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  • Kultur
  • Dokumentation über Karl Marx

Albtraum Traumrolle

Im Dokudrama «Ein deutscher Prophet» spielt Mario Adorf Karl Marx

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 3 Min.

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Traumrollen im Fernsehen«, sagt Mario Adorf, »Traumrollen gibt es dort nicht«. Am Theater mag man von King Lear träumen, von Nathan, Macbeth, den Weltfiguren der Weltbühne, die jeden Schauspieler magisch anziehen. Aber im Fernsehen? »Da kann man nur aufs Angebot warten.« Und sei es ein Leben lang - in Adorfs Fall also 87 Jahre. So lang hat es gedauert, bis er seine Traumrolle spielen durfte - auch wenn er sie noch nicht mal »Herzensangelegenheit« nennen möchte, sondern allenfalls »persönliches Anliegen«. Karl Marx.

Kurz vorm 200. Geburtstag des Philosophen schenkt das ZDF dem wohl wichtigsten, aber auch widersprüchlichsten Denker der an wichtigen, widersprüchlichen Denkern keineswegs armen deutschen Geistesgeschichte ein Dokudrama. Und wer könnte es besser beleben als Mario Adorf? Aufgewachsen in der Vulkaneifel, teilt er mit dem Philosophen aus Trier schließlich nicht nur die Herkunft; schon während des Studiums hat er ihn gelesen und inspiriert vom ausbeuterischen Job als »Lohnsklave« im Tagebau eine Begeisterung entwickelt, die bis heute anhält. »In der Krise des Kapitalismus gibt es ein neues Bedürfnis, zu verstehen, wer dieser Mann war«, meinte Adorf schon 2008 und fragte vier Jahre nachdem ein geplantes Biopic krachend gescheitert war: »Was war das überhaupt für ein Mensch?«

»Karl Marx - ein deutscher Prophet«, der am Samstag auf Arte seine TV-Premiere hat, versucht sich nun an einer Antwort - und scheitert krachend. Was jedoch nicht am Hauptdarsteller liegt, der spürbar das Maximum aus Körper, Kopf und Seele herausholt. Nein, Christian Twentes Film fällt den beiden Dilemmata des deutschen Fernsehens zum Opfer: deutsches Fernsehen und dessen Drehbücher. Autor Peter Hartl nämlich macht aus der Vita dieses außergewöhnlichen Mannes exakt das, was den Zuschauern hierzulande andauernd vorgesetzt wird, was sie allerdings auch verlangen wie verelendete Junkies billige Drogen: melodramatisches Historytainment ohne jeden Tiefgang, aber mit dufter Kulisse.

So läuft Mario Adorf gleich zu Beginn mit wucherndem Rauschebart durch sein algerisches Exil und kommentiert aus dem Off die tollen Kleider des Orients, als spräche daraus nicht der alte Marx, sondern das ähnlich betagte ZDF-Stammpublikum. Zurück in Europa, wird aus der Sicht des - für einen Anfangssechziger - seltsam greisen Titelhelden das bewegte Leben dieses theoriebeflissenen Praktikers skizziert. Dafür diskutiert er, unterbrochen von Experten-Statements, Rückblenden und Archivmaterial, viel mit Tochter Eleanor (Sarah Hostettler), die über 90 Minuten das Bindeglied zwischen politischer Philosophie und persönlicher Biografie bildet.

Sämtliche Dialoge indes wirken dabei ungefähr so lebendig wie richterliche Vernehmungsprotokolle und die Charaktere holzschnittartiger als in jeder Pilcher-Schnulze. Der Tonfall klingt dabei fast durchweg onkelhaft schulmeisterlich, weshalb der Film bei ZDFinfo besser aufgehoben wäre als in der Primetime des Mutterkanals, der den Film am 2. Mai zeigt. Selbst die Kernkompetenz öffentlich-rechtlicher Geschichtsstunden ist so auf Akkuratesse bedacht, als sei die meiste Zeit im Museum gedreht worden, nicht am Set eines TV-Dramas. Am schlimmsten aber ist, dass die marxistische Theorie in ihrer unfassbaren Komplexität so lange ins stocksteife Korsett eines Familiendramas gepresst wird, bis weder vom einen noch vom anderen irgendwas haften bleibt.

Die Erzählung von bitterer Armut, politischem Exil und privater Tragik, denen fünf seiner sieben Kinder vorm Vater zum Opfer fielen, kratzt dabei nicht mal an der Oberfläche dieser beispiellosen Existenz. Gewiss, Unkundige werden einiges über die persönliche Grundierung des Marxismus erfahren. Doch dafür eignet sich jedes Themenheft großer Zeitschriften besser als der Gefühlsquark im Zweiten - so sehr sich das Reenactment auch müht, Marx für die Gegenwart fühlbar zu machen. Über Kapital, Markt und Profitraten der Gegenwart erfährt dagegen mehr, wer parallel zur Arte-Ausstrahlung ins ZDF schaltet. Da läuft die Live-Show von Helene Fischer.

Arte, 28. April, ZDF, 2. Mai, jeweils 20.15 Uhr.

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