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Selbstredendes Dasein

Marx und der Zusammenhang von Sprache, Gesellschaft und Bewusstsein

  • Von Peter Porsch
  • Lesedauer: 7 Min.

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Dass es Marx und noch mehr Engels mit der Sprache und den Sprachen hatten, ist unbestritten. Zu Zeiten des »real existierenden Sozialismus« bemühten sich fleißige Menschen wie einst die mittelalterlichen Mönche, die »Heiligen Schriften« zu durchforsten und alle Belege für die Beschäftigung der beiden mit Sprache zu sammeln und dokumentieren. So entstand im Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED ein schließlich 726 Seiten umfassendes Konvolut zu »Karl Marx/Friedrich Engels. Über Sprache, Stil und Übersetzung« (Heinz Ruschinski und Bruno Retzlaff-Kresse, Berlin 1974).

Marx und Engels beherrschten die klassischen Sprachen Griechisch und Latein, was ihnen bereits in ihren Abiturzeugnissen bescheinigt wird. Engels erweiterte diese Fertigkeit auf etwa 20 Sprachen. Marx bewegte sich ziemlich sicher nebst der deutschen Muttersprache im Englischen, Französischen und Spanischen. Es wird ihm von Zeitgenossen für diese Sprachen grammatische Korrektheit nachgesagt. Es wird ihm freilich auch seine mangelhafte Aussprache vor allem des Spanischen angekreidet. Die Beschäftigung mit der damals die Linguistik beherrschenden Historisch-Vergleichenden Sprachwissenschaft eines Jacob Grimm und anderer ermöglichte ihm zumindest das Lesen in den meisten modernen europäischen Sprachen. Engels hätte mit seinen Ausführungen über Sprachen und Mundarten, hervorgehoben jene über den Fränkischen Dialekt, auch als passabler Sprachhistoriker seiner Zeit gelten können.

Sprache war für Marx (und natürlich auch Engels) »das praktische, für andere Menschen existierende, also auch für mich selbst erst existierende wirkliche Bewußtsein« (Marx/Engels, »Die Deutsche Ideologie«, MEW 3, S. 30). Es war ein gesellschaftliches Bewusstsein. Diese Feststellung führt nun zum vielleicht wichtigsten Marx-Zitat über das Wesen von Sprache: »Die Sprache selbst ist ebenso das Produkt eines Gemeinwesens, wie sie in andrer Hinsicht selbst das Dasein des Gemeinwesens und das selbstredende Dasein desselben.« (Marx, »Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie«, MEW 42, S. 3). Damit ist Sprache in das unbestreitbare wechselseitige Verhältnis mit der Gesellschaft eingebettet: »In dem Akt der Reproduktion selbst ändern sich nicht nur die objektiven Bedingungen … sondern die Produzenten ändern sich, indem sie neue Qualitäten aus sich heraus setzen, sich selbst durch die Produktion entwickeln, umgestalten, neue Kräfte und neue Vorstellungen bilden, neue Verkehrsweisen, neue Bedürfnisse und neue Sprache.« (MEW 3, S. 402)

Sprache erzählt uns in ihrer jeweiligen historischen Ausprägung etwas über die Gesellschaft. Dies geschieht natürlich nicht historisch synchron. Als »selbstredendes Dasein der Gesellschaft«, bekommt Sprache eine eigenständige, von der Entwicklung und dem Entwicklungsstand der Gesellschaft relativ losgelöste Existenz. Ehe sie der gesellschaftlichen Entwicklung folgt, kündet sie auch von vorherigen und überkommenen Zuständen in der Gesellschaft.

Es reflektieren sich also die Kämpfe in der Gesellschaft auch in der Sprache auf der ihr eigentümlichen Weise und bestimmen ihre Veränderung. Insofern kann man ein Stück strukturalistischer, von Ferdinand de Saussure begründeter, methodologischer Festlegung folgen, die »Sprache an und für sich selbst« sei der Gegenstand der Sprachwissenschaft, unabhängig von ihrem Gebrauch. (vgl. F. de Saussure, »Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft«, Berlin 1967, S. 279) Marx kann das jedoch völlig zu Recht nicht genügen. Sprache funktioniert wohl nach ihren eigenen Regeln, sie »lebt« aber in ihrer Verwendung, ist in dieser untrennbar mit Gesellschaft verbunden. Das macht Sprachsoziologie bzw. Soziolinguistik zum notwendigen methodischen Prinzip von Sprachanalyse.

Versuchen wir eine Aktualisierung anhand des derzeit fast fanatisch ausgetragenen Streits um das sogenannte Gendern in der Sprache. Dazu kehren wir zunächst zu Marx und Engels in die »Deutsche Ideologie« zurück. »Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d. h. die Klasse, die die Mittel zur materiellen Produktion zu ihrer Verfügung hat, disponiert damit zugleich über die Mittel zur geistigen Produktion, so daß ihr damit zugleich im Durchschnitt die Gedanken derer, denen die Mittel zur geistigen Produktion abgehen, unterworfen sind.« (MEW 3, S. 46)

Im Sinne des Eingangszitats von der Sprache als praktisches Bewusstsein gilt das eben auch und nicht zuletzt für Sprache. Marx deckt das auf und geht zugleich der Sprache auf den Leim. Marx weiß: »Der gesellschaftliche Fortschritt lässt sich exakt messen an der gesellschaftlichen Stellung des schönen Geschlechts (die hässlichen eingeschlossen).« (Marx an Kugelmann, MEW 32, S. 583) Die nicht einmal unter relativierende Anführungsstriche gestellte Benennung der Frauen als »schönes Geschlecht« lässt ahnen, welche Eigenschaften von Frauen in patriarchalen Gesellschaften relevant waren. Marx erkennt wohl, dass seine Feststellung für die Frauen allgemein gilt, weil er sie auch für die »hässlichen« gelten lässt, genau genommen bräuchte er aber eine »neue« Sprache, um seinen Gedanken explizit auch als kritischen Gedanken für das Überkommene zu kennzeichnen. Gesellschaftlicher Fortschritt, wie er ihn versteht, besteht ja gerade darin, dass Frauen sich von der Bindung an ihr Aussehen befreien und zum Subjekt ihrer Emanzipation werden.

Für eine Gesellschaft, in der das der Fall ist, ist Sprache demnach erst dann das »selbstredende Dasein« derselben, wenn dies unmissverständlich zum Ausdruck kommt. Nehmen wir an, dass aktuell wenigstens der selbstbewusste Kampf von Frauen für ihre Emanzipation charakteristisch für unsere Gesellschaft ist, dann dürfen wir uns wenigstens nicht wundern, dass engagierte Frauen dies auch sprachlich verankert wissen wollen; also eindeutig und ausdrücklich mitgemeint sein wollen, wenn von Personen in der Gesellschaft die Rede ist. Strukturalistische Analyse meint, dies sei durch das sogenannte »generische Maskulinum« ausreichend getan. Das grammatische Maskulinum habe zwei Funktionen: Es drücke das natürlich Männliche aus und zugleich das Allgemein-Menschliche, Funktionen Hervorhebende.

Der in Sprache ausgedrückte gesellschaftliche Zustand verselbstständigt sich als Gedanke davon und nimmt die »Form der Allgemeinheit« an. (vgl. MEW 3, S. 47) Für Sprache an und für sich betrachtet mag das ausreichen und sogar stimmen. Ärztinnen sind dann Bestandteil der Gruppe von »Ärzten«. Der Sprache als »selbstredendes Dasein des Gemeinwesens« wird es heute nicht mehr gerecht. Weil Sprache eben im Gebrauch lebt, stellt man immer wieder fest, sollen Menschen, einen Arzt, einen Lehrer, einen Polizisten, einen Kunden beschreiben, so läuft es in der großen Mehrzahl der Fälle auf die männliche Version hinaus. Erst wenn man nach einer Ärztin, einer Lehrerin, einer Polizistin oder einer Kundin fragt, werden Frauen genannt.

Feministische Linguistik sucht nun im Verein mit »aufgeweckten« Frauen Lösungen. Die fallen von Sprache zu Sprache verschieden aus, weil die Sprachsysteme für die Reflexion des natürlichen Geschlechts unterschiedliche Angebote machen. Das Deutsche bietet verschiedene Möglichkeiten an. Zwei verschiedene Wörter - »Meine Damen und Herren«. Das Splitting - »Studentinnen und Studenten«. Beim Wort »Studentinnen« ist jedoch das Ausgangswort männlich. Weiblich wird es erst durch die Ableitung, was manche schon als diskriminierend empfindet. Hier bietet sich die Substantivierung des Partizips an - »Studierende«.

Die Versuche, eine geschlechtergerechte Sprache zu entwickeln, sind vielfältig. Die Widerstände sind heftig. In die gesetzten Normen der Rechtschreibung wird durch neue Zeichen eingegriffen. Letztlich wird die Sprach- bzw. Kommunikationsgemeinschaft über Brauchbares und Bleibendes entscheiden. Marx ist auch bezüglich der Sprache kein Prophet, sondern wie in allem »nur« Analyst, der uns wohl allgemeine Entwicklungstendenzen aus gegebenen Widersprüchen ableiten, nicht aber die konkrete Gestalt der Ergebnisse vorhersagen kann.

Mit Gewissheit gilt auch für Sprachgeschichte, was Marx gleich zu Beginn seines »Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte« anmerkt: »Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.« (MEW 8, S. 115) Und es gilt für Neues in der Sprache mutatis mutandis, was Marx für eine neu zu lernende Sprache weiß: »So übersetzt der Anfänger, der eine neue Sprache erlernt hat, sie immer zurück in seine Muttersprache, aber den Geist der neuen Sprache hat er sich nur angeeignet, und frei in ihr zu produzieren vermag er nur, sobald er sich ohne Rückerinnerung in ihr bewegt und die ihm angestammte Sprache in ihr vergißt.«

Prof. Dr. Peter Porsch, 1944 in Wien geboren, studierte Germanistik zunächst an der Universität seiner Geburtsstadt und ab 1968 an der FU Berlin. 1973 übersiedelte er in die DDR und lehrte an der Karl-Marx-Universität in Leipzig Linguistik; 1997 bis 2001 war er Vorsitzender der PDS in Sachsen. Porsch ist Vorsitzender der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen.

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