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Raus mit Applaus

»Gefühlt gefährlichere« Münchner scheitern im Halbfinale der Champions League wieder an Real Madrid

  • Von Maik Rosner, Madrid
  • Lesedauer: 5 Min.

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Jupp Heynckes wirkte gefasst und frei von Wehmut, als er im Estadio Santiago Bernabéu über seinen Abtritt von der internationalen Bühne sprach. Der Trainer des FC Bayern beklagte zwar wie seine Spieler eine »große Enttäuschung« wegen des Ausscheidens aus der Champions League nach dem spektakulären und unglücklichen 2:2 (1:1) im Halbfinalrückspiel bei Real Madrid, das nach dem 1:2 im Hinspiel zu wenig war für die Reise zum Finale am 26. Mai in Kiew. Doch der Schmerz rührte daher, sich nach einem unnötigen Aus vom Triple-Traum verabschieden zu müssen - und nicht aus der Tatsache, dass dieser für ihn persönlich nicht noch einmal zu verwirklichen sein wird.

Dass es diesmal nicht für den Einzug ins Endspiel gereicht hatte, fiel für die Bayern umso ärgerlicher aus, weil Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge in seiner nächtlichen Bankettrede »das beste Spiel in der Champions League in den letzten fünf Jahren mit Bayern München« bilanzieren konnte. Doch wieder einmal hatte die Kühle gefehlt, vorn wie hinten. Das wusste auch Heynckes, nach seinem Ausstand beim Meister in dieser Disziplin - jene Königlichen von Real Madrid, mit denen er 1998 seinen ersten der beiden Titel in Europas Eliteliga errungen hatte.

»Natürlich ist das eine Situation, in der ich weiß: Jetzt ist es endgültig, dass ich nie mehr auf die Trainerbank zurückkehre bei einem Champions-League-Spiel«, sagte Heynckes nüchtern. Aber er finde, »das ist auch gut so, weil ich denke: Nicht so viele mit 72 gehen solche Abenteuer noch ein.« Am 9. Mai wird Heynckes 73 Jahre alt, da möchte er sein Lebensglück nicht mehr von dem Sport abhängig machen, in dem er als Spieler und Trainer ohnehin alle wichtigen Titel gewonnen hat. Auch deswegen konnte er nun glaubhaft versichern: »Ich habe da überhaupt keine Emotionen. Es ist vorbei. Ich bin nur enttäuscht über das heutige Ergebnis.«

Diese Enttäuschung verband alle Münchner nach dem hochklassigen und dramatischen Halbfinale gegen den Titelverteidiger, der in beiden Spielen maßgeblich von Aussetzern der optisch überlegenen Bayern profitiert hatte: im Hinspiel von Rafinhas haarsträubendem Fehlpass, der Reals Siegtor zur Folge hatte. Und am Dienstagabend vom nicht minder grotesken Fauxpas von Torwart Sven Ulreich direkt nach Beginn der zweiten Halbzeit, der Karim Benzema sein zweites Tor des Abends zum zwischenzeitlichen 2:1 erst ermöglichte. Joshua Kimmich hatte den FC Bayern in Führung gebracht (3.), Benzema hatte ausgeglichen (11.). Später traf der von Real ausgeliehene James Rodríguez zum 2:2 (63.). Weitere Großchancen auf beiden Seiten folgten im spektakulären Finish, nur deren Vollendung fehlte.

»Sven hat ja eine ganz tolle Saison gespielt. Er hat einfach einen Blackout gehabt«, sagte Heynckes über die entscheidende Szene und kam nach Ansicht der Fernsehbilder von Corentin Tolissos schlampigem Rückpass und Ulreichs kurioser Einlage zu dem Eindruck, »dass er den Ball mit den Händen aufnehmen wollte und dann gemerkt hat, das geht ja gar nicht. Und dann ist er konfus geworden.« Sehr bitter sei dies für Ulreich und die gesamte Mannschaft. Dennoch müsse er dieser »ein großes Kompliment machen«, befand Heynckes und lobte sich dann auch indirekt selbst. Er sagte: »Ich habe den FC Bayern in der Verfassung, in der Form, schon viele Jahre nicht gesehen.«

Letztmals vermutlich in der Triple-Saison 2013, nach der sich Heynckes in den Ruhestand verabschiedet hatte, ehe er im Oktober 2017 bei fünf Punkten Rückstand auf den damaligen Tabellenführer Borussia Dortmund und nach der heftigen 0:3-Niederlage im Gruppenspiel der Champions League bei Paris Saint-Germain als Nothelfer zurückkehrte. Inzwischen hat der FC Bayern souverän den Meistertitel gewonnen und greift im Pokalfinale am 19. Mai in Berlin gegen Eintracht Frankfurt nach dem Double. Doch in der Champions League steht nun zum fünften Mal hintereinander gegen eine spanische Mannschaft das Aus zu Buche - zum dritten Mal nach 2014 und 2017 gegen Real Madrid.

Warum das so ist und sich wie in den Vorjahren individuelle Unzulänglichkeiten einstellten, darüber begannen die Münchner direkt nach dem Spiel zu rätseln. »Es liegt nicht an etwas Grundsätzlichem, dass es nicht reicht. Es wiederholt sich aber in all den Jahren, dass wir einfach zu viele individuelle Fehler machen«, befand Thomas Müller im Schmerz über das eigene Unvermögen. Gefehlt habe »das Glück und die Qualität in den Details«. Da half es den Bayern auch wenig, dass Mats Hummels von den Beileidsbekundungen von Reals Toni Kroos berichten konnte. Dieser habe ihm gesagt: »›Das Ding haben nicht wir gewonnen, ihr habt es euch selber zuzuschreiben, dass ihr nicht im Finale seid.‹ Und damit hat er leider Recht«, meinte Hummels. Mit eigenen Worten fasste der Innenverteidiger zusammen: »Wir haben Real in beiden Spielen ein Tor geschenkt. Gefühlt waren wir die gefährlichere Mannschaft, aber Real hat weniger Fehler gemacht.«

Als Kroos später vor die Mikrofone trat, wertete er den glücklichen Einzug ins Finale und die Chance auf den dritten Gewinn des Henkelpotts in Serie auch als Ausdruck des Selbstverständnisses. »Die Erfolge der letzten Jahre geben uns ein Grundbewusstsein«, sagte Kroos, und die beiden Vergleiche mit den Bayern in der Gesamtrechnung für sich entschieden zu haben, »zeigt unsere Qualität«. Kroos räumte zwar ein, dass die Münchner in den beiden Halbfinals zwar die überlegene Mannschaft gewesen seien, »trotzdem hatte ich keine Zweifel, dass wir ins Finale kommen. So ein Gefühl kommt mit dem Erfolg«, sagte er. Auf solch ein bestärkendes Erlebnis muss der national unangefochtene deutsche Branchenführer in der Champions League weiter warten. Heynckes wird aus der Ferne beobachten, wie die Bayern mit dieser schmerzhaften Erkenntnis umgehen.

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