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Schweigen im Chocó

Trotz Friedensabkommens ist selbst die Abwesenheit von Krieg in Teilen Kolumbiens noch in weiter Ferne

  • Von Fabian Grieger, Chocó
  • Lesedauer: 7 Min.

Im Chocó herrscht Krieg, während die Medien von Frieden reden. Hier, wo einst die FARC-Guerilla stark präsent war, locken illegale Bergbauminen und die strategische Lage für den Drogenschmuggel bewaffnete Gruppen an. Holz und Gold rufen internationale Unternehmen auf den Plan. Staatliche Institutionen sind kein Garant für die Sicherheit der Bevölkerung. Vor Ort haben die Bewaffneten ihre Augen und Ohren überall. Für meine Reise gibt es eine Bedingung: keine Fragen zum Konflikt stellen.

Es ist nachts im Bus Richtung Quibdó, Hauptstadt des Chocó, als die Straßen schlechter werden. Auf einem Baustellenschild steht »ELN«. Eintritt in den Machtbereich der Guerilla. Wer die einst sozialistische Guerilla ELN heute ist und was sie will, inwieweit aus »der Finanzierung für den bewaffneten Kampf« zunehmend der »bewaffnete Kampf für die eigene Finanzierung« wurde, ist von außen schwer zu sagen. Wo die ELN ist, hat sie das Sagen. Klaut jemand oder geht seiner Frau fremd, klopft ein »Eleno«, wie die ELN-Mitglieder genannt werden, an die Tür und spricht die letzte Warnung aus. Wer verdächtig ist, gegen die Guerilla zu sein, schwebt in Lebensgefahr. Die soziale Kontrolle durch die Angst vor der Waffe ist das Ziel jeglicher bewaffneten Gruppe in Kolumbien.

Der Bus quält sich durch die Nacht. Im Morgengrauen wird sichtbar, wie viele Indigene sich in der Nähe der Straße angesiedelt haben; Männer und Frauen oberkörperfrei, die Gesichter bemalt. Es sind Embera, die aus dem Landesinneren vertrieben wurden. Erst im Oktober 2017 brachte die ELN einen indigenen Anführer um.

Der Chocó ist eine multiethnische Region, die hauptsächlich von Afrokolumbianern und Indigenen geprägt ist. Überhaupt ließe sich abseits des Kriegs viel über den Chocó erzählen. Zum Beispiel, dass Indigene und Afrokolumbianer stets friedlich koexistiert haben - und doch weitestgehend separat lebten. Dass die Hauptverkehrsadern drei große Flüsse sind und das Departamento 440 000 Einwohner zählt. Seit den 80er-Jahren ist es in den Fokus von Paramilitärs, Guerilla und Armee gelangt, die Massaker verübten und viele Einzelermordungen. Diese hinterlassen Spuren in den Köpfen. Es geht darum, nicht der Nächste zu sein und mit der Familie so weit wie möglich in Frieden zu leben - mitten im Krieg. Das Mittel: Wegschauen. Denn es ist ein Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Die Einschüchterung des Hinterfragens, des Politischen.

Johns* Mutter, in deren Haus ich unterkomme, sagt: »Rede hier mit niemandem.« Das Credo einer Frau, die den Krieg in der eigenen Familie erlebt hat. John* fällt es schwer, darüber zu reden, und trotzdem sagt er: »Du kannst mir jetzt alle Fragen stellen, bevor du lieber schweigst«, denn wir bewegen uns im Gebiet der Paramilitärs. Wenn der Deutsche in Johns Begleitung kritische Fragen stellt, könnte das Konsequenzen für John haben.

John erzählt, dass in all den Jahren der schlimmste Kommandant ein Mann mit dem Decknamen »Pinillo« gewesen sei. Dieser habe ohne Vorwarnung getötet. Gefiel ihm ein Mädchen, musste dieses sich fügen oder wurde erschossen. Wenn Pinillo nur in der Nähe war, sei den Menschen der Schauer den Rücken hinunter gelaufen. Ich frage John, ob er mir den Namen von Pinillo aufschreiben kann. Er zögert, nimmt den Stift erst nicht an, dann schreibt er. In seinen Augen die Angst vor einem Mann, der schon seit acht Jahren tot ist.

Von welcher Gruppe war Pinillo? John überlegt: von der FARC. Ein Freund korrigiert: Ne, von den Paramilitärs. »Die bewaffneten Gruppen sind alle gleich«, ruft Johns Mutter - eine ihrer Konfliktweisheiten.

Dann lerne ich Gloria Luna Rivilla kennen, die keine Angst hat, zu reden. Die Frauenaktivistin trägt gelocktes graues Haar, Ohrringe mit rotem Edelstein und eine breite Brille. Sie erzählt, dass in Quibdó viele Busse nicht mehr fahren, da die Schutzgeldforderungen zu hoch geworden sind. »Besonders Frauen sind von der Gewalt betroffen.« In der gerade einmal 115 000 Einwohner zählenden Stadt wurden 2017 neun Feminizide begangen - Morde an Frauen aufgrund der Geschlechtszugehörigkeit.

Mit am Tisch berichtet ein junger Mann von Zwangsrekrutierung durch staatliche Sicherheitskräfte: Nach einer Ausweiskontrolle bat ihn das Militär, in einen Transporter zu steigen. Außerhalb der Stadt wurde ihm eine Uniform in die Hand gedrückt, er habe nun zu dienen.

Raus aus Quibdó mehren sich die Militärposten. Am Eingang jedes größeren Dorfes stehen Sandsackbunker, in denen sich Soldaten verschanzen können. Immer wieder passieren wir Polizisten mit Maschinengewehren. An den Häusern steht »AGC«, Reviermarkierungen der paramilitärischen »Gaitanistas«. Diese sind bestens verankert in den Dörfern. Die Waffen, Uniformen und Schlafplätze haben sie in ihren Camps, irgendwo im Dschungel. Sie sind unsichtbarer geworden. Und doch wissen alle, dass sie da sind.

Auch die Soldaten der kolumbianischen Armee. Ungefragt plaudert einer: »Mehrere meiner Kameraden hat die Guerilla ermordet. Mit den Gaitanistas kann man zusammenarbeiten, die lassen die Zivilbevölkerung in Ruhe.«

In den Machtzentren des Landes, wo Medien und Politik sitzen, wird derweil ein Konflikt zwischen AGC und Armee inszeniert. Meldungen von der Ergreifung von Clanchefs machen die Runde.

Im Chocó kommen Zweifel auf. Die parallele Präsenz von Militär und AGC in den Dörfern ist auffällig. Setzt sich eine Tradition des kolumbianischen Konflikts fort, dass der Staat die Paramilitärs gegen die Guerilla vorschickt und dann, wenn die »Drecksarbeit« gemacht ist, nachrückt und die Paramilitärs weitestgehend unbehelligt ihren Geschäften nachgehen? »Wenn die Gaitanistas hier jemanden aus dem Dorf holen wollen, dann tun sie das, da kann die Armee nichts machen«, sagt Valentina*, die hier wohnt. Valentina erzählt leise, dass vor wenigen Monaten die AGC in die Gebiete der ELN vorrückte, bei Gefechten schwere Verluste erlitt und sich wieder zurückzog.

Wer wegschauen möchte, den holt der Konflikt im Alltag wieder ein. In der Disco wird eine Freundin zum Tanzen aufgefordert. Der Mann ist Paramilitär. Die bewaffneten Akteure sind Teil des Dorfes: »Das sind Menschen, die keine Wahl hatten, unter Geldnot litten, als sie sich einer Gruppe anschlossen.« Oft stellen sich Dorfgemeinschaften gegenüber dem Staat sogar schützend vor die Kämpfer. Man arrangiert sich, soweit es die Angst und der Schmerz zulassen.

Cristian* half das nicht. Er ist zwölf Jahre alt und trinkt gerne Schnaps. Auf einem Holzsteg sitzend erzählt er, dass er vor drei Jahren aus seinem Dorf fliehen musste. Die ELN hatte seinen Vater zerstückelt - vor seinen Augen. Bis heute hat er Alpträume. Er macht Gelegenheitsarbeiten, schlägt sich durch. Menschen mit Geschichten wie Cristian - und ich schäme mich für diesen Gedanken - sind gefundenes Fressen für die Agitatoren der Paramilitärs, die Kinder rekrutieren, um sie früh zu prägen.

Davon erzählt Esildo Pacheco an einem Restauranttisch, von dem er die Eingangstür beobachten kann. Pacheco war Teil der Bewegung, die die Anerkennung der Rechte der Afrokolumbianer in der Verfassung von 1991 erkämpfte. 1997 wird er im Baudó mit 71 Prozent der Stimmen Bürgermeister. Die Paramilitärs wollen das nicht. Eines Tages erfährt er in der Kirche, dass die Auftragskiller auf dem Weg zu ihm sind. Er flieht in die Schweiz.

Pacheco hat Pistolen am Kopf gehabt, einmal sogar im Mund. Chefs der Paramilitärs als auch der Guerilla sagte er »Erschieß mich doch«, und sie taten es nicht. Pacheco kennt die Männer, die in den letzten Jahrzehnten das Sagen in der Region hatten und er hat sie alle überlebt. Er hört nicht auf, sich einzumischen: Als Teil des Kommunalrats poltert er gegen den Ausverkauf des Chocó, die Abholzung und den Bergbau, der die Flüsse verseucht. Obwohl der Chocó riesige Süßwasserreserven hat, herrscht Wassermangel.

Mittlerweile wollen sowohl AGC als auch ELN, dass er noch mal Bürgermeister wird. Sie hoffen auf mehr Investitionen durch die guten Kontakte Pachecos. So können die Gruppen mehr Schutzgeld erpressen.

Trotzdem gehen die Bedrohungen weiter. »Die kommen wöchentlich«, sagt Pacheco. »Aber wenn du Angst davor hast, stirbst du innerlich.«

*Name geändert

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