Werbung
  • Kultur
  • "Endstation Sehnsucht"

Hinter den Stirnen Krieg

Michael Thalheimer inszenierte am Berliner Ensemble Tennessee Williams Stück »Endstation Sehnsucht«.

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Der Thriller liebt das: Ladeflächen von Lastkraftwagen sehr weit nach hinten über eine Klippe hängen zu lassen - die Todeswippe. Die Bühne des Berliner Ensembles ist von einer rostfarbenen Wand barrikadiert, dahinein gefräst, von rechts oben scharf schräg nach unten, ein enger niedriger Schacht. Ähnelnd jener erwähnten Todeswippe. Wer sich hier bewegt, riskiert den Absturz der gesamten Ladefläche. Leben ins All, ins Nichts. Nur ins All - das Nichts ist schon da. Es ist das, was sich Leben nennt.

Olaf Altmanns Bühne ist wahrlich eine erschreckende Steilvorlage für Schauspieler. Mühsam krauchen, gnadenlos rutschen, gebückt gehen - die blanke Architektortur. Wer sich aufrecht halten will, muss sich oben an die Decke klammern und sieht aus, als stehe er mit erhobenen Armen vor einem Erschießungskommando. Wer hier ein Mensch sein soll, ist schon erschossen.

Michael Thalheimer inszenierte »Endstation Sehnsucht« von Tennessee Williams. Blanche Du Bois besucht ihre Schwester Stella, schwangere Frau des polnischen Einwanderers Stanley Kowalski. Den nennt sie einen »Polacken«, und er wird sie zermürben, knallschnell vergewaltigen, in ihrer Vergangenheit wühlen, wie er in ihrem Koffer wühlt: billiger Strass, alte Liebesbriefe, läppische Pelze - die liegen herum wie Felle, die einem Menschen weggeschwommen sind.

Und so ist Blanche bald nicht mehr jene Halbmondäne einer selbstbestimmten Lebensart, als die sie auftritt, sondern sie wird erkannt als hinausgeworfene Lehrerin, als Versunkene in Halbwelthotels, aus ihrer Kleinstadt vertrieben als Verführerin eines Sechzehnjährigen. Die eingebildet Luftige landet, dem Mief entflohen, im Mief. Mief ist dick wie ein Kissen, das erstickt. Blanche erfindet ihr Leben immer tolldreister, gequält vom gnadenlos kalten Stanley; sie endet im Wahnsinn.

Thalheimer saugt dem Stück den US-amerikanischen Süden aus. Er schneidet die Szenen mit kalt wechselndem Licht, das hat etwas Stahlhartes, Sargfinsteres, dazwischen der Kitsch von buntfarbenen Spots - Kurzmeldungen von der Illusionsmaschine, von der die Leute dieser lädierten Welt genährt und genarrt werden.

Thalheimer zeigt Versehrte, die verzweifelt und blind-wütig gegen die eigene Erfahrung Trapez und Tanz spielen. Er erzählt nicht jenes Einwandererdrama des Kowalski, das sich mit der Aus-Flucht-Tragödie der Blanche melancholisch-bitter und erotisch kreuzt; er erzählt schmerzend kompromisslos: Nirgends ist ausgemacht, dass die Dinge gut ausgehen zwischen den Menschen.

Was denn, jeder Morgen wird Tag? Und ein Horizont zeigt sich immer? Also soll man Anlauf nehmen? Blanche nimmt diesen Anlauf, sie springt so weit wie möglich: in den Kreis der Familie, dies andere Wort für Kraterschlund. Wie nur soll man springen auf dieser Ladefläche am Abhang? Nur dies ist möglich: Kleben an der Wand, Kauern ganz unten. Aufstieg ist Buckeln.

Der Stanley des Andreas Döhler steht pflockig, hockt wie ein frech provokanter Scheißer. Döhler spielt das groß: jenen Stumpfsinn, der Menschen aufknackt, sodass ihnen die bebenden Träume vom schöneren Leben auslaufen wie Blut; dieser Stumpfsinn ist stark, er macht einen Menschen zum Seelenmörder jedes anderen, der wenigstens noch die letzte Kraft hat, sich wegzuträumen aus dem Unterschichten-Elend. Ein lauernder Glotzer, mit Armmuskeln bis ins Hirn; Hände und Füße immer im Zertrümmerungsdienst gegen die eigene Frau. Sina Martens Stella: ein müder weiblicher Gebrauchsgegenstand Stanleys, sie scheint stets bei sich selber um Gnade zu bitten, um nicht vor Selbstekel den eigenen Charakter anzuspucken.

Großartig Cordelia Wege als Blanche: im weißen taillierten Galakleid, wie eine Braut ohne Hochzeit. Als wolle alles Versagen weiß bleiben wie die Unschuld, hier, in dieser proletischen Derbheit und Fummel-Kultur, deren Geschmacklosigkeit von außen nach innen wächst (Kostüme: Nehle Balkhausen). Blanche als Diven-Double, das dir mit seiner vibrierenden, fiebernden Energie, als Mensch legitimiert zu sein, ans Herz geht. Cordelia Wege setzt ihre Blanche unter einen unablässigen Druck, sie will wahrgenommen werden und hofft verzweifelt stur, alle Wahrheit werde ihr genommen.

Ein Mensch, dessen Finger schwirren wie Girlandenfäden im Wind, deren Arme ins Wesenlose greifen - als könne sie im Käfig ihrer Seele Weltumsegelung spielen. Mit jedem Wort, jedem Lächeln, jedem Schrei, jedem Schritt verfehlt diese Blanche haarscharf die Wirklichkeit, die gerade an der Tagesordnung ist - und immer ist Krieg an der Tagesordnung; unter Tränen lachend, unter Lachen weinend schwärmt sie hinein in jeden Schlag, der gegen sie zielt.

Peter Moltzen spielt bezwingend den verhuschten, verhemmten Mutter-Sohn Mitch, der sich an Blanche versucht - arme Kreatur findet zu armer Kreatur. Aber schließlich siegt bei Mitch jener muffig-ängstliche Scheinanstand, der sich feige abwendet vom Nervenriss eines doch fast schon geliebten Wesens. Und der sich in Gewalt entlädt. Ein durchfettet Glibbriger - damit geschlagen, dass sogar er ein Herz hat, ein frierendes Herz im Kühlschrank seines Fühlvermögens. Moltzen spielt das gespenstisch starr, aber auch mit tieftrauriger Ergebenheit vor diesem Leiden.

Da stehen, stauchen, steigen, stolpern sie nun, diese Durchtriebenen, aber auch Getriebene durch und durch; die eben noch Herumschreienden sind selber Weidwunde: Halte dich auf diesem abschüssigen Gelände, wo du bist, und sei es durch den Starrkrampf der Angst. Das Fiese dieser Fressen hat immer auch etwas Flehendes, Scheues, Hilfloses. In jedem da auf der Bühne putzt sich eine Tyrannei heraus, doch jeder dieser Furchtbaren ist auch ein furchtbar Einsamer.

Am Schluss, wenn Blanche in die Psychiatrie geholt wird, hat sie sich das Gesicht mit Lippenstiftchaos zermalt. Da ist er noch einmal: der Traum, ganz anders zu sein. Die Maske als große Leistung. Masken retten die Welt. Mit ihnen lügen wir Freundlichkeit, wo wir doch zuschlagen möchten; wir bewahren Anstand, wo wir unanständig denken; wir reden anhimmelnd dort, wo wir die Hölle hinwünschen. Oder selber schon Hölle sind. So tun wir täglich sehr gemäßigt - doch hinter den Stirnen tobt Krieg.

Kein Sozialdrama, keine Underdog-Demo, schon gar kein feministisches Aktualitätshecheln. Sondern: existenzieller Stundenschlag, der sich an eine Immerzeit anschließt. Jederzeit ist die Welt Aufeinanderknall von Welten, die sich nicht vereinigen lassen. Oben, unten; draußen, drinnen; stark und schwach; fest und weich. Das ist das Bittere, Böse, Beißende dieses dunklen Theater-Triumphes. So fern, so nah, dieses Leute-Schreckenspanorama - das ist Thalheimers Dialektik. Sie überzeugt einmal mehr: des Regisseurs Mischung von präziser Psychologie und pantomimischen Piktogrammen. Ein Abend der grausamen Grobzeichnung wie der ebenso grausamen Feinskizze - nicht: eines trotz des anderen, sondern eines im anderen. Ja, mit der Knochensäge ans Stück, und dessen Seele schreit.

Das Tödliche an einem schlimmen Leben besteht darin, nicht rechtzeitig gestorben zu sein - so klemmt Blanche ganz unten in der Ecke des schrägen, engen Kerkers, und in einer rotzig-samtenen Wiederholungsschleife, bis lange ins Dunkel dieses Schlussbildes hinein, röhrt Stanley: »Ist doch gut! Ist doch alles gut!« Es tut weh.

Nächste Vorstellungen: 30. April, 1., 11., 12. Mai

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen