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Normalerweise ertrage ich die leidvollen, passiv-aggressiven Geschichten der eifrigen »Tagesspiegel« LeserInnen nicht, die sie über den Morgen-Newsletter »Checkpoint« in die Welt blasen. Es sind meist scheußliche Bezirksamtsgeschichten. Faule Beamte hier, dummdreiste Antworten da. Anstatt sich mit den abgehetzten Stadtverwaltern zu solidarisieren also immer feste druff. Aus den einzelnen Geschichten des Totalversagens wird ein stimmiges Bild, zusammengesetzt aus Zorn auf die da oben. Jeder darf mal sauer sein, wenn er ein Auto oder ein Kind anmelden will und dafür 200 Jahre warten soll, um ein Terminfenster für einen Termin zu bekommen.

Aber es gibt eben auch die schönen Geschichten. Die, die von Menschlichkeit und Wärme und ein bisschen bürokratischem Ungehorsam erzählen.

Und so geschah das Wunder an einem Montagmorgen vor nicht allzu langer Zeit. Um einen Termin für die standesamtliche Trauung zu bekommen, muss man sich ein halbes Jahr (keinen Tag früher!) vor dem gewünschten Termin einen Termin beim Standesamt besorgen. Klar soweit. Auf den dunklen Fluren des Rathauses Pankow herrscht schon eine Stunde vor den regulären Öffnungszeiten Trübsal auf allen Seiten. Niemand geht - das sieht man den Gesichtern an - davon aus, dass irgendjemandes Begehr an diesem Tag zufriedenstellend wegbearbeitet werden kann. Die Standesamtsmitarbeiterinnen (keine Männer in Sicht) nicht, die heiratswütigen Paare nicht. Die Systematik, eine Nummer ziehen zu dürfen, wurde gleich komplett abgeschafft, weshalb sich nur wenige überhaupt trauen, bis in den Strafraum (Standesamt im oberen Stockwerk) vorzudringen. Wer es hierher geschafft hat, steht vor verschlossenen, dicken hölzernen Türen, an denen mittels Zettelkommunikation dafür Sorge getragen wurde, dass ja niemand auf die Idee kommen möge, ungefragt an den Türen zu klopfen.

Daher wartet man, bis sich einer der hölzernen Schlunde auftut und eine Mitarbeiterin von einer Tür zu anderen laufen muss. Man sieht ihr an, dass sie gerade das kürzeste Streichholz unter den Kolleginnen gezogen hat und auf den Flur hinaus muss, um an den Kopierer zu gelangen, der wegen der Elektrosmogbelastung vor Kurzem vom Personalrat in einen extra Raum verfrachtet wurde.

Jetzt brechen alle Dämme, alle stürmen auf die Frau zu und belagern sie mit ihren Fragen, wann und ob es denn überhaupt noch Termine gebe, die Hochzeit, die Hochzeit, sie soll doch in sechs Monaten sein! Die Standesbeamtin meidet jeden Blickkontakt, am liebsten hätte sie wohl so ein Schild, wie es Polizisten auf Demos vor sich herschieben. Dann der entscheidende Satz: »Okay. Die ersten Zehn von Ihnen kommen heute dran.« Es sind insgesamt nur noch vier Paare da. Am Ende landen wir vor einer grundlos netten Kollegin. Mehrere Termine sind noch grün, wir haben die freie Auswahl.

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