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  • Hochschulreform in Frankreich

»Wir sind hier nicht bei Asterix und Obelix!«

50 Jahre nach der 68er-Revolte gehen in Frankreich erneut Studenten auf die Straße

  • Von Ralf Klingsieck
  • Lesedauer: 5 Min.

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Von den 78 französischen Universitäten sind gegenwärtig zwar nur eine Handvoll durch aufgebrachte Studenten blockiert, doch die verhindern Prüfungen und ziehen erhebliche Medienaufmerksamkeit auf sich. Dass in Nanterre bei Paris der Präsident der Universität die Polizei gerufen hat, um die Blockierer wegzuschaffen, erinnert an die Ereignisse vor genau 50 Jahren, denn so begann hier der Pariser Mai 1968.

Die Protestbewegung richtet sich gegen das neue Gesetz über die Studienzulassung. Ausgangspunkt war, dass im vergangenen Jahr wegen der großen Zahl von Studienbewerbern für besonders begehrte Studienfächer wie Psychologie oder Sportwissenschaft vielerorts die Entscheidungen über die Zulassung nicht anhand der Abiturzeugnisse gefällt wurden, sondern per Los. Die Empörung nicht nur unter den Betroffenen und ihren Eltern, sondern darüber hinaus in der breiten Öffentlichkeit war so groß, dass die Regierung Selbstkritik üben musste und eine gesetzliche Regelung des Problems versprach.

Doch das Gesetz über »Studienorientierung und Studienerfolg«, das daraufhin im vergangenen Februar vom Parlament verabschiedet wurde, hat keine Begeisterung ausgelöst, sondern neue Besorgnisse. Es sieht vor, dass jeder Bewerber jetzt über eine Internetplattform 10 statt wie früher 25 verschiedene Studienwünsche eingeben kann, diese aber jeweils mit einem Motivationsschreiben begründen muss. Anhand der digital erfassten Abiturnoten wird per Computersoftware eine grobe Vorauswahl getroffen und eine Art Rangliste der Wünsche aufgestellt. In einer zweiten Runde richten sich in den verschiedenen Universitäten Auswahlkommissionen von Dozenten nach den Abiturnoten, die entsprechend den Schwerpunkten ihrer Fachrichtung unterschiedlich gewichtet werden. Hinzu kommt die Bewertung der Bewerbungsschreiben, wobei deren Niveau allgemein als schlecht eingeschätzt wird, weil sie zumeist mit Textbausteinen aus dem Internet zusammengebastelt werden und weniger über die Person des Bewerbers aussagen als erhofft.

Allerdings verweigern inzwischen nicht wenige Hochschullehrer ihre Mitarbeit an diesem Verfahren. Sie haben Verständnis für die Studienbewerber, denen eine Generalisierung der Auswahl, die früher die Ausnahme war und nur für Medizin, Jura und einige hochspezialisierte Fachrichtungen galt, ein rotes Tuch ist. »Wir wollen nicht selektieren, sondern maximal viele junge Menschen auf ein hohes Niveau bringen«, heißt es in einem offenen Brief von 400 Dozenten.

Dass das Gesetz so viel zu wünschen übrig lässt, liegt sicher auch an seiner übereilten Vorbereitung. Debatte und Votum fanden unter Zeitdruck statt, denn Hochschulminister Frédéric Vidal hatte gedroht: »Wenn das Gesetz nicht zügig angenommen wird, bleibt uns auch in diesem Jahr nichts anderes übrig, als wieder das Los entscheiden zu lassen.« Das wollte niemand. Doch die rechte Oppositionspartei der Republikaner kritisierte das unausgegorene neue Zulassungsverfahren und dass »die Studienbewerber dieses Jahres als Versuchskaninchen dienen« sollen.

Auch die linke Oppositionsbewegung La France insoumise war unzufrieden. Ihr Fraktionsvorsitzender Jean-Luc Mélenchon erklärte: »Das Gesetz sieht vor, die Zahl der Bewerber an die Zahl der vorhandenen Studienplätze anzupassen, statt umgekehrt für mehr Bewerber mehr Plätze zu schaffen.« Darauf antwortete Gabriel Attal, der das Gesetz vorgetragen hat und bildungspolitischer Sprecher der von Macron gegründeten Bewegung La Republique en marche ist, mit deren Mehrheit im Parlament die Regierung jedes Gesetz problemlos durchsetzen kann. Attal sagte: »Wir sind hier nicht bei Asterix und Obelix. Wir haben keinen Wundertrank, mit dem wir eine Wunsch-Uni zaubern können. Mit den beschränkten Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, müssen wir auskommen und das Beste daraus machen.« Das Universitätsstudium solle weiterhin kostenlos bleiben, aber mehr Geld könne der Staatshaushalt nicht bereitstellen.

Das ist aber das zentrale Problem, denn beispielsweise konnten von den 719 000 Abiturienten des Jahres 2017 nur 336 000 einen Studienplatz bekommen. Dabei ist auch im neuen Gesetz gleich zu Beginn das eherne Prinzip festgehalten: »Das Studium steht jedem Abiturienten offen.« Neu ist allerdings die Präzierung: »Der Zulassung geht eine landesweite Prozedur der Voreinschreibung voraus«, bei der »den Bewerbern die Besonderheiten jeder gewählten Studienrichtung zur Kenntnis gegeben werden«. Hier sehen vor allem linke Lehrergewerkschaften wie SNES-FSU oder Studentenvereinigungen wie UNEF die Gefahr von Willkür. Indem beispielsweise Universitäten für die Studienrichtungen Psychologie und Sportwissenschaften als Voraussetzung ein »gutes Niveau naturwissenschaftlicher Kenntnisse« vorgeben, schließen sie automatisch alle Bewerber der gesellschaftswissenschaftlichen Abiturrichtung Literatur (Bac littéraire) aus, denn diese Abiturienten hatten beispielsweise Mathematik nur als Nebenfach.

Verständlich ist, dass die Regierung den seit Jahrzehnten beklagten Zustand ändern will, dass etwa ein Drittel der Studenten schon im ersten Jahr das Studium abbrechen oder an den Prüfungen scheitern, weil sich ihre Voraussetzungen und Leistungen als unzureichend erweisen. Das ist nicht nur eine Verschwendung von Kapazitäten, sondern auch eine große Frustration für die betroffenen Jugendlichen und ihre Eltern.

Dabei ist ein Studienabschluss heute in Frankreich bei Weitem keine Garantie für einen Arbeitsplatz, wovon die große Zahl arbeitsloser Hochschulabsolventen zeugt. Doch andererseits wird für viele ausgeschriebene Stellen ein Diplom verlangt - selbst wo das nicht einleuchtend ist. Dass man beispielsweise heute nicht Sekretärin werden kann, wenn man nicht Abitur und zwei Jahre Uni-Grundstudium mit dem »Licence«-Abschluss nachweisen kann, ist de facto eine Entwertung des Studiums.

Neu an dem umstrittenen Gesetz ist auch, dass die Studienzulassung eventuell von einer »Weiterbildungsmaßnahme« abhängig gemacht wird. Dahinter steht das von vielen Hochschullehrern als völlig unzureichend eingeschätzte Niveau des vor reichlich 200 Jahren von Napoleon eingeführten Baccalauréat (Abitur). Während es im 19. Jahrhundert jedes Jahr nur von wenigen hundert Gymnasiasten abgelegt wurde, hat Frankreichs erster linker Präsident François Mitterrand 1981 als Ziel vorgegeben, dass 80 Prozent jedes Altersjahrgangs bis zum Abitur geführt werden sollen. Das Ergebnis war, dass Druck auf die Lehrer ausgeübt wurde, bei der Bewertung nicht zu streng zu sein, so dass die Zahl der Abiturienten zwar tatsächlich enorm stieg, doch das Niveau ihrer Kenntnisse ebenso rasant sank. Eltern, die für ihre Kinder ein Studium von hohem Niveau wollen, schicken sie nicht auf öffentliche, sondern auf Privatschulen mit Vorbereitungsklassen für die Elitehochschulen. Dort wird durch Aufnahmeprüfungen sehr streng selektiert. Um dieses Zwei-Klassen-Hochschulsystem zu entschärfen, planen Präsident Emmanuel Macron und seine Regierung für die nächsten Jahre auch eine gründliche Reform des Baccalauréats.

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