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  • Kultur
  • Geschichte des Bauhaus

Utopie oder Anti-Utopie?

»Vom Bauen der Zukunft - 100 Jahre Bauhaus«, ein Film von Niels Bolbrinker und Thomas Tielsch

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: 5 Min.

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Wie baut man eine neue Welt - und vor allem wo und für wen? Die frühen Utopien von Campanellas »Sonnenstaat«, Morus’ »Utopia« oder Bacons »Nova Atlantis« suchten sich dazu entlegene Inseln. Auf ihnen sollten die Staaten der Zukunft entstehen, von den Autoren erdacht war dann der Tagesablauf für die »neuen Menschen« bis ins kleinste Detail. Muss man sich darunter glückliche Inseln vorstellen oder totalitäre Gebilde, die am Ende immer Strafkolonien sind? Beides steckt als Möglichkeit auch im Bauhaus.

Als die weißen Flecken auf der Landkarte rarer wurden, begann man, die Zukunft nicht in der Ferne, sondern der Nähe zu suchen. Die Stadt wurde zum Projektionsraum für ein besseres Leben. Der urbane Raum als soziales Laboratorium! Davon zeugt auch das Bauhaus, das im kommenden Jahr hundert Jahre alt wird. Was aber wurde aus den »Kathedralen der Zukunft«, von denen Gropius, Le Corbusier, Kandinsky, Klee oder Mies van der Rohe träumen? Wie viel von den Bauhausideen wurden durch die Art ihrer Realisierung wieder zerstört? Wie lebt man in Häusern mit 500 Wohnungen, 150 Meter langen Fluren, zusammen mit 1600 Menschen? Solche »Wohnmaschinen« entstanden nach dem Vorbild der Unité d’Habitation in Marseille - auch in Westberlin baute man das Corbusierhaus und die Gropiusstadt. Funktion statt Ornament!, so lautete der avantgardistische Slogan, der dieser Architektur zugrunde lag. Wohnen in ausgezirkelten Räumen, optimiert bis auf den Zentimeter - in Beton, Glas und Stahl. Sollte das die Zukunft sein?

Diesen Fragen geht der Film »Vom Bauen der Zukunft - 100 Jahre Bauhaus« von Niels Bolbrinker und Thomas Tielsch nach. Er wird zur Reise durch Zeiten und Gegenden von Weimar, wo das Bauhaus 1919 gegründet wurde, über Dessau, wohin es 1925 umziehen musste (weil man es konservativen Weimar nicht mehr haben wollte), nach Marseille, Medellín oder Berlin. Orte, an denen der Bauhaus-Geist wie fast überall auf der Welt seine Spuren hinterließ.

Nach dem Ersten Weltkrieg war die Bauhaus-Vision eine mit sozialer Kraft: Wohnen mit viel Licht, Luft und hohen Hygienestandards für alle! Später wurde es zum billigen Schnellbau-Massenprodukt der »Satellitenstädte«. Was als Aufbruch aus Schmutz und Dunkelheit der Hinterhöfe begonnen hatte, endete als neues Getto für soziale Randgruppen außerhalb der Innenstadt. Dieser Utopieverlust des Bauens betraf West wie Ost gleichermaßen. Brigitte Reimann hat darüber »Franziska Linkerhand« geschrieben, die Geschichte einer jungen DDR-Architektin, die vergeblich dafür kämpft, in Neubauprojekten den Geist der sozialen Utopie zu erhalten. Hieß es nicht: anders wohnen, um anders zu leben? Der Traum vom Bauen einen neuen Welt stieß auf die alte Städte. Und wie alle Revolutionäre standen auch die Bauhäusler vor der Frage: Niederreißen oder Umbauen?

Dieser anregende filmische Bauhaus-Essay fordert bewusst zum Weiterdenken und Widersprechen auf. Auch das gehört zum Bauhaus. Heute muss man wohl konstatieren, dass die ursprünglich emanzipatorische Bauhaus-Idee - im Westen ebenso wie im Osten - einerseits zum unangefochten geltenden Maßstab von Effizienz geworden ist, aber - andererseits - ohne den utopischen Geist ihrer Begründer. Dieser scheint in all der Optimierungslogik verloren gegangen zu sein.

Doch der eigentliche Bauhaus-Ansatz ist elementarer: Wie verhalten sich Körper im Raum, zumal wenn sie sich bewegen? Welche Materialien lassen sich wozu gebrauchen? Die Bau-Konventionen von gestern wurden erstmals auch unter dem Aspekt von Herrschaftsverhältnissen begriffen. Das neue Haus sollte demokratisch sein, also transparent und funktional, aber dennoch schön und vor allem haltbar. Der Künstler der Zukunft: ein Techniker. Das Bauhaus wollte zum industriell gefertigten Gesamtkunstwerk der Zukunft werden. Man befreite sich vom Gestern, erforschte neue Materialien wie Stahl oder Gummi, aber man stellte auch Normenkataloge auf, dachte in »Modulen«. »Volksbedarf statt Luxusbedarf« hieß eine der Losungen. Führt das in eine Monotonisierung der Welt, von der Stefan Zweig sprach, oder eröffnet es auch Auswege aus ihr?

An gigantomanische »Wohnmaschinen«, die vor über einem halben Jahrhundert mit allen Traditionen brachen, glaubt heute wohl niemand mehr. Das bloß Funktionale, so weiß man längst, es altert nicht, es zerfällt bloß. Der Film zeigt Menschen, die ihr Leben in »Wohnmaschinen« verbracht haben - und deren Vorzüge bis heute zu schätzen wissen. Aber dennoch: Der architektonische Grundirrtum, den auch Bauhausarchitekten wie Gropius und Le Corbusier nicht verhinderten, war die Trennung von Arbeits- und Wohnwelt. In der Folge verödeten Innenstädte zu Verwaltungs- und Konsumzentren, man lebte getrennt von urbaner Infrastruktur an der Peripherie - fuhr mit dem Auto täglich hin und her. Der dem Stadtbewohner feindliche Irrweg einer »autogerechten Stadt«, der mit der A 100 auch in Berlin gegen jede Vernunft immer weiter vorangetrieben wird, geht damit einher.

Dennoch, so zeigt dieser Film, birgt das Bauhaus, das auch - und vielleicht zuerst - eine Ideenwerkstatt war, in seinen vielgestaltigen geistigen Grundelementen immer mehrere Möglichkeiten in sich: auch die der autofreien Stadt. Der Bauhausanspruch, eine Stadt für alle zu bauen, blieb jedoch uneingelöst. Statt sozialer Durchmischung vollzieht sich derzeit das Gegenteil davon: Entmischung und Verödung.

Die Filmemacher fragen Architekten von heute, wie man dem Geist des Bauhauses folgen sollte. Die überraschende Antwort: Langsamer bauen! Weniger neu bauen, dafür Vorhandenes lebensgerecht weiterbauen. Hundert Jahre Bauhaus, so zeigt der Film, geben Anlass zu kritischen Städtebaudiskussionen, die letztlich immer darum kreisen, wem der öffentliche Raum denn eigentlich gehört, oder wem er gehören sollte.

Die Geschichte des Bauhauses steckt voller dramatischer Wendungen; Geschichten, denen zu folgen lohnt. So etwa kommt Hermann Hesses jüngster Sohn Martin, der einmal ein begabter Architekturfotograf werden sollte, im Frühjahr 1932 aus der Schweiz als Hospitant ans Bauhaus, kurz bevor es im Sommer des gleichen Jahres durch die in Dessau bereits herrschenden Nazis geschlossen wird. Einerseits ist er hingerissen vom Geist der Avantgarde, andererseits aber auch abgestoßen vom elitären Dünkel, wie er seinem Vater schreibt: »Man hat hier bei vielen Leuten den Eindruck, dass sie Universalgenies seien, und in Wirklichkeit ist alles nur oberflächlich.«

Ganz und gar unverständlich ist Martin Hesse jedoch, wie passiv Studenten und Professoren der drohenden Bauhaus-Schließung entgegensehen, mit »revolutionärer Arbeitsgemeinschaft«, so notiert er, habe das hier »nicht mehr das Geringste zu schaffen«. Der Streitfall Bauhaus und seine Folgen, so zeigt sich, ist nicht bloß von gestern.

»Vom Bauen der Zukunft - 100 Jahre Bauhaus«, Deutschland 2018. Regie/Drehbuch: Niels-Christian Bolbrinker und Thomas Tielsch. 95 Min.

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