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Zum Glück nur eine Amokfahrt!

Der Anschlag von Toronto war ein terroristischer Akt, der nur aus Kulanz so nicht bezeichnet wurde

  • Von Roberto De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

Für einen Augenblick hielten wir vergangene Woche mal wieder die Luft an. Nachdem eine Person mit einem Lieferwagen in eine Menschenmenge raste, schauten wir wie gebannt auf die Ereignisse, die sich auf der anderen Seite des Atlantiks zutrugen. Doch zum Glück gab es Entwarnung. Obgleich zehn Tote und 15 Verletzte zu notieren waren, wurde schnell deutlich: So schlimm wie gedacht, war die ganze Angelegenheit gar nicht - denn es war kein Terroranschlag. Gottlob handelte es sich bloß um eine Amokfahrt! Sicher, auch der ist tragisch. Aber halt eine Nummer unbedeutender als die Tat eines fanatisch Gläubigen.

Die Einteilung in Amoklauf oder »terroristischer Anschlag« ist eines der großen Themen, wenn jemand durch Gewaltausübung Menschen verletzt oder tötet. Man geht der Frage nach, in welcher Liga ein solcher Akt einzuordnen ist. Wer – wie vor anderthalb Jahren auf dem Berliner Weihnachtsmarkt – in eine Menschenmenge rast, Muslim ist und Asylsuchender, der hat demnach einen Terroranschlag verübt. Dasselbe kürzlich in Toronto, ausgeführt von jemanden ohne diese Kennzahlen seiner Herkunft, führt allerdings dazu, dass man von einer Amoktat spricht. Schießen Männer unter den Rufen eines mächtigen Gottes gezielt in eine Menschenmenge, wie seinerzeit in Paris, so ist das Terror. Schießt einer aus dem Hotelzimmer eines Hotels in Las Vegas gezielt in eine (noch viel größere) Menschenmenge, attestiert man ihm psychische Probleme.

Die Grenzziehung erscheint also recht willkürlich. Oder trefflicher gesagt: vorurteilsbeladen. Die Herkunft des Täters definiert die Handlung, markiert die eigentlichen Absichten des Gewaltausübenden. Die Wahl der Begriffe ist dabei keine Randnotiz, denn ob eine Tat als »Terroranschlag« oder »Amoklauf« in die Chronik eingeht, macht einen inhaltlichen Unterschied. Wenn wir uns nämlich einen Terroristen vorstellen, sehen wir jemanden bewusst an sein Werk gehen, er bereitet vor und plant. Einen Amokläufer sehen wir anders. Bei dem Begriff konnotieren wir bereitwilliger, dass es sich um einen Verirrten handelt, um ein Opfer seiner geistigen Gesundheit, eine getriebene Seele.

Diese Assoziationen müssen in beiden Fällen nicht zwangsläufig zutreffen. Aber Begriffe formen das Bewusstsein – und so ist die Auswahl des Begriffes zur Einordnung einer Tat mehr als nur ein sprachlicher Verwaltungsakt. Es handelt sich um eine Sprachregelung, die man überspitzt als erweiterten Deutungsterrorismus bezeichnen könnte. Denn sie verschleiert einerseits und baut andererseits auf islamophobe Vorurteile auf. Wer sagt denn, dass ein islamistischer Terrorist, der sich über Monate mit Propaganda berieseln ließ, sich in seiner IS-Bubble bewegte, nicht auch mentale Probleme hatte, noch bevor er in dieses Milieu stieß? Vieles spricht dafür, dass es gerade Menschen in einer solchen psychischen Verfassung sind, die für die PR der Terroreinheiten offen sind. Andersherum hat auch ein Amokfahrer, der in einen Pulk aus Menschen rast, gewisse Planungen im Vorfeld angestellt.

Auch ein Amoklauf verbreitet Terror. Und der Terrorismus wirkt zuweilen wie ein Amoklauf. Die Übergänge sind fließend. Außerdem häuften sich in jüngster Vergangenheit terroristische Übergriffe, die per Definition als Amokläufe geführt werden. So nimmt die Gewalt von Menschen zu, die nicht beim IS angeheuert haben und trotzdem massenweise Menschen umbringen. Offenbar wissen sich in dieser kannibalistischen Weltordnung (Jean Ziegler) viele nicht mehr anders zu helfen. Fast sieht es so aus, als habe die mediatisierte Welt, in der nur gehört, gesehen und wahrgenommen wird, wer aufmerksamkeitsökonomisch vorgeht, das brachiale Vorgehen mancher Zeitgenossen forciert.

Der Terrorismus ist kein Phänomen junger muslimischer Männer aus dem Nahen Osten mehr. Viel zu oft hören wir in den vergangenen Jahren von Gewalttaten, die im reicheren Teil der Erde geschehen. Ausgeführt von Männern aus »unserer Mitte«, bei denen sich später herausstellt, wie alleine sie in ihrem Leben gewesen sein müssen. Aus Kulanz nennen wir diese Menschen dann Amokläufer. Aber eigentlich ist es Terrorismus. Ein bisschen auch der »Terror der Ökonomie« (Viviane Forrester). Einer Ökonomie, die ausgrenzt, verriegelt und die uns lehrt, dass nur der Leistungsfähige gesellschaftliche Berechtigung hat. Dieser Terror hat viel mit dem Amoklauf unserer gesellschaftlichen Neuausrichtung zu tun.

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