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Erfolgreicher Klassenkampf

Mainzer Fußballer und Fans feiern nach dem Sieg bei beschämten Dortmundern ihre Rettung

  • Von Andreas Morbach, Dortmund
  • Lesedauer: 4 Min.

Alexander Hack sah aus wie ein Urlauber auf dem Weg zu seinem Liegestuhl. Der Blick des Mainzer Innenverteidigers nach dem 2:1-Sieg in Dortmund war tiefenentspannt, sein Oberkörper nackt, und über die rechte Schulter hatte er lässig ein rot-weißes Handtuch geworfen. In dieser Montur plauderte der fröhliche Vollbartträger über den exzellenten Umschaltfußball seiner 05er in der ersten Halbzeit, die weniger attraktive Abwehrschlacht nach der Pause - und das halbstündige Jubelbad vor den eigenen Fans. Jenen Menschen, die den FSV-Profis sieben Wochen zuvor, nach dem 0:3 in Frankfurt, noch die Rücken zugedreht hatten.

Das aber war nach dem erfolgreich absolvierten Klassenkampf vergessen. »Gigantisch« seien die Feierlichkeiten mit den Mainzer Anhängern gewesen, berichtete Hack - dem natürlich nicht entgangen war, wie Cheftrainer Sandro Schwarz in der sonnengetränkten nordöstlichen Ecke des Dortmunder Stadions zum Zaunkönig im Gästeblock avancierte. »Jeder ist froh, die Strapazen der letzten Wochen vergessen zu können«, beschrieb der 24-Jährige die enorme Erleichterung nach dem vorzeitigen Ligaerhalt. Ehe ihm der Schalk endgültig ins Gesicht schlich. »Ich zwinkere mit einem Auge schon nach Mallorca«, äußerte Hack den Wunsch nach einem kurzentschlossenen Trip auf die Baleareninsel. »Aber ich denke, das ist schwierig - weil wir nächste Woche noch ein Spiel haben.«

Mit dieser Einschätzung lag der gebürtige Memminger absolut richtig. »Der Trainer war schon sehr bestimmt, dass sich beim Feiern keiner zurückhalten darf«, erzählte Kapitän Niko Bungert, nach auskuriertem Muskelfaserriss seit zehn Tagen wieder im Mannschaftstraining, zwar. Doch auch wenn sich Schwarz (»So ganz schlecht war’s da nicht«) gerne an seine beiden Mallorca-Reisen als Coach der Mainzer U23 erinnert, stellte er klar: »Wir müssen schon seriös bleiben.« Sprich: Bremen darf beim Ligafinale am kommenden Sonnabend nicht auf sonnenverbrannte und indisponierte Mittelmeerurlauber hoffen.

Vielmehr sollte Werder damit rechnen, dass die Mainzer dann noch einmal die lustvollen Balleroberungen mit anschließendem schnellen Angriffsspiel praktizieren, mit denen sie zuletzt mit Leipzig und Dortmund zwei Champions-League-Teilnehmer dieser Saison bezwungen haben. Wie sechs Tage zuvor bei seinem Bundesligadebüt gegen RB traf die schmale Kämpfernatur Ridle Baku erneut. Abgezockt wie ein alter Hase veredelte der 20-Jährige das Zuspiel von Jean-Philippe Gbamin nach vier Minuten mit einem halbhohen Schuss mitten ins Tor. Neun Minuten später erhöhte Yoshinori Muto auf 2:0, mehr als den raschen Anschlusstreffer durch Maximilian Philipp brachten die bemerkenswert einfallslosen und behäbigen Dortmunder aber nicht zustande.

Bereits ein Remis hätte dem Team von Peter Stöger (»Die Mainzer waren so präsent, wie man es sein muss, wenn man etwas ganz Großes erreichen will - das hatten sie uns voraus«) das Ticket in die Königsklasse beschert. Nun droht den Schwarz-Gelben noch der Absturz in die Europa League - dann, wenn der Showdown beim direkten Konkurrenten Hoffenheim mit zwei oder mehr Toren Differenz verloren geht und Bayer Leverkusen zeitgleich ein hoher Sieg gegen die nun endgültig geretteten Hannoveraner gelingt.

»Das war eine Leistung zum Schämen - mehr möchte ich nicht sagen«, schäumte Borussias Sportdirektor Michael Zorc nach der Partie gegen den FSV. Stögers Ablösung durch den früheren Mönchengladbacher Trainer Lucien Favre, aktuell bei OGC Nizza beschäftigt, scheint beschlossene Sache. Die selige 05er-Gemeinde dagegen ortete den Schulterschluss mit den pikierten Fans Mitte März - »nach dem Frankfurt-Erlebnis« (Schwarz) - als entscheidenden Wendepunkt hin zum Guten. »Ein Riesenkompliment an Sandro Schwarz und sein Trainerteam - weil er wirklich in allen Situationen ruhig geblieben ist und sein Ding durchgezogen hat«, lobte Sportchef Rouven Schröder, der am Ende sogar Verständnis für Alexander Hacks spontane Mallorca-Idee aufbrachte: »Er hat heute viel geköpft, außerdem schien die Sonne stark.«

So stark, dass Chefcoach Schwarz bei wolkenlosem Himmel und 21 Grad das frühsommerliche Mainzer Märchen genoss. »Es passt perfekt«, kommentierte der 39-Jährige das Ambiente beim Klassenerhalt der Rheinhessen: »Wir haben auf den richtigen Moment gewartet.«

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