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Konsumkritik kann mehr sein als nur das Predigen von Verzicht

  • Von Wolfgang M. Schmitt
  • Lesedauer: 5 Min.

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Konsumkritik ist zwar eine beliebte Spielart der Kapitalismuskritik, aber keine besonders intelligente. Häufig verkennt sie, dass ein Leben jenseits des Konsums kaum möglich ist. Vielleicht ist dieses Dilemma nie besser eingefangen worden als im Film »Der Teufel trägt Prada«, der hinreißenden Komödie über die »Vogue«-Chefin Anna Wintour, die im Film Miranda Priestly heißt. In einer Szene muss die Assistentin Andy plötzlich lachen: Eine Stylistin präsentiert Miranda zwei nahezu identische Gürtel mit den Worten: »Sie sind so unterschiedlich.« Miranda entgegnet der Ignoranz für modische Feinheiten mit einem kleinen Vortrag: Andy bilde sich wohl ein, wenn sie diesen »plumpen blauen Pullover« trage, der Welt mitteilen zu können, dass ihr Kleidung nicht wichtig sei. In Wahrheit aber wurde das Blau ihres Pullovers, das weder Türkis noch Lapis, sondern Azur ist, 2002 von Óscar de la Renta und Yves Saint Laurent eingeführt und tauchte daraufhin in acht weiteren Kollektionen auf. »Anschließend sickerte es zu den gewöhnlichen Kaufhäusern durch und fand dann sein tragisches Ende in der Freizeitabteilung, aus deren Wühltisch Sie es dann irgendwann gefischt haben.«

Die Szene erklärt nicht nur, dass, wer konsumiert, immer Teil des Systems ist, sondern variiert zugleich den in der Ronald-Reagan-Ära beschworenen Trickle-Down-Effekt. Bis heute behaupten Liberale, dass der Reichtum der oberen Zehntausend dank der unergründlichen Weisheit des freien Marktes nach und nach auf die Ärmeren herabrieselt. Der Trickle-Down-Effekt mag sich zwar als neoliberales Ammenmärchen erwiesen haben - die Kluft zwischen Arm und Reich wächst stetig. Für die Warenwelt aber, vor allem für die Mode, hat die These eine gewisse Gültigkeit. Zwar läuft der Normalverdiener nicht in Haut-Couture-Kollektionen herum, aber deren Design hält Einzug in die Massenmode von H & M oder Zara. Mode lebt von Nachahmung, dabei gibt es auch einen Trickle-Up-Effekt, wenn sich etwa Modezaren von der Subkultur inspirieren lassen. Die Welt der Waren ist immer in Bewegung - und war es auch in den vergangenen Jahrhunderten, wie das umfang- und kenntnisreiche Buch »Herrschaft der Dinge« des Historikers Frank Trentmann eindrücklich beweist. Trentmann erzählt die Geschichte des Konsums von der Neuzeit bis zur Gegenwart, seine Studie liest sich wie ein Gesellschaftsroman, dessen Protagonisten keine Menschen, sondern Waren sind. Dabei enthält das Buch viele kleine Anekdoten, ähnlich dem Prada tragenden Teufel kann Trentmann in wenigen Zeilen verblüffende Zusammenhänge herstellen - und mit Vorurteilen aufräumen. Konsumkritik ist dem Historiker zu billig, er verfolgt einen historischen Realismus, der auch zeigt, dass Konsum eine emanzipatorische Seite haben kann. So waren es oft Frauen, die, weil sie als Bürgerinnen nicht wählen durften, immerhin als Konsumentinnen Wahlentscheidungen trafen.

Vor allem auf den ersten 500 Seiten, die Warenbiografien nachzeichnen, geopolitische Kontexte wie den Kolonialismus beleuchten und Wirtschaftsreformen schildern, geht es immer wieder um die Mode als Innovator für gesellschaftliche Prozesse, als eventuelle Initialzündung für die industrielle Revolution und als Möglichkeit, sich eine Identität zu kaufen: »Statt über die Herkunft eines Menschen Auskunft zu geben, schienen die Kleider plötzlich den Menschen zu machen«, schreibt Trentmann beispielsweise über Diener, die sich im England des 17. Jahrhunderts unstandesgemäß, also besser, kleideten.

Der zweite Teil, noch einmal rund 400 Seiten, widmet sich den wichtigsten Facetten unseres globalen Konsumzeitalters mit seinen Krediten, der Be- und Entschleunigung der Warenwelt, der Bedeutung von Jugend und Alter, der Konsumethik und mit dem, was häufig übrig bleibt: Der Abfall - ihm gehört das glänzende Schlusskapitel. Ohne Zweifel produziert Konsum Abfall, dieser trägt entscheidend zur ökologischen Katastrophe bei, doch warum wachsen die Müllberge und Plastikinseln immer weiter? Sind die Konsumenten einfach blind für die Folgen ihres Handelns? Nein, sagt Trenntmann. »Die traurige Wahrheit ist vielmehr, dass die meisten sich sehr wohl Sorgen über den Hunger in der Welt und über den Klimawandel machen, ihre persönliche Ethik jedoch einem fragmentierten Zeitplan unterordnen müssen und daher trotz allem Ressourcen verschwenden.«

So kann es sein, dass gerade sehr bewusste Konsumenten mit kosmopolitischem Geschmack besonders viel Müll produzieren. »Je monotoner der Speiseplan, desto weniger Abfall«, denn anspruchsvolle Konsumenten schmeißen nicht mehr vollkommen frische Zutaten weg oder sie sind von der Komplexität eines Menüs überfordert und haben deshalb zu viel eingekauft.

Bewusste Ernährung genügt ebenso wenig wie das Recyceln von Plastikflaschen, das Trentmann eine »nette Geste« nennt. »Das Recycling ist wenig mehr als eine Ablenkung von den wirklich wichtigen Dingen, eine Ablenkung, die uns ein gutes Gefühl gibt.« Viel wichtiger sei es, Konsum zu politisieren: »Unser Lebensstil und seine sozialen und ökologischen Folgen sollten nicht länger dem Geschmack und der Kaufkraft des Einzelnen überlassen werden, sondern zum Gegenstand ernsthafter Diskussionen von Öffentlichkeit und Politik werden.« Mit einem milden Lächeln blickt der Autor deshalb auf konsumkritische Bewegungen wie die der Minimalisten, die mit möglichst wenigen Gegenständen ihren inneren Frieden suchen. Und Digitalisierungspropheten, die an eine baldige Entmaterialisierung glauben, hält Trentmann Fakten entgegen: Die Herrschaft der Dinge ist nicht vorüber, sie wird eher mächtiger.

Insofern setzt die ZDF-Serie »Bad Banks« einen überraschenden Kontrapunkt: Die Serie über die Finanzelite in Luxemburg und Frankfurt zeigt zwar viele Bankerklischees, doch das Bild vom luxusgeilen Banker reproduziert die Serie nicht, im Gegenteil: Sie entkräftet es dezidiert. In einer Szene wird die Hauptfigur Jana Liekam von ihrem alerten Vorgesetzten Gabriël Fenger in dessen Privatgemach geführt, das jedoch weder eine Hotelsuite noch eine Penthouse-Wohnung ist. Der millionenschwere Investmentchef Fenger haust in ein paar ungenutzten, provisorisch eingerichteten Räumen der Bank. Die Macht ist alles, der Besitz nichts.

In Martin Walsers Wirtschaftsroman »Angstblüte« von 2006 erklärte bereits der Spekulant Karl von Kahn: »Geldausgeben ist nur wichtig, wenn du zu wenig Geld hast. Wenn du Geld vermehrst und vermehrst, mußt du überhaupt keines mehr ausgeben.« Nun, die Banker aus »Bad Banks« produzieren zwar wenig Müll, dafür handeln sie mit Schrottanleihen. Und was ist schon eine achtlos weggeworfene Bierdose gegen den Verkauf eines solchen Papiers?

Frank Trentmann: Herrschaft der Dinge. Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute. Deutsche Verlags-Anstalt, 1104 S., geb., 44 €.

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