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Giro-Auftakt im »Amsterdam des Nahen Ostens«

Die Italienrundfahrt beginnt am Freitag in Jerusalem. Die Stadt gibt sich seit Jahren fahrradfreundlich

  • Von Tom Mustroph, Jerusalem
  • Lesedauer: 5 Min.

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Benjamin Netanjahu kann nicht nur mit Raketen drohen. Für ein Werbevideo zum Giro-Start in Israel schwang sich der israelische Premierminister auf ein Fahrrad und erklärte: »Ich brauche kein Auto mehr. Ich muss trainieren. Denn der Giro kommt nach Israel.«

Welch schöne Vision: Abrüstung und Umstieg auf Muskelkraft. Dass das alles mehr Show- als Wahrhaftigkeitscharakter hat, zeigte sich dann an den Kunststückchen auf Vor- oder Hinterrad, die ein Mann mit der Statur und der Kleidung von »Bibi« vor den staunenden Augen der Jungs von der Israel Cycling Academy vollführte: Netanyahu ließ sich dabei von einem Stuntman vertreten.

Hübsch ist der Clip dennoch. Welch ein Ministerpräsident lässt sich schon so sehr auf den Sport ein? Er ist auch ein Indiz dafür, wie wichtig der Giro-Start in Israel genommen wird. Und er zeigt, was eine Männerfreundschaft so bewirken kann. Denn der Mann, der den Giro nach Israel brachte, ist Sylvan Adams, ein kanadisch-jüdischer Immobilienunternehmer mit Faible für den Radsport. Dessen Vater Marcel, heute stolze 97 Jahre alt, überlebte einst faschistische Arbeitslager in Europa und entkam über die Türkei nach Palästina. In Kanada baute er später ein Immobilienunternehmen auf, das Sohn Sylvan (59) erfolgreich weiterführte.

Vor zwei Jahren kam Sylvan Adams nach Israel - und fasste umgehend den Plan, Tel Aviv zu einem »Amsterdam des Nahen Ostens« zu machen. Er bezog sich dabei nicht auf Grachten oder Tulpen, wohl auch nicht auf Cannabis. Die Alltagsradkultur der Niederländer hatte es dem mehrfachen kanadischen Seniorenmeister im Radsport aber angetan. Seitdem plant er Fahrradwege in Tel Aviv, steckte Geld in Israels erstes Profiteam im Straßenradsport, die schon aus dem Bibi-Clip bekannte Israel Cycling Academy, und übernahm auch einen Großteil der Finanzierung des Giro-Starts.

Ein Treffen von Adams mit Netanjahu bereitete dann den Weg. So viel Einsatz überzeugte dann auch Giro-Direktor Mauro Vegni. »Als ich anfangs die Giro-Organisatoren auf den Start in Jerusalem ansprach, nahmen sie mich, glaube ich, nicht richtig ernst. Bisher war ja keine der großen Rundfahrten außerhalb Europas gestartet. Aber ich lud ihn ein, nach Israel zu kommen. Er sah dann die Schönheit des Landes, die guten Straßen und auch die Radsportkultur«, blickt Adams auf die Anfänge zurück. Sicherheitsbedenken wischt Adams mit Verweis auf die Reputation israelischer Behörden weg. »Ich fragte die Giro-Organisatoren gleich am Anfang, ob die Sicherheit ein Hindernis werden könnte. Da lächelten sie nur und sagten, dass sie die italienischen Sicherheitsdienste gefragt hätten und die ihnen sagten, dass der Giro in Israel sicherer sei als in Italien«, erzählt Adams.

Vor Ort wird das Thema Sicherheit sowieso gelassener gesehen als in der medial erhitzten Öffentlichkeit. »Gut, der Mai wird sicher heiß hier. Es gibt die Verhandlungen zum Atomabkommen mit dem Iran, die US-Botschaft zieht nach Jerusalem um. Aber das Abkommen ist für den 12. Mai terminiert, die Botschaftseröffnung für den 14. Mai. Da ist der Giro längst zurück in Italien«, sagt Martin Weiss, seit mehr als zwei Jahren österreichischer Botschafter in Israel und selbst eingefleischter Radsportfan, gegenüber »nd«.

Weiss sieht das Land gerüstet für den Empfang der Radprofis, die Sicherheit betreffend, aber auch auf die Organisation des Sportevents bezogen. »Natürlich sind hier andere Sportarten populärer, Fußball und Basketball etwa, auch Wassersport. Aber es tut sich was im Radsport. Und auch im Alltag wird das Rad populärer. Viele Schüler fahren mit E-Bikes zur Schule«, erzählt Weiss. Angesichts von Temperaturen über 40 Grad im Juli sind E-Bikes durchaus eine bedenkenswerte Alternative auch für junge Menschen.

Gegenwind bläst der Veranstaltung dennoch ins Gesicht. Unter dem Hashtag RelocateTheRace rufen Organisationen, die auch Kulturveranstaltungen und wissenschaftliche Konferenzen in Israel verhindern wollen, zu Protesten auf. Wegen der Besatzerpolitik auf palästinensischen Territorien werden Vergleiche zum einstigen Apartheid-Regime in Südafrika gezogen.

Adams selbst scheint sich davon nicht beeindrucken zu lassen. »Es gibt Gegnerschaft, es wird Hass geben. Es gibt Leute mit einer ganz eigenen Agenda. Sie können natürlich ihre Meinung haben. Wir wollen ein Sportevent organisieren und nicht Sport und Politik vermischen«, sagt er vor Journalisten in Jerusalem. Nun, ganz politikfrei ist die Veranstaltung natürlich nicht. Adams selbst formulierte das Ziel, mit dem Giro ein anderes, ein attraktives Bild von Israel in der Weltöffentlichkeit zu verbreiten.

Praktische Auswirkungen dürfte der Giro für den lokalen Radsport haben. »Wir nutzen das als eine Gelegenheit zur Weiterbildung. Vier unserer Rennkommissare werden mit den Giro-Kommissaren im Auto sitzen und auch bei den Briefings dabei sein«, erzählt Ido Eindor, selbst UCI-Kommissar und Chef der Kommissare im israelischen Radsportverband.

Eindor beobachtete auch ein Umdenken bei Mäzen Adams. »Anfangs setzte er alles auf sein Profiteam und den Giro-Start. Inzwischen sieht er aber auch, wie wichtig die Klubs an der Basis sind, und unterstützt auch das«, bilanziert der Rennkommissar. Bis hier eine Struktur wie in vielen europäischen Ländern erreicht wird, dürfte aber noch viel Zeit vergehen, selbst wenn Adams jetzt auch für Rennen in Israel sorgen will.

Profitieren von der noch nicht so ausgeprägten Radsportleidenschaft in Israel dürfte Superstar Chris Froome. Doping hat sich hier als Aufregerthema nämlich noch nicht etabliert. Der vierfache Toursieger, dessen Image nach seiner Probe mit zu hohen Werten des Asthmamittels Salbutamol zumindest in Europa arg beschädigt ist, könnte mit seinem Appell, dass alle sich nur auf den Sport konzentrieren sollten, in Israel ganz viele Freunde finden.

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