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Leipziger Allerleirau

Das »Leipziger Liederbuch« von Ralph Grüneberger und Walter Thomas Heyn zeugt vom Wandel der Zeiten

Neulich verließ ich heiter gestimmt den ansehnlichen Barockwürfel der Handelsbörse am Leipziger Naschmarkt: Ich hatte mir - um es auf Sächsisch zu sagen - ein Gütchen getan an der Inszenierung des »Leipziger Liederbuchs«. Der Dichter Ralph Grüneberger und der Komponist Walter Thomas Heyn hatten, sich einem Grüpplein hingebungsvoll singender und rezitierender junger Leute eingemeindend, ein Halbjahrhundert messestädtischer Geschichte Revue passieren lassen. Markantes Geschehnis: Sprengung der Paulinerkirche 1968, die dem einigermaßen protestierenden Lyriker Grüneberger eine »Zuführung« durch die »Organe« einbrachte.

Indes: Geschichte? Hier ein unangemessener Begriff, er lässt ein arg objektives, makroskopisches Sichten, eines von obenher vermuten. Doch dies ist nun ganz und gar nicht der Fall. Vielmehr sind es Geschichten, die sich warmherzig vorgetragen oder doch angedeutet finden. »Alte«, die in »die Neustadt ziehn, topfen den Vorgarten stückweise ein: Jede Blume hat ihre Zeit abzublühn.« Eine junge Frau sucht im Gedicht »Ach, Feundin« verstört Abbitte zu leisten für einen Seitensprung mit deren Mann.

Solch allgemein Menschliches? Grüneberger wäre nicht Grüneberger, kümmerte er sich nicht um jene (und kümmerte mit ihnen), die Kummer gewohnt sind »unter roten und Rauchfahnen«. Die »in Obdächern und Löchern« zu Hause sind unterm »Alugestrüpp« der Westantennen: »Die bis drei Treppen wohnen, hängen abends/ den Hut an den Nagel mit Vorsicht./ Die vier Treppen wohnen, behalten ihn auf!«

Dies vor 1990. Und danach? »Aus den Häusern sind/ Immobilien geworden. Die City ist filetiert.« Der Dichter lässt eine »Stanzerin« dies berichten: »Das Werk, in dem ich Blech schnitt, ist jetzt Schrott. (...) Mein Mann wird langsam mir zum Bruder:/ Schlapp kommt er freitags, pendelt montags fort./ Ich sehe fern und rubble Postwurflose.« Ein arbeitsloses Elternpaar legt nahe: »Iß langsam, Kind, mußt du so schnell nichts werden.«

Kurzum: Diese Edition, fokussiert auf die mittachtziger und die derzeitigen mittzehner Jahre, gibt sich als nekrologischer Befund, ausgestellt auf das Vorwende-Leipzig, sowie als ätzender Bescheid aus dem der Nachwende. All dies hinterschimmert von einer unfraglichen Zuneigung zu den Tieflandsbucht-Bewohnern. Dem gekonnten Handhaben des Verses, insbesondere des Vers-Sprungs (»die Arbeit ruht/ in den Händen der Werktätigen«), antwortet die zu begrüßende Eingängigkeit der Kompositionen; sie kosten die Vielfalt der Formen aus bis hin zur Fuge, bis hin zur Zwölftönigkeit. Allerdings, so deucht mich, bietet Heyn, einstmaliger Meister-Schüler keines Geringeren als Siegfried Matthus, zu wenig Sarkasmus auf, wenn es von der Braunkohlen-Luft heißt, sie sei »zum Schneiden«. Vielleicht der Ohrgefälligkeit wegen hält er ein mitfühlendes Entsetztsein zurück, wenn die Schank-»Wirtin«, im so benannten Rollengedicht, sich nachts dem »Durst in eigener Sache« ausgesetzt sieht, nun dem libidinösen, und mutterseelenallein ihre »Hüte ums Viereck« führt.

Das »Leipziger Liederbuch« ist eine erfreulich »runde Sache«. Denn nicht nur, dass es mit zwei CDs und Partitur-Beispielen sowie gediegen dem Alltag abgewonnenen Fotografien unter anderem von Sigrid Schmidt ausgestattet ist - Grüneberger offeriert auch einen Bericht über seine Querelen mit der DDR-Zensur der 80er Jahre (inkl. Dokumente), der ihm gleichwohl Gelegenheit gibt, das Feuilleton dieser Zeitung, des zeitgenössischen »nd« also, zu belobigen.

Ralph Grüneberger, Walter Thomas Heyn: Leipziger Liederbuch. Edition Kunst & Dichtung, 116 S., geb., mit Fotografien, Dokumenten, Noten und 2 CDs, 24,90 €.

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