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Job, Vorlesung, Zweitjob

Wenn Wohnungssuche, Prüfungsamt und und der Gelderwerb zu Feinden der Studenten werden

  • Von Felix von Rautenberg
  • Lesedauer: 9 Min.

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»Zu Hause in Göttingen zu bleiben, wäre für mich keine Wahl gewesen«, sagt Roman Garczynski im Foyer der Rost- und Silberlaube, einem Gebäude der Freien Universität Berlin. Dort studiert der 24-Jährige Geschichte und Deutsche Philologie, um Gymnasiallehrer zu werden.

Auf die Frage, warum er zum Studieren nach Berlin gezogen ist, wo er doch aus einer Universitätsstadt stammt, antwortet der Masterstudent: »In Niedersachsen gab es 2013 noch Studiengebühren.« Diese Gebühren beliefen sich damals auf rund 500 Euro pro Halbjahr. Zuzüglich der Semestergebühren, die an jeder deutschen Universität für die Lehre, die Studentenräte oder die Fahrkarten der Immatrikulierten anfallen, hätte ihn ein Semester in Göttingen rund 700 Euro gekostet. »Rechne ich dazu noch die Wohnungskosten und das Kostgeld, ist das für mich unbezahlbar«, sagt der Student.

Seit 2013, als sich Roman für ein Studium entschied, wurde die Abschaffung der Studiengebühren immer wieder von der rot-grünen Landesregierung Niedersachsens diskutiert. Abgeschafft wurden die Gebühren erst im Wintersemester 2014/2015. »Doch niemand kann die Zukunft deuten. Die Finanzierung meines Studiums in Göttingen wäre 2013 echt schwierig geworden«, so der Student. Laut Roman sei an einen Auszug aus dem Elternhaus nicht zu denken gewesen, »denn dann hätte ich Probleme mit meinem Anspruch auf BAföG (Bundes-Ausbildungsförderungs-Gesetz) gehabt. Das Amt hätte im Zweifelsfall gesagt, dass ich ja zu Hause bei meinen Eltern hätte wohnen können, wenn ich in Göttingen studiere.«

Bei einem Studium gehe es außerdem darum, sich von zu Hause zu emanzipieren und eigene Wege zu gehen, meint der Masterstudent, den seine Eltern heute über das Kindergeld hinaus nicht weiter finanzieren können. »Meine Eltern müssen meine Schwestern finanziell unterstützen, doch was noch viel mehr ins Geld geht, ist die Pflege eines unserer Familienmitglieder«, sagt Roman. Er entschied sich deshalb für ein Lehramtsstudium an der Universität Erfurt, denn dort seien die Mieten noch »halbwegs überschaubar«.

Roman fand seine Erfurter Wohnungen über eine Zeitungsannonce. Als »Ersti«, wie man Erstsemesterstudierende auch bezeichnet, »war das Leben für mich als Student in Erfurt super entspannt«, sagt Roman. Für ihn glückte der Semesterstart ins Bachelorstudium. An der vergleichsweise kleinen Universität Erfurt halfen Tutoren aus höheren Semestern den »Erstis« bei der Einwahl ihrer Kurse, führten sie durch die Bibliothek, unterstützen sie bei der Literaturrecherche und halfen bei sonstigen Belangen des Studiums, wie Roman weiter berichtet. Er erklärt: »Anders als bei einer großen Universität war man in Erfurt nicht nur eine Nummer auf dem Zettel. Die Dozenten haben einen auf dem Campus gegrüßt.«

Die Wohnung, einen kurzen Fußweg von der Universität entfernt, kostete bei 52 Quadratmetern 480 Euro Warmmiete, die sich Roman mit seiner Freundin teilte. Am Anfang bekam er 150 Euro BAföG, das später auf 112 Euro gekürzt wurde. Zusammen mit dem Kindergeld und den 210 Euro, die ihm seine Eltern damals noch zahlten, konnte er nach eigener Aussage trotz der Abzüge gut leben. »Im Vergleich zu mir bekam meine Schwester jedoch nur 43 Euro BAföG. Das reicht vorne und hinten nicht. Mittlerweile bekommt sie 93 Euro. Warum sie weniger BAföG als ich bekommt, hat uns das Amt nie mitgeteilt«, sagt der Student.

Auf die Frage, ob sich eine kleine oder eine große Universität besser für ein Studium eignet, erklärt er: »Das Studium in Erfurt unterschied sich deutlich von dem in Berlin. Allein in den ersten beiden Semestern habe ich vier Hausarbeiten geschrieben. In Berlin treffe ich dagegen Kommilitonen, die nach sechs Semestern immer noch nicht wissen, wie sie ihre Hausarbeiten strukturieren sollen.« Roman zufolge liegt das jedoch nicht am Mythos vom faulen Studenten: »An einer großen Universität nimmt dich niemand an die Hand und erklärt dir wissenschaftliches Arbeiten. Hier werden die meisten Prüfungsleistungen durch Klausuren erbracht. Als Jungstudent bist du dann weitestgehend auf dich allein gestellt, wenn du mal eine Hausarbeit schreiben musst.«

Während seine Erfurter Kommilitonen in den Semesterferien durch Bars zogen und Praktika absolvierten, verschlug es Roman zum Arbeiten in eine Fabrik: »Ich wollte mein Studium von Anfang an richtig wahrnehmen und auch mal Vorlesungen besuchen, die nicht auf meinem Stundenplan standen. In der vorlesungsfreien Zeit bin ich dann immer morgens um sechs zur Firma gefahren und wenn ich am Abend nach Hause gekommen bin, habe ich mich an meinen Laptop gesetzt und Hausarbeiten getippt.«

Roman brauchte das Geld, da er sich trotz seiner erfolgreichen Studienkariere nicht immer auf die BAföG-Zahlungen verlassen konnte: »Die Dozenten haben sich leider immer viel Zeit für die Korrektur der Hausarbeiten gelassen. Wenn man BAföG bezieht, muss man nachweisen, dass man in einem Semester mindestens 30 Leistungspunkte geschafft hat. Wenn die Hausarbeiten nicht korrigiert werden und man seine Leistungspunkte nicht bekommt, sitzt man finanziell auf dem Trocknenden«, so der Student, der in den Ferien Überstunden anhäufte, um seine Miete und den Semesterbeitrag für die kommenden Monate bezahlen zu können.

Neben solch existenziellen Herausforderungen gab es für ihn ein weiteres Problem: Roman wollte Gymnasiallehrer werden. Die Studienordnung der Universität Erfurt sah das jedoch nicht vor und bot lediglich einen Abschluss im Regelschullehramt an. »Für meinen Master hätte ich nicht einmal von Erfurt nach Jena wechseln können, um Gymnasiallehrer zu werden. Die haben da nämlich das Staatsexamen und hätten mir nichts angerechnet, obwohl ich eigentlich das Gleiche im gleichen Bundesland studiert habe. Die Bezeichnung ist einfach nur eine andere.«

Zahlen und Fakten

53 Prozent von mehr als 18 000 befragten Studenten gaben in einer Untersuchung der Universitäten Hohenheim und Potsdam an, dass sie unter hohem Stress leiden.

24 Prozent der Studierenden haben im Monat weniger als 400 Euro zur Verfügung. Das ergab eine Umfrage des Wohnungsportals uniplaces.de unter mehr als 1000 Personen. 55 Prozent haben demnach bis zu 600 Euro, 12 Prozent zwischen 800 und 1000 Euro. Lediglich 9 Prozent haben mehr als 1000 Euro monatliche Einkünfte.

Die BAföG-Bedarfssätze für Studenten sind laut einer Studie für das Deutsche Studentenwerk (DSW) vom Sommer 2017 zu niedrig. Die Sätze deckten die tatsächlichen Kosten der Studierenden nur in begrenztem Umfang ab.

69 Prozent der Studierenden arbeiten laut einer Umfragen vom letzten Jahr neben der Uni noch. Von ihnen kommen 41 Prozent auf eine Wochenarbeitszeit von 5 bis 10 Stunden und 37 Prozent auf eine von 11 bis 20 Stunden. Sechs Prozent müssen sogar mehr als 20 Stunden in der Woche jobben. Ein Großteil der Studierenden fühlt sich vollkommen ausgelastet ist. 18 Prozent sprachen sogar von Überlastung.

Um das Malheur mit der Studienordnung zu umgehen, wechselte Roman im fünften Semester nach Berlin. »Hier ist nicht nur der Abschluss besser, weil ich Gymnasiallehrer werden kann, sondern die Lehre ist auch viel praxisorientierter. Die bieten hier auch das Modul ›Deutsch als Fremdsprache‹ an, damit man Geflüchtete unterrichten kann. Die Pädagogik- und Didaktikvorlesungen sind an Praxisseminare geknüpft. Inhaltlich ist das ein himmelweiter Unterschied zu Erfurt.«

Heute wohnt Roman mit seiner Freundin im Berliner Stadtteil Wedding. Seine Sozialwohnung wird vom Land Berlin bezuschusst. Für 66 Quadratmeter zahlen die beiden 660 Euro kalt. »Und das ist noch ein echter Glücksgriff für Berlin. Allein könnte ich mir die Wohnung nicht leisten. Mein Vermieter hat uns schon gesagt, dass er den Preis an den Mietspiegel anpassen wird, wenn die Wohnung nicht mehr bezuschusst wird«, erklärt Roman. Das Studentenwohnheim wäre für ihn keine Alternative gewesen, »weil die Miete in so einem Heim auch schnell mal 450 Euro beträgt«.

Trotz der für ihn vergleichsweise erschwinglichen Wohnung ist es für Roman finanziell schwierig. »Mit dem Wechsel an die Freie Universität war ich der Willkür der Prüfungsämter ausgesetzt. Die rechnen einem gewisse Seminare nicht an und sagen, dass man diese noch mal belegen muss, obwohl die Inhalte ähnlich sind«, erklärt Roman. Er musste sein Studium um zwei Semester verlängern, weil manche Lehrveranstaltungen nur alle zwei Semester angeboten werden.

Da er so das sechste Fachsemester überschritt, endete sein BAföG-Anspruch. Dazu erklärt Roman: »Das Perfide ist, dass die mir mal in einem Prüfungsbüro gesagt haben, dass es nicht vorgesehen ist, als Student neben dem Studium zu arbeiten. Mit dem Ende des BAföG weißt du auf einmal nicht mehr, wie du deine Miete bezahlen kannst. Ich habe dann den erstbesten Job genommen, der sich gefunden hat, und eine Zeit lang Nachtschichten für Mindestlohn in einer Brötchenfabrik geschoben. Das war der reine Stress, denn die Anfahrtszeit betrug über zwei Stunden.«

In Berlin muss Roman noch mehr Geld zurücklegen. Die Semesterbeiträge sparen er und seine Freundin sich über die Monate zusammen: »Ich kann mir nicht einfach die Bücher bestellen, die ich für mein Studium gerne lesen will. Wir leben oft von der Hand in den Mund. Das funktioniert immer so lange, bis eine außerplanmäßige Nachzahlung für Strom dazwischenkommt.«

Wie er schildert, wurde seiner Freundin zwischenzeitlich ebenfalls das BAföG gestrichen, »da sie erst nachweisen musste, dass eines ihrer Geschwisterkinder noch zur Schule geht. Man wundert sich also, warum man kein Geld bekommt und hat erst einen Monat später das Schreiben im Briefkasten. Dann darf man die Schulbescheinigung seiner Geschwister einfordern. Wenn die Schule aber wegen der Ferien geschlossen ist, hat man ein verdammtes Problem, seine Miete zu bezahlen.«

Um seine finanzielle Lage zu verbessern und sich weiter abzusichern, arbeitet Roman nun auch als Deutschlehrer für einen privaten Träger und unterrichtet Geflüchtete. »Finanziell geht es mir durch die zwei Jobs schon besser. Ich gehe morgens arbeiten, fahre dann in die Uni und am Wochenende geht es für mich manchmal noch in die Lagerhalle, wo ich Geschirr reinige.« Doch die zwei Jobs reichen nicht, um sein Studium zu finanzieren. Roman sagt: »Ich habe deshalb Anfang des Jahres einen Bildungskredit in Höhe von 7200 Euro aufgenommen. Da bekomme ich jeden Monat 300 Euro ausgezahlt. Das nimmt mir ein bisschen den Stress den ich zwischen Arbeit, Vorträgen, Prüfungen und Anwesenheitspflicht habe.«

Auf die Frage, ob er seinen Universitätswechsel bereut, sagt er: »In Berlin ist das Studieren weitaus stressiger. Die Anfahrtszeit ist länger, die Organisation des Studiums ist viel komplexer und die Lebenskosten sind hier viel höher. Anders als in Erfurt wähle ich meine Kurse nach Zeit, die ich für mein Studium freiräumen kann, und nicht wegen der Inhalte oder wegen guter Dozenten. Und ich bin noch nicht mal einer derjenigen, die es am härtesten trifft.«

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