Phantasie« komponiert in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, nimmt das Werk heitere Elemente auf, produziert kolossale Rückungen, tremolierende Tutti und endet in unwirklicher Atmosphäre. Ein emotionaler und erkenntnisreicher Konzertabend.

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