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Terror? Ach was: nur Hass auf Frauen!

Wie nennt man es, wenn jemand Menschen umbringt, weil er eine bestimmte Gruppe von diesen hasst? Es kommt - so zynisch muss man das leider sagen - darauf an, welche Menschen von wem und warum für todeswürdig gehalten werden. Geht es um Opfer von Tätern, die sich in einem weltweiten Krieg gegen »Kreuzritter« wähnen und im Tatzusammenhang in fremden Zungen »Gott ist groß« rufen, ist es Terrorismus. In anderen Fällen hingegen ist von Amok die Rede, im Englischen von einem »Shooting«. Oder davon, dass ein politisches Motiv nicht zu erkennen sei.

So wurde hierzulande bei dem jungen Mann, der 2016 in München am fünften Jahrestag des Massakers von Anders Behring Breivik neun Menschen erschoss und fünf verletzte, zwar eine »rechtsextreme Gesinnung« ermittelt. Doch gilt sein Anschlag, der überwiegend migrantische Menschen traf, offiziell wie öffentlich als Tat eines jungen Mannes mit schweren psychischen Problemen. Der glücklicherweise weniger gravierende Anschlag eines anderen jungen Mannes mit schweren psychischen Problemen aber, der wenig später vor einem Festivalgelände in Ansbach eine Bombe zündete, wurde gemeinhin als »Ankunft des Terrors in Deutschland« verhandelt - »Psychowrack« (ARD) hin oder her.

Entsprechend unterschiedlich fallen dann die Reaktionen aus. Bleibt es in Amokfällen bei Betroffenheit, wird Terror stets mindestens mit einer »Debatte« über schärfere Gesetze beantwortet - und wahlpolitisch instrumentalisiert.

Nun scheint sich dieses hässliche Spiel in Kanada zu wiederholen. Der Mann, der im Herbst in Edmonton mit einem Kleinlaster mehrere Menschen niederstreckte, hatte eine IS-Fahne dabei und ist mithin ein Terrorist. Die Tat desjenigen jungen Mannes, der nun in Toronto zehn Menschen totfuhr - überwiegend Frauen -, ist hingegen bereits als »Amokfahrt« rubriziert: Es gebe, heißt es bisher, keine Hinweise auf terroristische Motive. Zugleich wird vermeldet, der Täter habe sich im Internet auf einen »Amoklauf« berufen, bei dem 2014 ein junger Mann sechs Menschen getötet hatte, weil er sich von Frauen pauschal zurückgewiesen fühle.

Obwohl sich beide Täter auf eine »Bewegung« namens »Incel« beriefen - »involuntary celibate«, also »unfreiwillig zölibatär« - und es also trotz Einzeltäterschaft nicht um isolierte Taten geht, wird der »Amok« von Toronto kaum zu einer breiten Patriarchatsdebatte führen. vs

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