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Aufbruch nach Spree-Bilbao

In den kommenden Jahren steht die Stadt vor einer diffizilen Frage: Wie planbar ist das Berlin-Gefühl?

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 5 Min.

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Was genau »Kultur« eigentlich sein soll, ist gar nicht so leicht zu sagen. Ist Kultur etwas, das manche Leute »haben« und manche eben nicht? Wir sie an Wände gehängt und auf Bühnen gebracht? Ist sie eher eine ideelle Substanz, die spezifische Eigenschaften einer Gruppe, Klasse, Stadt, Region, Nation und so weiter beschreibt? Oder etwas, das im Gegenteil verschiedene Gruppen zusammenführt? Oder ist sie, kritisch betrachtet, ein Herrschaftssystem, das allen Menschen bestimmte Positionen zuweist?

In der Stadtpolitik hat sich seit den späteren 1980er Jahren jenseits dieser akademischen Fragen der Kulturwissenschaft ein pragmatisches Konzept etabliert: Man mixt all das zu einem »Rohstoff«, den Städte im Wettkampf mit anderen als Standortfaktor und Markeninhalt nutzen und zum Treiber ihrer »Entwicklung« zu machen trachten. »Kultur« ist dann ein »New-York-«, »Paris-« oder »Berlin-Gefühl«.

Das ist handfester, als es klingt: Wer wollte bestreiten, dass der - für viele ihrer Bewohner inzwischen ambivalente - Aufschwung der Stadt in jüngeren Jahren mit einer solchen gefühlten Attraktivität zusammenhängt? Anders als zum Beispiel München hatte Berlin noch vor zehn Jahren jenseits des Politbetriebs nicht viele tolle Jobs, die junge, gut ausgebildete Menschen angezogen hätten. Es war gerade umgekehrt: Diese Leute kamen wegen des Berlin-Gefühls und brachten ihre Arbeitsplätze in ihren Klappcomputern sozusagen selber mit.

Erfunden wurde diese »kulturelle« Stadtentwicklung nicht an der Spree. In der Stadtsoziologie gilt aber Berlin als Paradefall eines bestimmten Weges, ein solches Stadtgefühl herzustellen: nämlich einer Politik des Wachsenlassens, die von unten nach oben funktioniert. Zumal in der Zeit des rot-roten Senats zwischen 2001 und 2011, in die der kulturelle Takeoff fällt, setzte man eher Rahmen und öffnete Räume, als dass man große Pläne schmiedete; bekanntlich hatte man dafür ohnehin kein Geld.

Der entgegengesetzte Pfad wird einschlägig als »Bilbao-Politik« bezeichnet - in Anlehnung an die einstige baskische Industriemetropole, die sich 1997 mit der Eröffnung einer sündhaft teuren, architektonisch hochspektakulären Dependance der Guggenheim-Museen auf die Weltkarte der »Kulturstädte« katapultierte. Gemeint ist damit eine Politik, die eher von oben nach unten operiert und Stadtkultur nicht kleckert, sondern klotzt.

Derzeit ist es allerdings so, dass Berlin in den kommenden Jahren ganz zwangsläufig mit Bilbao-Problemen konfrontiert ist. Mit dem Museumsneubau am Kulturforum sowie dem Humboldt-Forum sind der Stadt zwei baulich gigantische Kulturinstitute gewissermaßen in den Schoß gefallen, die nicht nur adäquat bespielt, sondern auch in deren Leben eingebunden werden müssen.

Als nun am Mittwochabend das »Forum Zukunft Kultur« der »Stiftung Zukunft Berlin« Interessierte ins Kulturhaus Radialsystem an der Holzmarktstraße eingeladen hatte, um in diversen Workshops über »Kunst und Kultur als kreative Energien für Berlin« zu diskutieren, ging es im Kern darum, wie das zu bewerkstelligen sei. Dabei standen sich, wie etwa die Diskussion zum Kulturforum zeigte, zwei Denkstile gegenüber, die man im Groben wiederum einem Berlin- und einem Bilbao-Paradigma zuordnen konnte.

Die einen rufen nach weitreichenden stadtplanerischen Konzepten rund um den ob seiner Größe und Gestaltung von vielen eher wenig geliebten Neubau. So bekräftigte der als Kritiker desselben bekannte Architekt Bernhard Schneider, der sich in der Zukunftsstiftung engagiert, seine Forderung, »die Trasse der Potsdamer Straße« zu verändern und möglichst den Neubau möglichst noch umzusetzen. Die langjährige grüne Kulturpolitikerin Alice Ströver, die den inzwischen als »Kulturvolk« firmierenden Besucherverein »Freie Volksbühne« leitet, wollte die Straße gar unter die Erde verlegen.

Demgegenüber riet der Ehrenpräsident des Berliner Landesmusikrats zu Gelassenheit: »Beim Kulturforum haben wir Zeit«, so Hubert Kolland. Der provisorische Zustand des Platzes sei kein Problem, es dürfe jetzt bloß nicht alles durchgeplant und zugebaut werden. Kolland würde die Skateboardfahrer, die seit mehr als 20 Jahren die Fläche vor Kunstgewerbemuseum und Gemäldegalerie nutzen, gern weiter auf dem Kulturforum sehen - und findet, auch der bisher auf dem Museumsbauplatz befindliche Kiosk mit seinem Minibiergarten sei ein in etwas anderer Form erhaltenswerter Farbtupfer.

Vielleicht noch drastischer stellt sich das Einbindungsproblem im Fall des Humboldtforums: Wie soll ein Bauwerk, das seine Entstehung und Fassade vor allem dem konservativen Impuls verdankt, die Mitte Berlins müsse wieder werden wie zu Kaisers Zeiten, in eine zeitgenössische Kulturmetropole passen?

Auch dazu entstand am Mittwoch im Radialsystem eine Ideensammlung. Folgte man dieser, wäre zwischen Disney-Hohenzollernschloss, Fernsehturm und Rotem Rathaus »öffentlicher Raum« zu gewinnen - und zwar am Boden wie auch auf Dächern, wie es hieß. Dabei sei an demokratische Orte zu denken, etwa einen »Speakers Corner«; es müsse auch all das nach Mitte zurückkehren, was dort verschwunden sei - nicht zuletzt die »Subkultur«.

Damit ist erstens etwas angesprochen, das in der vom früheren CDU-Senator Volker Hassemer präsidierten »Stiftung Zukunft Berlin« kaum eine Rolle spielt: Es ist zwar richtig, dass die Stadt ihre Bühnen, Konzertsäle und Museen mehr zur Geltung bringen sollte als heute. Unübersehbar ist aber, dass die Attraktivität der Stadt gerade für Jüngere in ganz anderen Kulturformaten begründet ist: Nicht nur die Klubszene zählt dazu, sondern in einem weiteren Sinn selbst die Erste-Mai-Demo.

Und zweitens warfen die Diskussionen zur »Berliner Mitte« und zum Kulturforum hier die Frage auf, inwieweit ein solches »Berlin-Gefühl« überhaupt planbar ist. Kann etwa die Inanspruchnahme und Eroberung öffentlichen Raumes durch eine selbstbewusste Stadtbevölkerung wirklich von einer Art Platzmanagement kuratiert werden - was am Mittwoch sowohl für den Raum vor dem Humboldt- als auch für das Kulturforum angeregt wurde?

Eine Antwort wird, wie so oft im Leben, in der Praxis liegen.

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