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Im freien Fall

André Kubiczek ist ein brandaktueller Gegenentwurf zu seinem Vorgängerroman gelungen

  • Von Jörg Wunderlich
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die Gräben der deutschen Demo-Gegendemo-Gegenwart verlaufen unter anderem auch zwischen antagonistischen Turnschuhklassen. Während der »prekäre Mob« von rechts nur abgetretene Modelle und Billigkopien trägt, leuchtet an den Füßen des Gegenprotestes durchaus auch mal eine »Limited Edition« für 170 Euro auf. So jedenfalls beobachtet und bewertet es ein Pubertierender, der mit seiner linksliberalen Familie im Clinch liegt und der darum auch jedwedes gut gemeintes Engagement nur als bigotte Folklore von Bessergestellten geißelt.

Auch im neuesten Roman von An᠆dré Kubiczek dürfen wir die Welt wieder durch die Brille eines adoleszenten Helden wahrnehmen, was von Anfang an für überzeugende Bodenhaftung sorgt. Dem an die Seite stellt der Autor die Perspektive des Vaters, welchem es als Germanisten und Experten für DDR-Lyrik weder gelungen ist, eine Professur zu ergattern, noch seine Ehe zu retten, und der sich folgerichtig mit prekären Dienstverhältnissen und einer schwierigen Patchworkfamilie durchschlagen muss.

Vater wie Sohn sind in einem Moment wütender Unbedachtheit mit dem Staat aneinandergeraten und schreiben sich nach einer abenteuerlichen gemeinsamen Flucht ins tschechische Grenzgebiet mit Briefen ihre Konflikte von der Seele. Der eine richtet sie an seine unerreichbare Muse, der andere an seinen zwar anwesenden, aber durch lange Trennung fremden Sohn. Mit an Bord in der grotesken Notgemeinschaft von Mittelschicht-Outlaws ist des Vaters Freund und Lieblingskollege, ein Doktorand, Alkoholiker und heimlicher Querfrontaktivist, der sich im Internet um Kopf und Kragen getwittert hat.

Aus dieser Konstellation heraus ist André Kubiczek ein brandaktueller Gegenentwurf zu seinem 80er-Jahre-DDR-Idyll »Skizze eines Sommers« von 2016 gelungen. Mit ähnlicher Verve schuf der Potsdamer Autor erneut hinreißend authentische Figuren, lässt sie aber diesmal in einen dramatischen Plot hineinstolpern. Schon die symbolische Polarität der gewählten Handlungsorte - Bonn und Berlin, Prenzlauer Berg und Cottbuser Platte, Böhmische Schweiz und Bundesrepublik - sorgt dabei für Kontrast. Die Fallstricke für die Helden lauern entlang der sozialen Milieugräben in Alltagssituationen und lassen diese eskalieren. Das Ergebnis ist brisant, spannend und dabei sogar ungemein unterhaltsam.

Alle drei männlichen Protagonisten sind der Literatur existenziell zugetan, gehören aber unterschiedlichen Generationen an. Die reflektierende und zum Teil artifizielle Sprache der Briefpassagen wirkt im Angesicht der Geschehnisse, die sie schildert, wie ein nutzloses Artefakt einer »Welt von gestern«. Das ist hier genau kalkulierte Absicht und sorgt für eine Grundatmosphäre von nicht aufzuhaltendem Verlust. Auch der zunächst befremdliche Titel des Buches, eine berühmte Zeile aus einem Gedicht Stefan Georges, wirkt in diesem Sinne wie eine Chiffre.

Ein weiterer bemerkenswerter Kunstgriff lässt aus dem angestaubten Format des Briefromans im Handumdrehen ein vergnüglich-dialektisches Spiel mit dem Leser werden: Alle durchgestrichenen Briefpassagen bleiben eins zu eins im Romantext stehen. Sie sind nur im Grauwert zurückgenommen und etwas schwerer zu lesen. Der jeweilige innere Zensor der Figuren wird dadurch sichtbar und übt auch typografisch eine unwiderstehliche Anziehung aus.

André Kubiczek hat sich mit diesem Werk erneut als brillanter Erzähler von souveräner Eleganz erwiesen. Stoff und Figuren sind so erfrischend gut angelegt, dass es fast wie Verschwendung anmutet, die Handlung einfach nur in einem Show-Down-Effekt abzuwickeln. Dass der 1969 geborene Schriftsteller ein weiteres Mal an seinen frühen Erfolg »Junge Talente« anknüpfen konnte, gibt ihm hoffentlich in Zukunft den Mut, episch noch breiter angelegt zu erzählen. Dann könnte ihm eines Tages noch wesentlich mehr gelingen.

André Kubiczek: Komm in den totgesagten Park und schau. Roman. Rowohlt Berlin, 384 S., geb., 22 €.

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