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Mensch, Maschine und Macht

Auf der Re:Publica geht es um Internetpolitik und den »netzfesten« Bürger

  • Von Moritz Wichmann
  • Lesedauer: 7 Min.

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Die Internetmesse Re:Publica steht für Internetpopkultur, Aktivismus und das Weiterdenken über die digitale Zukunft. Wohl keine steht dafür so sehr wie die Whistleblowerin Chelsea Manning. Sie ist der Stargast der diesjährigen Internetkonferenz. Die ehemalige IT-Spezialistin der US-Armee war wegen der Übergabe von Videos und Dokumenten an die Enthüllungsplattform Wikileaks zu 35 Jahren Haft verurteilt und später von Obama vorzeitig entlassen worden. Auf der Re:Publica wird die erst vor einem Jahr aus dem Gefängnis entlassene Aktivistin über Hippies und das Silicon Valley, die sozialen und ökonomischen Folgen künstlicher Intelligenz reden - und auch über die gesellschaftliche Verantwortung von Programmierern, zivilen Ungehorsam und »unkontrollierte Staatsgewalt«.

Aktuell will sie für den US-Bundesstaat Maryland bei den Kongresswahlen im November in den US-Senat einziehen. Ihr Programm: Offene Grenzen, eine Gesundheitsversorgung für alle, ein bedingungsloses Grundeinkommen und eine Stärkung der Gewerkschaften - und natürlich die Auflösung des »Polizeistaates«, das Ende von Massenüberwachung und eine Auflösung des militärisch-industriellen Komplexes aus Waffenfirmen und Regierung. Laut einer Umfrage unter Wählern in dem Mini-Bundesstaat würden 17 Prozent der Wähler für die Transfrau stimmen. Manning sei die »berühmteste Whistleblowerin unserer Generation« und stehe für den Mut durch eigenen Einsatz Missstände an die Öffentlichkeit zu bringen und dafür auch Opfer zu bringen, sagt Re:Publica-Gründer und netzpolitik.org-Redakteur Markus Beckedahl dem »nd«.

Menschen und Killerroboter

Doch Manning, die auf Twitter jede Botschaft mit Herzchen und Regenbogen versieht, ist nur die prominenteste Vertreterin des zentralen Themas der Konferenz. »Pop« ist das Motto der diesjährigen Re:Publica. Das stehe für »Power to the People«, sagen die Organisatoren. Während Manning in der Vergangenheit Details zum asymmetrischen Krieg der US-Streitkräfte bekannt machte, geht es bei vielen Vorträgen um die Macht von Algorithmen und Künstlicher Intelligenz (KI), etwa bei autonomen Waffensystemen. Die werden gerade von mehreren Staaten entwickelt und könnten schon bald zum Einsatz kommen. Sollten wir die Kriegsführung tatsächlich Killerrobotern überlassen? Können sie, ähnlich wie bei den Abrüstungsverträgen der Vergangenheit, zumindest reguliert werden? Derzeit versucht eine Gruppe von Staaten ein UN-Abkommen über tödliche autonome Waffensystem zu erreichen. Einblicke in diesen Prozess soll unter anderem eine Vertreterin des Auswärtigen Amtes geben.

In anderen Vorträgen geht es um die rechtliche Verantwortung: über Roboter, die sich »daneben benehmen« und über die Frage, wer verantwortlich ist, wenn - wie vor zwei Wochen im US-Bundesstaat Arizona geschehen - ein selbstfahrendes Auto einen tödlichen Unfall verursacht. Auch die Frage der Transparenz von Algorithmen und Diskriminierung durch automatisierte Software wird diskutiert. Weitere Themen: Algorithmen in der Arbeitswelt und die Überwachung der neuen »Plattform«-Arbeiter bei dem Fahrdienst Uber und dem Onlineversandhändler Amazon, wie Computer unsere Medizin besser machen, wie die Künstliche Intelligenz künftig Pop-Musik produziert und wie Mensch und Maschine in Zukunft verschmelzen könnten.

Internet-Politik praktisch

Behandelt werden aber auch ganz praktische Themen, etwa wie man einer Auskunftsanfrage erfährt, welche Daten über die eigene Person in Polizeidatenbanken gespeichert sind, wie durch ein Mitmach-Projekt untersucht wird, ob die Schufa bei der Berechnung ihres Kreditscores diskriminiert und wie viel Zensur oder Vorgehen gegen »Hassrede« im Internet die ersten vier Monate des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes (NetzDG) tatsächlich gebracht haben. Und dann geht es auch noch um Blockchain, Start-Ups in der Finanzwelt (FinTech), die digitalen »Intelligenten Städte« der Zukunft, 3D-Druck in der Notfallmedizin, virtuelle Realitäten - die Re:Publica ist immer auch ein buntes Pottpurri an utopistischen Entwürfen, konkretem Ausprobieren und theoretischem Philosophieren in Workshops, ein buntes Gewusel der Vernetzung und des Austausches.

Von 700 Teilnehmern im Gründungsjahr 2007 auf über 9000 im vergangenen Jahr: die Re:Publica ist groß geworden. Dieses Jahr bietet die Internetmesse 19 Bühnen, 300 Diskussionsrunden und 600 Vortragende. Das sind hauptsächlich Programmierer, Wissenschaftler, Netzaktivisten und Vertreter progressiver Nichtregierungsorganisationen, aber auch prominenten Journalisten und Autoren sowie Politiker. Dieses Jahr erzählt der Blogger Richard Gutjahr, von seiner langwierigen und frustrierenden juristischen Auseinandersetzung mit »Trollen« im Netz, die ihn und seine Familie beleidigten. Der Erschaffer des kommunistischen Kängurus Marc Uwe-Kling wird über »digitale Selbstverteidigung« in Zeiten von Massenüberwachung, Staatstrojaner und der Aufzeichnung des Surfverhaltens im Internet reden.

Doch nicht nur weiße Männer und die sprichwörtlichen »Computernerds« halten Workshops, sondern auch viele Frauen. Im vergangenen Jahr seien 47 Prozent der Vortragenden Frauen gewesen und etwa 15 Prozent People of Color, erklärt Re:Publica Programmdirektorin Jeannine Koch. Aus dem globalen Süden stammen etwa der erneuerbare Energien und Tech-Unternehmer Jorge Appiah aus Ghana oder der Social-Media-Aktivist John Bior Ajang Garang aus dem Südsudan. Man bemüht sich aktiv um Vielfältigkeit, nicht nur im Programm.

Telekom und Vodafone sagen ab

Während sich letztes Jahr Innenminister Thomas de Maizière den kritischen Fragen von Moderatoren und Publikum stellte, wird dieses Jahr Justizministerin Katarina Barley zu Gast sein. Sie soll zu digitalen Freiheitsrechen und der Digitalisierungspolitik der Großen Koalition diskutieren. Prominente Unions-Politiker, die als Minister für die digitale Infrastruktur zuständig sind wie die Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär oder zum Thema arbeiten, wie der netzpolitische Sprecher der Partei Thomas Jarzombek fanden keine Zeit. Stattdessen schickt die Union nun Bildungsministerin Anja Karliczek und Entwicklungsminister Gerd Müller.

Ebenfalls keine Zeit fanden die zwei Internetprovider Telekom und Vodafone. Diese hatten die Re:Publica-Macher zu einer Diskussion über Netzneutralität eingeladen. Die beiden Konzerne hätten wohl »kein Interesse, sich der Diskussion zu stellen und wollen mit ihren Tarifen Fakten schaffen«, meint Re:Publica-Gründer Beckedahl. Andere Vertreter großer Konzerne nutzen die Re:Publica dagegen als Bühne und sind mit Ständen präsent. Sie diskutieren mit über die Regulierung von Internetunternehmen, wie etwa Google oder stellen ihre Zukunftsforschung vor, wie im Falle von DaimlerChrysler. Auf der Messe können die multinationalen Unternehmen auch den »Internetnerds« in deren sozialen Biotop näherkommen und vielleicht den ein oder anderen der derzeit viel gesuchten Programmierer und Datenwissenschaftler für sich begeistern.

Letztes Jahr trat Mercedes Benz als Großsponsor auf, dieses Mal ist es die Versandhauskette Otto Group. Die macht mittlerweile ein Großteil ihres Umsatzes online. Man wolle Otto als »attraktiven Arbeitgeber präsentieren« und suche auf MINT-Fächer spezialisierte Frauen, erklärt Isabella Grindel aus der Personalabteilung des Versandhändlers gegenüber »nd«. Das Konzern-Sponsoring sei »ein Spagat« sagt hingegen Beckedahl. Einerseits arbeite ein Teil des Publikums in Unternehmen und wünsche mehr Firmenpräsenz, andererseits sei ein Teil der Besucher »unternehmenskritisch«. Um nicht die Eintrittspreise erhöhen zu müssen, setze man zur Querfinanzierung auf ein »knapp gehaltenes und klar gekennzeichnetes« Sponsoring.

Bürger »netzfest« machen

Das Thema Digitalisierung sei mittlerweile »im Mainstream angekommen«, erklärt Re:Publica Programmdirektorin Jeannine Koch im Interview mit dem Onlineportal »futurezone«. Das Konferenzmotto stehe also auch für Popularität. Koch selbst schrieb vor Jahren ihre Diplomarbeit zum Umgang mit privaten Daten auf Facebook. Heute benötige man »schon erweiterte Kenntnisse, um sich durch den Dschungel der Dateneinstellungen bei Facebook zu kämpfen«, sagt Koch. Sie wünscht sich eine informierte und souveräne Entscheidung der Bürger darüber was geteilt wird: Datensouveränität.

Seit Beginn des Cambridge Analytica-Skandals über die Verwendung der Profildaten von Millionen Facebook-Nutzern für den digitalen Wahlkampf von Donald Trump diskutiert immerhin eine breite Öffentlichkeit über den Umgang mit Daten bei Facebook. Auch die Re:Publica greift die aktuelle Kontroverse auf. Fünf Vorträge behandeln das Thema. Das Pop-Motto der Konferenz steht - in Anlehnung an das englische Verb »to pop« - auch für das Zerplatzen der Internet- und Digitalisierungseuphorie früherer Tage. Oder für Populismus und den schmutzigen Wahlkampf im Internet.

Weil Internetthemen mittlerweile nicht nur das Fachpublikum und Spezialisten interessieren, öffnet sich die Messe dieses Jahr auch bewusst für die Öffentlichkeit mit dem »Netzfest«. Mit Live-Musik und Rahmenprogramm »für die ganze Familie« soll der Durchschnittsbürger mit interaktiven Workshops und Vorträgen mit »digitalem Grundwissen« ausgestattet und so »netzfest« gemacht werden. Am 5. Mai sollen im Park am Gleisdreieck so auch komplexe digitale Themen für jeden verständlich erklärt werden.

www.re-publica.com

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