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Hingerichtet für Nachricht von der Ostfront

In der ehemaligen Direktorenvilla des Zuchthauses Brandenburg eröffnet die Dauerausstellung »Auf dem Görden«

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 5 Min.

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Soldat Heinz Timmel hat 1942 die Nase voll. In einem Brief von der Ostfront schreibt er seinem Vater Max: »Die Parteibonzen sollen sich die Kugeln um die Ohren pfeifen lassen, dann wissen sie, was Krieg bedeutet.« Der Vater liest diesen Brief auf der Arbeit Kollegen vor, wird denunziert und 1944 im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet. Eine Kopie seines Abschiedsbriefs an seine Kinder ist in der ehemaligen Direktorenvilla des Zuchthauses zu sehen. Die Villa befindet sich an der Anton-Saefkow-Allee 38. Der kommunistische Widerstandskämpfer Anton Saefkow wurde ebenfalls 1944 in diesem Zuchthaus hingerichtet.

Am kommenden Sonntag um 13 Uhr wird in dem extra hergerichteten und mit einem Anbau versehenen Haus die Dauerausstellung »Auf dem Görden. Die Strafanstalt Brandenburg im Nationalsozialismus und in der DDR« eröffnet.

Das ist ein später Erfolg in einem jahrzehntelangen Ringen um ein angemessenes Museum. Günter Morsch, Direktor der Stiftung brandenburgische Gedenkstätten, ist »froh und glücklich«, die Eröffnung noch erleben zu dürfen, bevor er in einem Monat in den Ruhestand tritt.

Das DDR-Kulturministerium hatte hier einst ein großzügiges Museum des antifaschistischen Widerstands bauen wollen. Ein Modell ist in der Ausstellung zu sehen. In Wirklichkeit wurde nichts daraus. Die Wende kam dazwischen, und es verbreitete sich die hinderliche Legende, die historischen Ereignisse im Zuchthaus seien gar nicht so bedeutend. Die DDR habe das hochgespielt, weil der Staatsratsvorsitzende und SED-Generalsekretär Erich Honecker als junger Mann in der Nazizeit einer der politischen Häftlinge war.

Dabei war Brandenburg/Havel »neben Berlin-Plötzensee die wichtigste Hinrichtungsstätte der Nazijustiz«, stellt Morsch richtig. 2032 Todesurteile sind hier vollstreckt worden. Darüber hinaus starben 750 Häftlinge bei schwerer Arbeit und schlechter Verpflegung an den Entbehrungen. Außerdem sind Tausende zur Vernichtung in Konzentrationslager überstellt worden.

Das Zuchthaus war das einzige Gefängnis, das in der Weimarer Republik neu gebaut wurde. Geplant und ab 1927 errichtet wurde es für einen humanen Strafvollzug, der dem modernen Gedanken der Resozialisierung verpflichtet war. 1931 wurden die ersten Häftlinge eingeliefert. Fotos zeigen Männer, die etwas lernen oder einen Ziervogel in ihrer Zelle haben.

Doch die Faschisten hielten nichts von solchen Absichten und Zuständen. Bis zu 2500 Häftlinge, am Ende im April 1945 sogar 3500, pferchten sie in die Anstalt, die nur für 1800 Menschen ausgelegt war. Am 27. April 1945 befreiten sowjetische Truppen die Überlebenden, darunter nicht nur politische Häftlinge, sondern auch Kriminelle. Dabei ist jedoch zu bedenken ist, dass die Nazijustiz drakonische Strafen für Bagatelldelikte verhängte, für die es vor 1933 und nach 1945 lediglich Geld- oder Bewährungsstrafen gegeben hätte. Das illustriert der Fall eines Mannes, der im Zuchthaus hingerichtet wurde, weil er laut Anklage einen Teekessel mitgehen ließ, was ihm als Plünderung ausgelegt wurde. Dieses Schicksal gehört zu den zwölf tragisch und brutal beendeten Lebenswegen, die künftig im Vorraum der alten Hinrichtungsstätte vorgestellt werden.

Den Raum mit dem Fallbeil selbst ließ die Gedenkstättenstiftung unangetastet. Er ist bereits seit 1959 Erinnerungsort. Weil er sich innerhalb der heutigen Justizvollzugsanstalt befindet, kann er wegen der Sicherheitsbestimmungen nur nach Voranmeldung besichtigt werden. Die Guillotine dort ist nicht die, unter der während des Zweiten Weltkriegs 2032 Menschen gestorben sind, aber das Fallbeil stammt aus dieser Zeit. Die alte Direktorenvilla ist im Gegensatz zur Hinrichtungsstätte frei zugänglich und leicht zu erreichen. Sie befindet sich schräg gegenüber von der Endhaltestelle der Straßenbahnlinie 1, die am Hauptbahnhof beginnt. In der Villa werden neben Häftlingskleidung aus zwei Epochen, neben etlichen Dokumenten und einigen Andenken auch zwei Fotos von der Guillotine gezeigt. Es ist ein beklemmender Anblick.

Erich Honeckers Name taucht in der Ausstellung in einer Liste von Häftlingen auf, die nach Bombenangriffen Blindgänger entschärfen mussten. Außerdem ist er auf einem Foto zu sehen.

»Wir machen keine Honecker-Ausstellung, aber auch keine Anti-Honecker-Ausstellung«, betont Stiftungsdirektor Morsch. Gedenkstättenleiterin Sylvia de Pasquale erläutert: »Wir haben uns um die bekannten Namen nicht geschert. Uns waren die Inhalte wichtig.«

Anschließend an die Eröffnung gibt es am Sonntag Gespräche mit Zeitzeugen. Es kommen dazu Peter von Schlieben-Troschke, dessen Vater August die Jahre 1936 bis 1945 im Zuchthaus Brandenburg zubrachte, und Shanghai Drenger, der sich als Sänger der Magdeburger Punkband »Vitamin A« in der DDR nicht anpassen und der Volkspolizei keine Spitzeldienste in der Punkszene leisten wollte. 1986 wurde der damals 19-jähriger Drenger zu zwei Jahren Freiheitsentzug wegen öffentlicher Herabwürdigung und versuchter Zusammenrottung verurteilt. Von Februar 1987 bis zu seiner vorzeitigen Entlassung vier Monate später saß er in Brandenburg/Havel ein.

Die Kosten für die Baumaßnahmen und für die Dauerausstellung belaufen sich auf zusammen 1,1 Millionen Euro, finanziert je zur Hälfte vom Bund und vom Land Brandenburg.

Am Donnerstag pinselt ein Maler noch das Geländer am Eingang, an ihm vorbei laufen andere Handwerker geschäftig hin und her. Wie immer in solchen Fällen ist auch noch in quasi letzter Minute einiges zu tun. Beispielsweise sind die bestellten Möbel für den Seminarraum noch nicht eingetroffen. Stiftungsdirektor Morsch ist jedoch zuversichtlich, dass alles rechtzeitig fertig wird.

Ausstellung »Auf dem Görden. Die Strafanstalt Brandenburg im Nationalsozialismus und in der DDR«, ab 3. Mai, Do. bis Fr. von 13 bis 17 Uhr, Sa. und So. von 10 bis 17 Uhr, Anton-Saefkow-Allee 38, Tel.: (0 33 81) 793 51 13, stiftung-bg.de

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