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Lob der Tretmühle

Das Dienstfahrrad kommt wieder in Mode - bundesweit dürfte es schon über 200 000 geleaste Exemplare geben

  • Von Alexia Angelopoulou, Stuttgart
  • Lesedauer: 4 Min.

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Ernst schaut der bärtige Mann mit Hut in die Kamera, die Hände auf dem Lenker eines nagelneuen Fahrrads. Auf sein Dienstfahrrad war der junge Robert Bosch so stolz, dass die Fotografie 1890 sogar seine Visitenkarte zierte. Fast 130 Jahre später setzt der Konzern wieder aufs Dienstrad: Seit Februar können die bundesweit rund 100 000 Mitarbeiter von Bosch Fahrräder, Pedelecs und E-Räder günstig über das Unternehmen leasen. Heißt: Das Rad wird über eine bestimmte Zeit gemietet, wobei die bezahlte Miete zum Schluss von dem Preis abgezogen wird, den man für den Kauf des Rades noch bezahlen muss, wenn man es denn kaufen will.

Bosch steht mit diesem Angebot für seine Mitarbeiter nicht alleine da: Längst fahren auch Beschäftigte von SAP, IBM, DHL, Rewe, der Bahn und anderen Unternehmen mit geleasten Rädern zur Arbeit. Bundesweit dürften es mehr als 200 000 geleaste Diensträder geben, schätzt Ulrich Prediger. Der Gründer des Freiburger Leasing-Anbieters JobRad gilt als Pionier der Branche. Zu seinen Kunden gehören nicht nur Großkonzerne, sondern auch tausende kleinere Firmen, darunter Arztpraxen, Werbeagenturen und mittelständische Produktionsbetriebe.

Auf Initiative von Prediger und anderen Mitstreitern weiteten die deutschen Finanzbehörden im Herbst 2012 die Steuervorteile von Autos auch auf Fahrräder, Pedelecs und E-Bikes aus. Das bedeutet, dass Mitarbeiter deutlich günstiger an teure Fahrräder, Pedelecs und Elektro-Räder kommen: Der Arbeitgeber least das Fahrrad, wandelt einen Teil des Bruttogehalts um und bedient damit die Leasingrate. Weil dadurch das zu versteuernde Einkommen sinkt, müssen sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer weniger Abgaben leisten. Am Ende des Leasingvertrags haben die Beschäftigten die Möglichkeit, das Fahrrad zu einem günstigen Gebrauchtpreis zu übernehmen.

Die Unternehmen kostet das Angebot meist nichts - der administrative Aufwand muss aber organisiert werden. Hier kommen Leasing-Firmen wie JobRad, der Münchener Anbieter Company Bike Solutions oder die Kölner Eurorad ins Spiel. Sie organisieren das Leasing über Online-Portale, bringen die Kunden mit Fahrradhändlern zusammen und bieten Dienstleistungen wie Versicherungen und Inspektionen an.

»Ziel ist es, die Administration für den Arbeitgeber so gering wie möglich zu halten«, sagt Ulrich Prediger. Denn den vermeintlichen Aufwand scheuen die meisten Firmen, ist seine Erfahrung: »Viele haben weiterhin Dienstwagen im Kopf, Themen wie Strafzettel, Führerschein- kontrollen, Halterhaftung. Beim Dienstrad ist das alles unendlich viel einfacher. Sobald wir den Arbeitgebern darstellen können, wie gering der Aufwand ist, haben wir sie schnell überzeugt.« Die weiteren Argumente sprechen ohnehin für sich. »Wir wollen einen Beitrag zur Verbesserung der Luftqualität in Städten leisten und die Gesundheit unserer Mitarbeiter fördern«, begründet Bosch-Personalchef Christoph Kübel das neue Angebot. »Fahrradfahren ist gut für Körper und Geist und fördert die Kreativität.« Rund 20 Millionen Berufspendler gebe es in Deutschland, jeder zweite fahre weniger als zehn Kilometer zur Arbeit. Auf solch kurzen Strecken sei das Pedelec im Stadtverkehr das schnellste Verkehrsmittel.

Beim Luft- und Antriebstechnik-Spezialisten ebm-papst am Standort im bayerischen Landshut nutzen mehr als 300 der 1200 Mitarbeiter das Angebot. »Unsere Fahrradständer waren voll, die haben wir schon erweitert«, sagt Personalleiter Kai Gebhardt. Zudem habe man bei einer Umfrage festgestellt, dass die Mitarbeiter motivierter sind, wenn sie etwa mit dem E-Bike zur Arbeit kommen. Das Unternehmen hat für sein Gesundheitsmanagement rund ums Fahrrad viele Aktivitäten etabliert. So nehmen mehr als 150 Kollegen als Team am jährlichen Landshuter Stadtradeln teil, und auf dem Firmengelände werden mit ortsansässigen Fahrradhändlern Testparcours aufgebaut.

Vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) wurde die Firma in Landshut als »fahrradfreundlicher Arbeitgeber« zertifiziert. Der Image-Gewinn durch Dienstfahrräder sei nicht zu unterschätzen, sagt Gebhardt. »Gerade Mittelständler können Dienstfahrräder nutzen, um sich als Arbeitgeber zu profilieren. Wenn man das Thema im Bewerbungsgespräch anschneidet, ist das für manche Bewerber durchaus interessant, weil Fahrräder mittlerweile zu den Lifestyle-Produkten gehören.«

Ein echter Jobmotor sind die Dienstfahrräder für die Leasing-Firmen. JobRad zählt bundesweit über 7500 Arbeitgeber mit mehr als 1,5 Millionen Beschäftigten zu seinen Kunden. Rund 4500 Fahrradhändler gehören dem JobRad-Netzwerk an. In diesem Jahr will Inhaber Ulrich Prediger 60 neue Mitarbeiter einstellen.

Bei Bosch kommt hinzu, dass der Konzern den Mitarbeitern natürlich die eigenen Produkte nahe bringt: Das Unternehmen produziert unter anderem Antriebe, Akkus und Bordcomputer für E-Räder und Pedelecs. Dieser Effekt wäre sicher im Sinne des Firmengründers gewesen, der sein Dienstrad vor 130 Jahren nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen schätzte: Es sparte das Geld für den öffentlichen Nahverkehr, der damals noch von pferdebespannten Straßenbahnen bestritten wurde. dpa/nd

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