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Wiederentdeckte Moderne

Malerei expressiver Gegenständlichkeit in der Galerie am Gendarmenmarkt

  • Von Klaus Hammer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Von Klaus Hammer

Der Begriff »expressive Gegenständlichkeit« stammt von dem Kunstantiquar und Sammler Gerhard Schneider, der eine der bedeutendsten Sammlungen unbekannter, verschollener Künstler aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zusammengetragen hat. Es handelt sich hier vor allem um in der Nazizeit verfemte und durch die Zeitumstände vergessene Künstler. Im Kunstmuseum Solingen hat ein Teil dieser Sammlung einen festen Standort gefunden.

Um Künstler dieser »expressiven Gegenständlichkeit« geht es auch dem Galeristen Peter Michael Dinter, wenn er noch bis Ende Mai unter dem Sammelbegriff »Expressiver Realismus« Künstler der zweiten Expressionisten-Generation zeigt. Um die Jahrhundertwende geboren, suchten sie in der Vielfalt der Positionen in der Malerei der 1920er Jahre ihren eigenen Ausdrucksstil. Sie hatten während der Nazizeit zwischen Rückzug, Emigration und Widerstand zu wählen.

Um nur einige Beispiele zu nennen: Carl Rabus, dessen expressive Formensprache an Werke der Brücke-Künstler - vor allem an Max Pechstein - erinnert, erlebte Flucht, Internierung in Südfrankreich, Haft in Wien. Er lebte nach dem Krieg in Brüssel und ließ sich 1974 in Murnau nieder. Josef Steiner galt in der Nazizeit als »entartet«, er erhielt Malverbot und war einige Zeit im KZ inhaftiert. Nach 1945 konnte er seine künstlerische Tätigkeit in München fortsetzen.

Wenn man Charles Crodels Wandmalereien in Bad Lauchstädt und in Halle (Saale) wurden von den Nazis zerstört, zahlreiche seiner malerischen Werke der entarteten Kunst zugerechnet und vernichtet. Wenn man ihn der verschollenen Generation und dem Expressiven Realismus zurechnen will, dann muss man auch in Betracht ziehen, dass Crodel zugleich in den großen Kunstzentren Berlin, Frankfurt am Main, Hamburg und München mit seinem architekturgebundenen Werk äußerst wirksam gewesen war. Und was ist mit der im vergangenen Jahr 90-jährig verstorbenen Vera Singer? Sie war 1933 mit den Eltern nach Frankreich, 1942 in die Schweiz emigriert. 1945 nach Deutschland zurückgekehrt, konnte sie sich erst in den 1970er Jahren wieder intensiver der Malerei widmen.

Was haben ihre Bilder, die sich durch Detailgenauigkeit und klassisch strengen Bildaufbau auszeichnen, mit dem expressiven Realismus zu tun? Bei vielen Künstlern ist zudem der Übergang von gegenständlich zu ungegenständlich fließend, etwa bei Carl Rabus.

Wenn es auch nicht einfach ist, für die expressiv-gegenständlichen Künstler einen sie vereinenden Begriff zu finden, ist es doch äußerst verdienstvoll, zum großen Teil völlig unbekannte Werke dieser Künstler ausfindig zu machen und zusammenzutragen. Dabei können nicht nur die Künstlerbiografien, sondern die Bilder selbst über ihre Schicksale erzählen. Viele sind undatiert, sodass man sie zeitlich schwer zuordnen kann.

Zu sehen sind Landschaften, existenzielle Gleichnisse, Varieté, Theater und Maskerade, Stillleben, Figurendarstellungen, Aktmodellposen - ohne malerische Delikatesse gemalt -, hier werden bildliche Suggestionen geschaffen, die sich mit der sicht- und spürbaren Wirklichkeit auseinandersetzen. Was sie miteinander verbinden könnte, ist der spontane, temperamentvolle, unreflektierte und ungehemmte Ausdruck, dem die erste Konzeption, die Skizze wichtiger sein soll als das ausgewogene, vollendete Werk. Das Bildgerüst wird nicht so sehr von der Zeichnung getragen, sondern von der farbigen Form, die selber Zeichen ist.

In den Landschaften von Fritz Tennigkeit und Carl Rabus werden Formgenauigkeit, zeichnerische Präzision geopfert, damit die Farbe losgelöst zur Wirkung kommen kann, als »Losgelöstes« der Gegenstandslosigkeit entgegentreibt. Es ist die Aufzeichnung des einen Augenblicks, der immer dieser eine Augenblick bleibt.

Und doch sind die Landschaften der Gegenständlich-Expressiven eine Antwort auf romantische Naturbilder, wie die Aktbilder eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn der Sexualität sind. Josef Steiner und Ottmar Siegbert haben die Form des weiblichen Körpers fast puristisch - mit einer schon neusachlichen »Härte« - ins Bild gebracht. Die den Vordergrund sprengende Figur der »Sitzenden Frau im Bikini« ist von Steiner in ein Bildformat eingespannt, das sie trotz der Dimensionalität an der Entfaltung hindert. Ulrich Knispels wunderbarer »Liegender Akt« zeigt eine Träumende, deren Phantasmagorien bildhaft werden. Ja, die Expressiven öffnen sich auch dem magischen Realismus, der mit dem Surrealismus hinter der Wirklichkeit eine überwirkliche Erfahrung sucht. So kommt auch Adolf Klingshirn aus dem magischen Dingbild zu einem Stillleben, Raum und körperhafte Form werden durch die Wirkung und Gegenwirkung der Farbe erreicht.

Noch immer gilt das Wort von Walter Benjamin: »Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.« Wobei die hier ausgestellten Werke zwar weitgehend unbekannt sind, doch ihre Maler keineswegs zu den Namenlosen zählen.

»Expressiver Realismus. Verfemte Kunst im 20. Jahrhundert«, bis zum 22. Mai in der Galerie Kunst am Gendarmenmarkt, Mohrenstraße 30, Mitte

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